Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

Tierische Liebe

Mit vollem Körpereinsatz: Im neuen Film von Nicolette Krebitz holt sich die Heldin einen gefährlichen Liebhaber ins Haus. Atemberaubend.

Von Florian Keller

Ein Film, der das Tier in uns nicht bloss behauptet, sondern förmlich ausschwitzt. STill: «Wild»

Ist das jetzt Liebe auf den ersten Blick? Eines Tages steht er einfach da, und Ania, gebannt von seiner Erscheinung, bleibt wie angewurzelt stehen. Einen Moment lang hält die Zeit den Atem an, dann gehen die beiden wortlos auseinander. Doch Ania scheut keine Mühe, um den Fremden in ihre Wohnung im Plattenbau zu holen. Gefährlich? Mag sein, aber ihr Begehren ist stärker. Sie machen dann Liebe, irgendwie. «Jetzt mach ich uns Frühstück», sagt Ania danach freudig. Er aber sagt immer noch nichts, leckt bloss die Eier auf, die sie hat fallen lassen. Der Geliebte kann ja nicht reden, denn er ist ein Wolf (und davor hat er schon woanders geleckt).

Jesses, wo sind wir denn hier gelandet? Sicher nicht im neuen «Dschungelbuch», sondern im aufregendsten deutschen Spielfilm der letzten Jahre. Er heisst «Wild» und kommt von einer Frau, die bislang vor allem als Schauspielerin bekannt war: Nicolette Krebitz aus «Bandits», man sieht sie auch als Covergirl auf dem Album «Get Ready» von New Order. Und einfach macht sie es niemandem mit ihrem dritten Film. Sich selbst nicht, ihrer Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg schon gar nicht, die sich im Nahkontakt auf das Spiel mit einem ausgewachsenen Wolf einlassen musste – und auch uns nicht, dem Publikum. «Wild», das ist ein widerspenstiger Liebesfilm über eine Schöne, die selber ein bisschen zum Biest wird. Ein Film auch, der das Tier in uns nicht bloss behauptet, sondern förmlich ausschwitzt. Da kann man manchmal fast froh sein, dass Kino nicht riecht.

Der Hunger im Blick

Allein schon, wie Lilith Stangenberg diese Ania spielt, diese furchtlose Körperlichkeit: ein Ereignis. Zunächst ist sie bloss ein beziehungsloses, schlurfendes Etwas, das in seiner bleichen Winterjacke wie ferngesteuert den Alltag absolviert, inklusive Schiessübungen und Besuche am Krankenbett ihres Grossvaters im Spital, dessen leere Wohnung sie hütet. Erst die Begegnung mit dem Wolf schreckt sie auf, versetzt sie in einen fiebrigen Wachzustand, der dann auch ihren Chef (Georg Friedrich) irgendwie anmacht. In ihrem Blick ist jetzt ein Hunger, der sich bald ihres ganzen Körpers bemächtigt. Es ist, als ob ein fremdes Wesen von ihr Besitz ergriffen hätte, aber dieses Wesen, das ist sie selbst.

Frau liebt Wolf: Das ist ein Motiv, das längst ganze Regale von Bekenntnisliteratur füllt. Da wird der Wolf als heiliges Tier eines schamanischen Feminismus beschworen, als Ermächtigungsgehilfe für die spirituelle Erweckung der Frau, und die einschlägigen Bücher heissen «Wolfsspuren», «Wolfssonate» oder auch, ganz ungeniert, «Wolfsküsse». Als Urmutter dieser Welle darf die US-Psychologin Clarissa Pinkola Estés gelten, die in ihrem Bestseller «Die Wolfsfrau» (1993) eine wölfisch inspirierte Rückkehr zu sogenannt «weiblichen Urinstinkten» propagierte.

Von solchen naturmystischen Auswüchsen will der Film von Nicolette Krebitz nun aber gar nichts wissen. Das hört man schon im Soundtrack, der nicht etwa eine organische Wildheit beschwört, sondern die Abnabelung von der Gesellschaft auch mal im computerisierten Soul von James Blake besingt. Zwar verkörpert der Wolf auch für Ania die Verheissung eines anderen Lebens, jenseits von gesellschaftlichen Zwängen zwischen Büro und Betriebsfest. Aber der Film kommt dabei ohne jede Romantisierung des Wilden aus – schon deshalb, weil es «die» Wildnis hier gar nicht gibt. Diese Liebesgeschichte ereignet sich zwischen ostdeutschen Plattenbauten und angrenzendem Unterholz; was hier wuchert, ist eine struppige Restnatur. Selbst die Ödnis, in die das Liebespaar am Ende durchbrennt, ist von Menschen gemacht.

Hinter jedem Wäldchen

Nicolette Krebitz bedient also gerade nicht die Sehnsucht nach einer unverfälschten Natur, die sonst wieder hoch im Kurs steht: von der archaischen Überlebensübung in «The Revenant» bis zur biederen Alltagsflucht in Peter Stamms neustem Roman «Weit über das Land». Kaum zurück aus den Familienferien, läuft bei Stamm ein Buchhalter einfach davon aus seinem bürgerlichen Leben. Ohne Ziel unterwegs in Richtung Voralpen, fühlt er sich endlich «gegenwärtig wie sonst nie», wie er als menschenscheuer Vagabund übers Land geht – gar nicht so einfach in der zersiedelten Schweiz, wo hinter jedem Wäldchen das nächste Dorf lauert.

Mehr Auslauf hat da naturgemäss der junge Norweger, der sich demnächst im Spielfilm «Out of Nature» aus seinem Alltag mit Frau und Kind abmeldet. Martin heisst er, gespielt wird er von Regisseur Ole Giaever selber, und er wirkt wie das Abziehbild des kastrierten Familienvaters, der dem Phantombild einer ungezähmten Männlichkeit nachtrauert. Auf einer Wanderung durch die freie Natur probt er jetzt den Ausbruch: «Einfach nur allein sein, bis ich weiss, wer ich wirklich bin.» Die Wildnis als Katalysator für eine Selbstfindung in der Selbstvergessenheit? So hofft der Mittelstandspapa, seiner Lebenskrise zu entkommen, und er geht einem schon bald gehörig auf den Wecker dabei.

Die Wildnis hilft auch nicht

Das hat aber immerhin System. Der Film ist nichts Besonderes, aber so blöd ist er auch nicht, dass er uns den Naturparcours seines Helden ernsthaft als Pfad zur Katharsis verkaufen will. Die Wildnis hilft auch nicht weiter in «Out of Nature», sie hält bloss neue Peinlichkeiten für Martin bereit, bis dieser buchstäblich im Boden versinken möchte. Aber nicht mal das klappt.

Schon frappant: Der selbstgewählte Ausstieg in die Natur, ob heilsam oder fatal, ist fast immer Männersache, das reicht von Henry David Thoreaus «Walden» (1854) bis zu «Into the Wild» (2007) von Sean Penn oder eben zu Peter Stamm. Dabei sind solche Rückzugsfantasien ja längst warenförmig, also Trash geworden: Was bei Sean Penn noch als Tragödie eines Aussteigers durchging, der als Einsiedler in der Wildnis elendiglich krepierte, kehrt heute in der gemeinschaftlichen Farce der «Dschungelcamps» wieder. Und das Signet der Abgeschiedenheit ist die Anzeige «Kein Netz» auf dem Smartphone.

Nur folgerichtig, dass die Natur bei Ole Giaever eine zwar imposante, aber auch total indifferente Kulisse für die Flucht des Mannes vor sich selbst ist. Und wir können sie nicht mal richtig geniessen beim Zuschauen, weil dieser Langweiler andauernd aus dem Off seine Selbstzweifel über den Bildern ausbreitet – ein innerer Monolog des Selbstmitleids, der um die üblichen existenziellen Probleme kreist, die ein entmannter westlicher Familienvater halt so mit sich trägt. Zu wenig Sex, zu wenig Freiheit, zu wenig Sex und überhaupt zu wenig Abenteuer im Leben, das heisst: zu wenig Sex.

Der Mann in der Sinnkrise sucht also nicht die gefährliche Nähe zum Tier, die Begegnung mit dem wirklich Anderen, wie Ania in «Wild». Er macht lieber selber den einsamen Wolf in seiner Softshell-Jacke. «Raus, aber richtig», wie es in der Werbung einer Outdoorfirma heisst: Das ist ja nicht so sehr ein existenzielles Versprechen als eine Anweisung, sich gegen die Zumutungen der Natur fachgerecht zu imprägnieren.

Staunen über sich selbst

Nicolette Krebitz macht sich darüber sogar einmal lustig in «Wild». Als Ania den Wolf betäubt und in ihre Wohnung gebracht hat, wappnet sie sich erst mal notdürftig mit Helm und Schlafsackpolster, als sie dem Tier das Essen bringt – ein grotesker Aufzug, in dem sie aussieht wie ein Joseph Beuys mit Outdoorfetisch. (Beuys hauste einst fünf Tage lang allein mit einem Kojoten in einer New Yorker Galerie, für seine Aktion «I Like America and America Likes Me», 1974.) Die Liebe zum Tier macht Ania nie sentimental, im Gegenteil. Als sie einmal lebende Kaninchen in der Wohnung aussetzt, als Futter für ihren Wolf, spricht sie den Tierchen noch Mut zu: «Toi, toi, toi.»

Wie sie ihrem Geliebten am Ende ins Nirgendwo folgt, hat Ania so ein flirrendes Staunen im Blick, nicht von dieser Welt und doch ganz irdisch. Es ist, als ob ihr Blick sagte: Was mach ich da eigentlich? Und plötzlich ist alles möglich.

Ab 28. April 2016 im Kino.

«Out of Nature» kommt am 5. Mai ins Kino.
«Weit über das Land» von Peter Stamm ist bei S. Fischer erschienen.

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