Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Anschreiben gegen Leere und Angst

Urs Faes dokumentiert in «Halt auf Verlangen. Ein Fahrtenbuch» die Behandlung seiner Krebskrankheit und resümiert ein Leben als Schriftsteller.

Von Eva Pfister

Früher konnte man im Laden anschreiben lassen. Auch die Mutter des Protagonisten im neuen Buch von Urs Faes schrieb die Schulden ihrer KundInnen in ein kleines Heft mit gelben Blättern und blauen Linien. In solche Hefte begann auch der Sohn zu schreiben, um anzuschreiben gegen das Schweigen der Eltern, gegen die Stille im Haus. Diese wurde unerträglich, als der kleine Bruder starb, der behindert war und doch als Einziger eine unbefangene Fröhlichkeit verbreiten konnte.

Der Protagonist in «Halt auf Verlangen» hat keinen Namen, er ist nur «er». «Er schrieb immer, wenn etwas fehlte und er taumelte.» Er schrieb, um sich festzuhalten, wenn der Boden unter seinen Füssen schwankte. Das ist jetzt wieder so, als er in fortgeschrittenem Alter eine Krebsdiagnose erhält. Auf dem Weg zur Bestrahlung greift er im Tram zum Stift und schreibt auf, was er beobachtet. Seine Mitfahrenden, die ganz Normalen und die, die singen oder schimpfen oder sogar lustig sind und ihrem Vordermann heimlich einzelne Pommes frites aus der Tüte stehlen.

Die Radiologie als Hades

«Er» ist auch ein Alter Ego des Autors. Urs Faes hat vor vier Jahren die Krebsdiagnose bekommen, hat diese Behandlung erlebt und er-fahren. So beschreibt er in seinem Alltagsfahrtenjournal, wie er von Montag bis Freitag mit dem Elfertram in Zürich hinauf zur Klinik Balgrist fährt, dann mit dem Lift ins Untergeschoss, um dort seinen ärztlich tätowierten Unterleib den Strahlen auszusetzen. Über die Krankheit und deren Symptome schreibt Urs Faes wenig, aber er schildert präzise die Abläufe in der Radiologie. Die sind erstaunlicherweise genauso spannend zu lesen wie die alltäglichen Begebenheiten im Tram. Denn Faes beschreibt diese Vorgänge mit einer dichten, mythisch aufgeladenen Sprache, sein «er» verfügt über eine gesteigerte Wahrnehmung angesichts der akuten Bedrohung des Lebens.

So wird ihm die Radiologie im Keller zur Unterwelt, zum Hades, die Assistentinnen zu Schicksalsgöttinnen, und sogar das Aquarium im Warteraum verursacht ihm Albträume: «Als ein Zierfisch heranschoss, erschrak er, wandte sich ab, dachte an Piranhas, die in Dschungelgewässern Menschen in Sekundenbruchteilen bis auf das Skelett abnagten, eine Hand ins Wasser gesteckt, und schon eine Knochenhand.» Die Angst vor dem Tod ist in dieser Unterwelt allgegenwärtig, und wenn die Assistentinnen nach der Bestrahlung wieder zu ihm hereinkommen und sagen: «Es ist vorbei», so hat auch dieser beruhigend gemeinte Satz für den Patienten einen bedrohlichen Unterton.

Ist alles vorbei? Nicht nur das Leben könnte enden; was auf jeden Fall durch diese Krankheit schon beschnitten wird, ist die Sexualität. Im ersten Kapitel beschreibt Urs Faes eine leidenschaftliche, lebensfrohe Liebesnacht, voll mit einer Leichtigkeit, die sein «er» selten zu leben vermag. Das Kapitel heisst «Vorfahrt: Ein Abschied». Ist das jetzt vorbei, für immer?

In dieser Lebenskrise sickert auch die Vergangenheit wieder ins Bewusstsein ein. Er erinnert sich an andere Fahrten, an jene mit seinem Vater, der als Tramführer eine Vorortbahn durch das «Thal» lenkte. Schweigsam war dieser Vater, ein asthmatischer Husten quälte ihn. Als er eines Tages einen Unfall verursacht hatte, legte er sich ins Bett, um nicht mehr aufzustehen. Jahrelang war er zu Hause und doch noch abwesender als vorher. Auch diese Abwesenheit war ein Antrieb zum Schreiben, der Sohn «hielt sich an Worte gegen das Fehlen, das Nichtmehrdasein des Vaters (…), manchmal, selten, gelang das Erzählen, das zur Passion wurde, die vergessen liess, was war».

Zerrbilder von sich selbst

Unter den Gestalten, die sich ins Bewusstsein drängen, sind auch die geliebten Frauen: Mile und Eva, Iris, Meret und Ruth. Es bleibt in der Schwebe, ob es erinnerte oder erfundene Gefährtinnen sind oder auch erinnerte Frauen, die indes beim Schreiben zu anderen geworden waren. Urs Faes lässt an dieser Stelle Figuren aus früheren Büchern wieder aufleben und fragt sich auch, wer er selber in diesem erinnernden Erzählen war. «Ein Ich oder ein Er, das ein Anderer war? (…) Welche Rollen hatte er angenommen, im Leben, im Schreiben?»

Eine Freundin warf ihm vor, dass er sich hinter Zerrbildern von sich selbst verkrieche: «Machst aus dir einen, der nicht versteht, einen, der sich duckt, statt aufrecht zu stehen, einen, der wartet, statt etwas zu tun.» Eine andere hielt seine Schwermut nicht mehr aus. Noch eine andere, die erste geliebte Frau, war ihm zur imaginären Begleiterin in seiner Jugend geworden, ihre fantasierte Anwesenheit hatte sein Leben aufgehellt. Auch dadurch wurde er zum Schriftsteller. «Und er gewahrte, dass ein Gelebtes, oder das Leben überhaupt, ihm nie so sehr gehörte, als wenn er es erfunden hatte.»

Es ist faszinierend zu lesen, wie schonungslos genau Urs Faes das Dasein eines Schriftstellers reflektiert, mit allen Licht- und Schattenseiten, mit allen Mängeln und Möglichkeiten.

Der Autor liest in Solothurn am Fr, 26. Mai 2017, um 10 Uhr und am Sa, 27. Mai 2017, um 11 Uhr und 16 Uhr.

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