Nr. 48/2010 vom 02.12.2010

Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen

Der Filmemacher Peter Liechti erhält dieser Tage den Zürcher Kulturpreis. Gleichzeitig ist ein Buch mit Texten von ihm erschienen, die parallel zu seinen Filmarbeiten entstanden.

Von Adrian Riklin

«Lauftext» – der Titel passt. Zum einen ist da der Lauf der Bilder, denen sich der Autorenfilmer Peter Liechti seit den frühen achtziger Jahren verschrieben hat. Und da ist das «Laufen», Unterwegssein im Inneren wie im Äusseren, das ein zentrales Motiv in Liechtis Arbeit darstellt. Es bringt sich hier ein Ich zum Ausdruck, das sich auf seinen Irr-, Ab-, Um- und Auswegen permanent selbst beobachtet – und aus dieser Haltung auf ihm fremde (und fremd gewordene) Umgebungen schaut.

Liechtis Notizen aus den vergangenen 25 Jahren vereinen Tagebuch- und Arbeitsnotizen, essayistische Passagen und innere Monologe. Was die Texte miteinander verbindet, sodass sie als ein einziger «Lauftext» in Kapiteln gelesen werden können, ist die Radikalität, mit der Liechti immer wieder sich selbst ins Zentrum der Untersuchungen stellt. Aus der exzessiven Selbstkritik kommt seine Kulturkritik – und macht aus «Lauftext» ein Buch, das sich in ein Regal mit Werken von Ludwig Hohl, Max Frisch oder Paul Nizon stellen liesse.

Seismografie des Selbst

Am Anfang steht der Sprechtext zum Film «Ausflug ins Gebirg» aus dem Jahre 1986. Ein Text, der lautmalerisch auf die vorarlbergische Landschaft und ihre Namen reagiert. Schon hier zeigt sich ein wichtiges Prinzip von Liechti: Er setzt sich aus (der Landschaft, der Einsamkeit, der Leere) – und zeichnet auf, wie ihm geschieht. Diese Seismografie des Selbst weitet sich aus und erfasst die Räume. Immer wieder gelingt es Liechti, Stimmungen, die sich ausbreiten oder verdichten, poetisch so zu präzisieren, dass daraus eine erhellende Kulturkritik entsteht.

So etwa beschreibt Liechti in einem Arbeitstext zu seinem bislang einzigen Spielfilm «Marthas Garten» (1997) am Beispiel der veränderten Innenarchitekturen und Verhaltensweisen in Cafés den Niedergang einer ganzen Kultur: «Gedanken verkleben zu bleichen Häppchen, gelecktes Gebäck die Gesichter rundum. Nichts ist vorgeschrieben, doch jeder hält sich daran – raschelt mit der Zeitung, hustet ins Papier.»

Liechtis Blick auf diese Welt ist geprägt von Traurigkeit. Voyeuristisch wird er nie, dazu hat er zu viele Skrupel. Die Haltung des Fremden, die Liechti einnimmt (auch gegenüber sich selbst), diese negative Verwunderung, wird besonders deutlich in den Reisenotizen aus den USA (1990), jenem Land, in dem «alles auf Durchquerung und Überwindung angelegt» scheint: «Verweilen ist verdächtig, Berühren anrüchig – dieser Aufwand an Geräten, um Berührung zu vermeiden!»

Die Kritik an der Welt und ihrer ästhetisch-moralischen Kaputtheit richtet Liechti immer wieder auch auf sich selbst. Damit verbunden ist stets auch der Versuch, über das Dokumentieren hinauszugehen, zu verändern. Die drei Marschtagebücher zum Filmessay «Hans im Glück» (2003) dokumentieren Liechtis Versuch, das Rauchen aufzugeben. Dies verbindet er mit einer Wanderung von seinem Wohnort Zürich in seine Heimatstadt St. Gallen, festgehalten mit der Kamera. Die Hoffnung, auf diesem Weg zu einer horizonterweiternden Wahrnehmung zu gelangen, erweist sich als trügerisch: «In Afrika habe ich mir aufgeschrieben: Ich werde noch eine Weile suchen müssen, bis ich herausgefunden habe, was ich hier zu suchen habe ... So ähnlich geht’s mir jetzt hier. Je weiter ich komme, umso weniger wird mir klar, wozu diese Reise gut sein soll.»

Im Flipperkasten der Zivilisation

Liechti gibt Einblicke bis tief in die Zonen der Selbstzweifel. Im «Logbuch 2003» zitiert er einen Kollegen, der «Hans im Glück» als «a film about nothing» beschreibt. Von diesem Titel ist Liechti derart begeistert, dass er beschliesst, diesen Film zu machen, «damit ich einmal das Plakat an der Wand hängen sehe, auf dem NICHTS steht». An anderer Stelle sinniert er: «Statt uns zu fürchten vor dem gewaltigen Nichts, sollten wir vielleicht lernen, es zu lieben. Uns nach hinten zu lehnen und dem Nichts zu lauschen. Mitten im Flipperkasten unserer Zivilisation das grosse alte Nichts herauszuhören – und es zu geniessen.»

Mit dem Film «The Sound of Insects» (2009) – preisgekrönt als bester europäischer Dokumentarfilm – ist Liechti dem Vorhaben schon sehr nahe gekommen.

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