Nr. 48/2010 vom 02.12.2010

Aus der Hölle zur Deutschen Bank

Der Kapitalismus eine Religion? Keine neue Botschaft, aber Christoph Fleischmann beschreibt in seinem spannenden Buch, wie sich das Christentum in den Kapitalismus eingeschlichen hat.

Von Roman Schürmann

Es heisst, der Ruf nach einem «neuen Menschen» sei fatal, wie die Geschichte gezeigt habe. Nun war aber auch unser gegenwärtig vorhandener «Mensch» nicht schon immer auf dieser Welt, sondern hat sich im Abendland in den letzten Jahrhunderten herausgebildet und den «alten Menschen» allmählich «erneuert» und abgelöst.

So zumindest zeigt es der studierte Theologe und Journalist Christoph Fleischmann in seinem Band «Gewinn in alle Ewigkeit». Im Schlusswort schreibt er, «dass die Logik der kapitalgetriebenen Wirtschaft bestimmte Bewusstseinsformen und Verhaltensweisen evoziert hat, die im Gegensatz standen zu bis dato gültigen religiösen Grundsätzen». Gleichzeitig habe diese Logik «aber von der Religion eine metaphysische Konstruktion der Welt übernommen und sich somit selbst als religiöses Denken etabliert». «Kapitalismus als Religion», so heisst nicht nur das Buch im Untertitel, sondern auch eine knappe Skizze des deutschen Denkers Walter Benjamin, die Fleischmann als Ausgangspunkt seines Essays bezeichnet.

Fleischmann belegt auf seiner historischen Exkursion, dass die Bilder vom «Menschen» nicht nur veränderlich sind, sondern auch veränderbar – will heissen: Wer Interessen zu verteidigen und die nötige Macht hat, sorgt für genehme Verhältnisse, im Himmel wie auf Erden, und bastelt damit aktiv am «Menschen» mit. Die Reise beginnt im Jahr 1300 in Dantes Hölle: Dort geht es noch ganz christlich zu und her, Habgier ist eine Todsünde, Zinsgeschäfte ein Verstoss gegen die von Gott geschaffene Ordnung der Natur. Die Wucherer sitzen zusammen mit den Sodomiten und den Gotteslästerern weit unten im Höllentrichter auf heissem Sand, von oben rieseln Feuerflocken. «Es ist für Dante widernatürlich, Gewinne aus Geldgeschäften zu erhoffen», stellt Fleischmann fest. «Wahre Werte werden nur durch die menschliche Arbeit im Verein mit der Natur erschaffen» – eine Position, die in jener Zeit mehrheitsfähig ist.

Fleischmann gelingt es in der Folge, schlüssig das Werden des vom Profit getriebenen «Menschen» darzustellen. Er verknüpft geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen mit einer genauen Lektüre zeitgenössischer Werke, darunter Bernard Mandevilles «Bienenfabel», Johann Wolfgang Goethes «Faust» oder (natürlich) die Schriften Adam Smiths.

Im abschliessenden Kapitel präsentiert Fleischmann im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Finanzkrise ein interessantes Fundstück, nämlich die Dissertation des Schweizers Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank und Vorkämpfer neoliberalen Gedankenguts, in der dieser sich als Keynesianer zu erkennen gibt. Doch, so erklärt Fleischmann, das sei kein Widerspruch, denn beim Streit um den neoliberalen Ansatz gehe es eben nicht um die Frage, welche Wirtschaftstheorie die richtige, bessere sei, «sondern um die Durchsetzung eines Klassenstandpunktes mithilfe einer Theorie». Und wenn es «die Situation erfordert, zeigt sich die herrschende Klasse in der Wahl ihrer Mittel flexibel».

Alternativen zum herrschenden Wirtschaftssystem werden im Buch kurz angedeutet; in einem Gespräch auf Radio Bremen antwortete Fleischmann auf die Frage, welchen Glauben ein Leser nach der Lektüre abgelegt haben sollte: «Den Glauben an den ewigen Gewinn, der sich immer weiter fortsetzt, und den Glauben, dass es einen Gewinn ohne Reue gibt, einen Gewinn, der nicht auch irgendwem schadet.»

Gleichzeitig ist Fleischmann wenig optimistisch, dass der zum Kapitalismus passende «Mensch» bald verschwinden wird. Der deutsche Literaturwissenschaftler Joseph Vogl hat das im Buch «Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen» (2002) wie folgt formuliert: In den vergangenen und künftigen Gestalten des ökonomischen Menschen sei «das haltbarste Exemplar unter all jenen Versuchen auszumachen, die, wie hoffnungsvoll auch immer, sich anschickten, einen anderen ‹neuen Menschen› in Aussicht zu stellen».

Am Ende schreibt Fleischmann: «Wenn es gelungen wäre, mit Blick auf [die im Buch dargestellten] Veränderungen einige unserer gegenwärtigen Selbstverständlichkeiten zu irritieren, so wäre das Ziel dieses Textes erreicht.» Menschen aller Länder, lasst euch irritieren!

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