Nr. 46/2010 vom 18.11.2010

Liftman in Bukarest

Von Ruedi Widmer

Frühmorgens. Im Nebel tauchen zwei Lichtstrahlen auf, sie blenden, ein grosser weisser LKW rollt heran. Wir sind am Zoll in Buchs SG. Der Zöllner winkt den LKW durch und strahlt übers ganze Gesicht. Darauf folgen weitere Lastwagen, die Schlange hört nicht mehr auf. Zwischen den Lastwagen fahren zwei dunkle S-Klasse-Mercedes hintereinander. Im vorderen sitzt Herr Alfred N. Schindler, fast bis auf die Unterwäsche enteignet, im hinteren sein Mundwerk. Herr Schindler ist mit seinem Tross unterwegs in seine neue Heimat Rumänien. In den LKWs werden neben den Industrieanlagen der Liftfabrik Schindler hauptsächlich die grossformatigen Drohkulissen von Economiesuisse transportiert, die Schindler am vergangenen Wochenende hin- und hergeschoben hat. Es sind Kulissenwände, schwarz getüncht, von Krankheit und Verderben gezeichnet. Sie sind ansteckend. Wer sie berührt, fällt in ein Klagelied, so ätzend wie alle Chöre von «Kampf der Chöre» zusammen. Und verspürt den Drang, sofort das Land zu verlassen; dieses enge, furchtbare Land Schweiz mit seinen furchtbar verwöhnten, undankbaren, neidischen und frechen Bewohnerinnen und Bewohnern.

Oh, Rumänien, güldenes Land! Alfred N. Schindler erpresst im Fond seines Mercedes einen frischen Orangensaft. Es ist höchste Zeit, ins prosperierende Rumänien zu gehen, denn die Lifte im ehemaligen Palast von Nicolae Ceausescu in Bukarest bedürfen einer Erneuerung; zudem will Graf Dracula in seinem Schloss endlich einen Lift einbauen, weil er auch nicht jünger wird. Macht zusammen 272 Lifte (vgl. Schweiz 186 Lifte).

Die RumänInnen übrigens, die arbeiten wie verrückt, wenn man ihnen droht. Den MitarbeiterInnen drohen, das war in der Schweiz nahezu unmöglich, die waren viel zu gut ausgebildet (lesen, schreiben, freche Schnauze) und drohten selber, mit dem «Beobachter».

Eigentlich findet Alfred N. Schindler, seine Lifte seien für die da, die nach oben wollen. Nicht für die, die schon oben sind und mit denen es nur noch nach unten gehen kann. Die SchweizerInnen seien vor lauter Wohlfahrt KommunistInnen geworden. Alle Superreichen wollen jetzt weg, in die freie Welt, nach Rumänien, Uganda oder China.

Die Superreichen kamen sich am Schluss in der Schweiz sehr alleine vor. Nein, sie hatten sich nicht in ihren grossen Villen in Wollerau verloren, die so gross sind, dass ihre breiten und langen Gänge eigentlich Namen tragen und bei Google Maps eingezeichnet sein müssten. Nein, den Superreichen sind die übermenschlichen Fähigkeiten genommen worden. Ihr Röntgenblick, mit dem sie durch alles ausser Blei schauen konnten, die Fähigkeit, zu fliegen, ihr Supergehör: Alles ist beim Steueramt gelandet.

Bukarest. Alfred N. Schindler steigt aus dem vorderen Mercedes und holt sich im hinteren Mercedes sein Mundwerk.

Dann schreitet er durch sein Bukarest. Vom rumänischen Standortmarketing herangekarrtes Volk winkt mit Fähnchen und wirft Konfetti. Schindler hat sein blaues Kostüm angezogen, das die Schweizer Steuerbehörden ihm als einziges nicht weggenommen haben. Es wird komplettiert von roten Überhosen, roten Stiefeln, einem gelben Gürtel und einem langen roten Cape. Auf der Brust das «Superreichen»-Zeichen – bestehend aus einem grossen roten S, umschlossen von einem gelben Schild mit einem roten Rand. Aus Boxen plärrt «Lift Me Up» von Moby.

Alfred N. Schindler schlendert gelöst durch Bukarest, für einmal ohne Bodyguard, ergriffen vom warmen Empfang der RumänInnen. Wie viel besser Rumänien doch ist als die Schweiz, wo jeder zweite Einwohner ein krimineller Ausländer ist!

Zwei Stunden später, bei der Patriarchskathedrale. Alfred N. Schindler wird überfallen – von drei aus der Schweiz ausgeschafften Rumänen. Sein «Superreichen»-Zeichen haben sie abgerissen, sein Gewand ist zerschlissen, sein Geld ist weg – sein Traum geplatzt.

Zum Glück hat Schindler seine Drohkulissen mitgenommen. Nun droht er damit den RumänInnen mit dem Auszug nach Weissrussland.

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