Nr. 49/2010 vom 09.12.2010

Der Sommer in zwölf Jahren

Pedro Lenz will sich nicht über die Fussball-WM in Katar aufregen.

Von Pedro Lenz

Jetzt müsse ich unbedingt sofort eine scharfe Kolumne über die Vergabe der Fussball-WM an den Wüstenstaat Katar schreiben, sagen in diesen Tagen viele Bekannte. Da nützt es auch nichts, wenn ich antworte, ich hätte sehr wenig Lust, im Zusammenhang mit Fussball an Katar zu denken. Das sei doch genau der Punkt, meinen dann die Leute um mich herum. Eine Weltmeisterschaft im Fussball in einem Land auszutragen, in dem es etwa gleich viele lizenzierte Fussballer gebe wie in der Stadt Bern Securitaswächter, das sei doch ein Riesenskandal, und da könne man wieder sehen, wie korrupt der ganze Sport schon geworden sei und wie das Geld wieder einmal die Welt regiere und ein grosses Etcetera.

Die Weltmeisterschaft, um die an hiesigen Stammtischen gestritten wird (und mit Stammtischen sind auch all die Millionen von unsäglich blöden Blogs und Twittereien mitgemeint), soll in zwölf Jahren stattfinden. Wer weiss heute schon, was in zwölf Jahren ist? Soll ich mich als Fussballfan nun zwölf Jahre lang täglich darüber ärgern, dass die Fussball-WM in zwölf Jahren in einem Land stattfindet, das bis heute kaum etwas mit Fussball am Hut hatte? Soll ich mich zwölf Jahre lang täglich darüber ärgern, dass wir im Sommer 2022, wenn nichts dazwischenkommt, in irgendeiner Gartenbeiz Direktübertragungen aus klimatisierten Stadien in Katar sehen werden? Soll ich mich zwölf Jahre lang jeden Tag fragen, ob es in Ordnung ist, dass die Fans, die 2022 aus aller Welt nach Katar reisen, kein Bier werden trinken dürfen, während wir Daheimgebliebenen uns bestimmt das eine oder andere Spielchen werden schönsaufen müssen?

Nein, ich weigere mich, mich so kurz nach dem Ausschafferei-Triumph wieder zu ärgern, wieder zu empören, wieder machtlos zu fühlen und meine ganze Empörung einem derartigen Nebenschauplatz zu widmen. Denn all die Millionen von Fans, die sich jetzt darüber aufregen, dass 2022 in Katar Fussball gespielt werden wird, spielen das Spiel der Fifa mit.

Das Spiel der Fifa hat eine einfache Grundregel. Diese lautet ungefähr so: «Fussball ist die Fifa, und die Fifa ist Fussball.» Die Fifa hat sich selbst und ihre Weltmeisterschaft in den letzten Jahrzehnten derart aufgeblasen, dass dabei fast vergessen geht, dass es schon vor, neben und ausserhalb der Fifa immer Fussball gegeben hat. Allein die Zeitungsartikel über diese Show, in der in Zürich 22 ältere Herren zwei Weltmeisterschaften vergaben, haben vermutlich mehr Raum eingenommen als die Regionalsportberichterstattung der letzten fünfzig Jahre.

Fussball ist ein wunderbares, ein grossartiges, ein fantastisches Spiel. Er lässt sich auf dem Pausenhof eines Dorfschulhauses genauso gut spielen wie in Katar oder Korea. Aber wenn die Fifa Weltmeisterschaften vergibt und so tut, als gäbe es keine wichtigeren Themen auf der Welt, steht die ganze Weltpresse stramm. Und heute, wo so viele ZeitgenossInnen höchstens noch das Verfallsdatum auf den Joghurtdeckeln und die Bildlegenden in den Gratiszeitungen lesen, fragt dann niemand mehr danach, wie relevant die Meldung über Katar 2022 genau ist.

Kann Katar eine Fussball-WM durchführen? Ist es ökologisch sinnvoll, in einem Land eine Fussball-WM auszutragen, in dem die Stadien um zwanzig Grad heruntergekühlt werden sollen? Hat Katar den Vorzug gegenüber anderen Bewerbungen bekommen, weil das Land finanziell so potent ist? Das sind grob zusammengefasst die Fragen, die in diesen Tagen erörtert werden. Dabei würden wir besser fragen: Gibt es den Fussball dank der Fifa, oder ist es eher umgekehrt? Und wie lange wollen wir uns wegen zwei Dutzend älterer Männer in dunklen Anzügen ärgern, wenn derweil Millionen von Menschen auf der Welt mit Lust und Leidenschaft einem Ball nachjagen, ohne dabei einen müden Gedanken an die Fifa zu verschwenden?

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