Nr. 02/2012 vom 12.01.2012

Gibst du mir, geb ich dir

Der Weltfussballverband wird immer wieder von Korruptionsskandalen erschüttert. Neuerdings gibt sich Präsident Joseph Blatter allerdings als Reformer, der die Fifa in seiner letzten Amtszeit zur Transparenz führen will. Davon sei wenig zu halten, schreibt der Journalist Jens Weinreich, der seit zwei Jahrzehnten über die Fifa recherchiert hat und zahlreiche Skandale aufdeckte.

Von Jens Weinreich

Im Frühjahr 2011 vermeldete die Polizeibehörde Interpol die grösste Spende, die sie je von einer privaten Institution erhalten hat: zwanzig Millionen Euro. Hinter der Spende stand einer der mächtigsten Männer der Sportwelt: der 75-jährige Walliser Joseph Blatter, Präsident des Weltfussballverbands Fifa. Er spendete das Geld, ohne dass das Exekutivkomitee der Fifa darüber verhandelt hätte. Der Präsident darf das, er hat Einzelprokura.

Bei der Pressekonferenz im Fifa-Auditorium auf dem Zürichberg habe ich den Interpol-Generalsekretär Ronald Noble gefragt, ob er kein schlechtes Gewissen habe, dieses Geld anzunehmen und den skandalumtosten Blatter bei seinem PR-Festival zu unterstützen. Noble reagierte amerikanisch-smart: «Ich bin Chef der weltweit grössten Polizeibehörde. Und ich bin alt genug zu wissen, dass es wohl keine Organisation in der Welt gibt, die noch keine Korruptionsprobleme hatte.»

Zwei Stunden später sass ich mit einem Informanten in der Goethe-Bar am Zürcher Opernhaus und erzählte von der Show im Fifa-Haus. Meine Quelle rief sofort ihren Gewährsmann im Exekutivkomitee an: Muhammad Bin Hammam. Der Mann aus Katar, damals noch Präsident der asiatischen Fussballkonföderation AFC und Blatters Herausforderer im Wahlkampf um das Fifa-Präsidium bis 2015, war gerade in Port of Spain gelandet, der Hauptstadt des Inselstaats Trinidad und Tobago. Er war überrascht von der Interpol-Spende, Blatters neuerlichem Alleingang – und verärgert. Darüber werde man bei der nächsten Sitzung des Exekutivkomitees sprechen, sagte Bin Hammam.

Doch an dieser Sitzung konnte er schon nicht mehr teilnehmen, denn der Ausflug nach Port of Spain hatte für Blatters langjährigen Wahlhelfer arge Folgen. Der Aktenlage nach hat Bin Hammam auf Trinidad getan, was er fünfzehn Jahre lang in der Fifa praktiziert hatte: Er liess unter karibischen Funktionären Geld verteilen. Diesmal wurde ihm das aber zum Verhängnis. Die von Blatter ausgewählte und dem Präsidenten hörige sogenannte Ethikkommission sperrte Bin Hammam auf Lebenszeit. Die Sache ist vor dem Weltsportgerichtshof CAS in Lausanne hängig.

Wer viele Jahre im Fifa-Umfeld recherchiert, erlebt zahlreiche solcher bizarren Vorfälle und Wendungen. Ich erinnere mich noch gut an einen Abend im Oktober 2003 im Hause Bin Hammams in Doha, der Hauptstadt Katars. Bin Hammam hatte die Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees mitsamt Gattinnen zum Dinner geladen. Ich durfte mit einem Kamerateam drehen und anschliessend im Nebenraum am Katzentisch speisen. In jenen Tagen verstanden sich Blatter und Bin Hammam noch prächtig. Der Katarer hatte mit dem Geld seines Jugendfreunds Emir Hamad dem Schweizer zwei präsidiale Fifa-Wahlkämpfe finanziert. Es gab ein Agreement zwischen den beiden: Bin Hammam sollte Blatter 2011 eigentlich beerben.

Doch Blatter hat nie daran gedacht, den Platz frei zu machen. Stattdessen versuchten er und seine Helfer, Bin Hammam als AFC-Präsident zu stürzen, um damit auch seine Ambitionen als Fifa-Präsident zu zerschlagen. Diese Attacke am Vorabend seines 60. Geburtstags im Mai 2009 in Kuala Lumpur hat Bin Hammam Blatter nie verziehen. Spätestens in jenen Tagen ist der Pakt zerbrochen.

Blatter konnte Bin Hammam noch bis Dezember 2010 an der Kette halten, weil Katar sich für die Fussball-WM 2022 bewarb und Bin Hammam sich der Staatsräson seines Heimatlands beugen musste. Nachdem Katar die WM zugesprochen worden war, wollte Bin Hammam aufs Ganze gehen und den Fifa-Thron besteigen.

Doch es kam alles anders. Joseph Blatter wurde Ende Mai 2011 auf dem Fifa-Kongress in Zürich ohne GegenkandidatInnen eine weitere Amtszeit zugesprochen. Seither gibt sich Blatter als Reformer, als Kämpfer für Transparenz. Zum Ende seiner letzten Amtsperiode wolle er 2015 eine neue Fifa hinterlassen – diese Message verbreiten er und seine fürstlich entlöhnten Paladine unentwegt. Wobei offen bleibt, ob Blatter nicht immer noch den Plan verfolgt, 2015 noch einmal vier Jahre dranzuhängen. Ihm ist alles zuzutrauen.

Blatter hatte als Generalsekretär (1981–1998) und als Präsident (seit 1998) der Fifa dreissig Jahre Zeit, Transparenz durchzusetzen. Stattdessen hat er das System, das sein einstiger Gönner, der ehemalige Adidas-Chef Horst Dassler, gemeinsam mit dem Langzeitpräsidenten und heutigen Fifa-Ehrenpräsidenten João Havelange eingeführt hatte, konsequent ausgebaut und mit Leben erfüllt.

Gibst du mir, geb ich dir – das war schon immer Blatters Botschaft.

Alte Allianzen brechen auf

«Point of no return» heisst es auf dem Cover der letzten Ausgabe der «Fifa World», der Hauspostille des Weltfussballverbands. «Volle Kraft voraus» in Richtung Transparenz wird dort suggeriert. Denn die Fifa gilt weltweit längst als Synonym für Korruption und Schattenwirtschaft, ihr Ruf ist desaströs.

Die Fifa verkauft ein Traumprodukt, ein Kulturgut der Menschheit gar. Aber einen schlechteren Ruf als die Fifa, die vom Thinktank «One World Trust» schon einmal zum intransparentesten Unternehmen der Welt gekürt wurde, hat kein anderer Sportverband.

Die Strukturen dieses Global Players, besonders die vielfältigen personellen Verquickungen in der Führungsclique des Exekutivkomitees und der sechs Kontinentalverbände, gleichen denen einer mafiösen Organisation: In Jahrzehnten haben hier wenige Multifunktionäre eine Parallelgesellschaft aufgebaut, die sich öffentlicher Kontrolle und partiell sogar nationaler wie internationaler Gesetzgebung entzieht. Ihrerseits nimmt sie aber raffiniert Einfluss auf Politik, Verwaltung, Justiz und Medien in aller Herren Länder und stiehlt sich dabei immer wieder aus der Verantwortung.

Die Fifa steht auch im Mittelpunkt des bislang grössten Korruptionsskandals der Schweizer Wirtschaftsgeschichte: Die Sportmarketingfirma ISL hatte sich zwischen 1998 und 2001 mit Schmiergeldern Vermarktungsrechte gesichert. Das Bestechungssystem der 2001 Konkurs gegangenen ISL wirkt bis heute nach, weil die Empfänger der 140 Millionen Franken Schmiergeld fast alle noch im Amt sind – auch Blatter als einer der Nutzniesser dieses Systems des Gebens und Nehmens, das sein langjähriger Freund, und Geldgeber, der ISL-Gründer Horst Dassler kreiert hatte.

Nur wenige JournalistInnen beschreiben diese Mechanismen seit Jahrzehnten. Und diese Berichte wurden von einer breiten Öffentlichkeit lange kaum zur Kenntnis genommen. Spätestens im Herbst 2010 hat sich das geändert: Damals konkurrierte ein Dutzend Nationen um die Ausrichtung der Fussballweltmeisterschaften 2018 und 2022, die Blatter und sein Generalsekretär, Jérôme Valcke, im Paket vergeben liessen. In dieser heissen Phase des WM-Wettbewerbs veröffentlichte die Londoner «Sunday Times» neue Details über bestechliche Fifa-Funktionäre, was zum Ausschluss zweier Exekutivmitglieder kurz vor der doppelten WM-Vergabe an Russland und Katar führte.

Daraufhin brachen alle Dämme.

Seither zerfleischen sich langjährige Fifa-Verbündete öffentlich, etwa Blatter und sein ehemaliger Stimmenbeschaffer und Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad, der sich unter Druck aus dem Exekutivkomitee verabschieden musste. Alte Allianzen brechen auf, und es vergeht kaum ein Tag ohne irrwitzige Fakten und Geschichten über die zutiefst korrupte Fifa-Familie.

Warner kündigte mehrfach an, ein «Tsunami» weiterer Enthüllungen werde Blatters Spezialdemokratie vernichten. Die Gefahr ist latent. Ende Dezember erst erklärte Warner, dass Blatter ihm für seine Unterstützung bei Fifa-Wahlen jeweils die karibischen TV-Rechte an Weltmeisterschaften zuschanzte. 1998 floss dabei ein symbolischer Betrag von einem Dollar. Im Gegenzug sicherte Warner Blatter die 35 Stimmen Nordamerikas jeweils im Paket. Die Fifa erklärte, die Wahlkampfhilfe habe mit den TV-Rechten nichts zu tun. Dabei ist dieses Beispiel für Vetternwirtschaft nur eines von vielen gut dokumentierten schmutzigen Geschäften des Jack Warner, der als Fifa-Funktionär binnen weniger Jahre vom mittellosen Geschichtslehrer zum Multimillionär aufstieg.

Es gibt ähnliche Beispiele auf allen Kontinenten, denn derlei Abmachungen gehören zum System Blatter. Worawi Makudi etwa, der thailändische Verbandspräsident, sitzt noch immer im Fifa-Exekutivkomitee. Die Liste seiner Vergehen und undurchschaubaren Unternehmungen ist lang. Er geniert sich nicht, WM-Bewerber nach Millionensummen zu fragen, wie mir mehrere Insider berichteten. Doch zuletzt hat ihn die Fifa reingewaschen, obwohl Makudi den Verband acht Jahre lang betrogen hatte.

Im Herbst 2003 versprach Makudi schriftlich, dem thailändischen Verband ein Grundstück zu übertragen, auf dem mit Mitteln aus dem Fifa-Entwicklungshilfeprogramm Goal der neue Verbandssitz und ein technisches Zentrum errichtet werden sollten. Da es in Makudis Reich keine ordnungsgemässe Buchführung gibt, ist unklar, wie viel Geld von diesen 860 000  US-Dollar über Umwege auf Makudis Privatkonten gelangt sein könnte. Dasselbe gilt für die 250 000  US-Dollar, die seit 1999 jährlich im Rahmen des Fifa-Unterstützungsprogramms FAP an jeden Nationalverband, also auch an den thailändischen, überwiesen wurden.

Als der Funktionär im vergangenen Jahr in die Kritik geriet, weil er sein Grundstück eben nicht an den thailändischen Verband übertragen hatte, reagierte die Fifa gewohnt behäbig: Man setzte Makudi zwei Fristen, sich zu erklären. Innerhalb der ersten gab er gemäss thailändischen Quellen gefälschte Unterlagen ab. Zur zweiten Frist, die am 1. Dezember 2011 verstrich, hatte er eines seiner Grundstücke wohl doch übertragen, aber erst auf den 16. November 2011, acht Jahre nach seinem schriftlichen Versprechen. Für den Weltfussballverband war das in Ordnung. Gegen Makudi wird nicht ermittelt. Die Fifa beantwortet die meisten Fragen zu Makudi nicht, weder mündlich noch schriftlich.

Im Dezember durfte ich am Rand der Sitzung des Exekutivkomitees im Ritz-Carlton-Hotel in Tokio kurz Einsicht in ein Gutachten zum Fall Makudi nehmen, das die Fifa bei der Zürcher Anwaltskanzlei Niederer, Kraft & Frei erstellen liess. Eine Kopie des Papiers erhielt ich nicht. Auch alle anderen Unterlagen werden unter Verschluss gehalten. Die Fifa blockt und schweigt. Ich habe versucht, Makudi zu befragen, im vergangenen Jahr einmal in Bangkok, einmal in Tokio und einmal in Berlin, zur Eröffnungspressekonferenz der Frauen-WM, bei der Makudi als Chef des Fifa-Organisationskomitees fungierte.

Drei Versuche – dreimal flüchtete Makudi. Die WM-Pressekonferenz wurde sogar abgebrochen, noch während ich meine Frage formulierte.

Ein «Störfall» für die Fussballfamilie

Die Branche ist in Aufruhr. Nicht nur Makudi ist nervös, auch Blatter. Über allem steht ständig die Gefahr weiterer Enthüllungen. Gut möglich, dass sich die Indizien darüber verhärten und sich vielleicht sogar belegen lässt, ob und mit welchen Summen russische Oligarchen sowie die Öl- und Gasmilliardäre aus dem Emirat Katar die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 kauften.

Das wäre das Ende.

Der 2. Dezember 2010, als an der Zürcher Messe Russland und Katar zu WM-Gastgebern gekürt wurden, als Wladimir Putin und Emir Hamad al-Thani den Goldpokal in die Höhe stemmten, hat auch dem letzten Gutgläubigen die Augen geöffnet. Diese Vorgänge liessen sich als Staatskorruption bezeichnen. Die Rede ist von zwanzig bis dreissig Millionen US-Dollar, die eine Stimme im Exekutivkomitee gekostet haben soll. Gerüchten zufolge sollen Russland und Katar auch nach der Weltmeisterschaftsvergabe viele Millionen in ihre Geheimdienste und private Sicherheitsfirmen investiert haben, um die Spuren zu verwischen. Ich habe bei meinen Recherchen jedenfalls einige merkwürdige Situationen erlebt und in mehreren Ländern seltsame Geschichten gehört und bin, etwa in Bangkok, von einem verdeckten Ermittler vor dem russischen Geheimdienst gewarnt worden.

Es klingt unwirklich, wie ein Thriller.

Als einer der wenigen Top-Funktionäre hat Australiens Verbandschef Frank Lowy die Vergabe der WM nach Katar kritisiert. Der Milliardär, Besitzer einiger der grössten Einkaufszentren des Planeten, erklärte kürzlich, das letzte Wort über die WM 2022 sei noch nicht gesprochen. Wenn Beweise für Korruption öffentlich würden, müsse man die Weltmeisterschaft neu vergeben. Lowy war mit seiner australischen WM-Bewerbung kolossal gescheitert, er erhielt nur eine einzige Stimme.

Leute wie Lowy werden vom Fussballestablishment geschnitten. Auf der letzten Pressekonferenz des Jahres, Mitte Dezember nach der Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees in Tokio, hält ein sogenannter Journalist aus Katar eine dreiminütige Standpauke und kritisiert Lowy: Warum handele die Fifa nicht? Warum werde Australiens Verbandschef nicht endlich bestraft, weil er den Frieden in der Fifa-Familie störe?

Es ist eine Farce, aber der Katarer darf reden und reden. Dabei sind die Bosse der Fifa-Kommunikationsabteilung sonst nicht zögerlich, wenn es darum geht, JournalistInnen zu unterbrechen, die wirklich kritische Fragen stellen.

Joseph Blatter grinst. Er bedankt sich für die Wortmeldung. «Ich bin glücklich darüber», flötet er. «Und ich kann Ihnen sagen, dass die WM-Vergabe 2018 an Russland und 2022 an Katar für immer bestehen bleiben wird.» Sollten sich künftig Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees kritisch zur WM-Frage äussern, werde er «persönlich intervenieren». Aber er könne das nicht bei jedem Mitglied der Fussballfamilie tun. Die Äusserungen des Milliardärs Lowy nennt er einen «Störfall».

Es ist einer dieser absurden Momente, in denen Blatter viel von sich offenbart, weil er sich zu sicher fühlt, weil er glaubt, die Lage im Griff zu haben. Gut 25 Minuten hat er zuvor zusammenhanglos über Fukushima und die segensreichen Wirkungen des Fussballs geirrlichtert. Wenn überhaupt, dann ist JournalistInnen bei derlei Terminen nur eine Frage erlaubt. Also versuche ich, Blatter zu stellen. Es ist ein Spiel. Aber es wird auf der Website der Fifa weltweit übertragen. Und es ist mir wichtig, dass es zu Protokoll gegeben wird.

«Verstehe ich es richtig», frage ich Blatter, «dass Sie sich nicht dafür interessieren aufzuklären, wie Russland und Katar möglicherweise bestochen haben? Dass Sie aber gleichzeitig all jene bestrafen wollen, die es genau wissen wollen und eine Überprüfung dieser WM-Vergabe fordern?»

Blatter behauptet, ich würde ihn missverstehen. So habe er das nicht gesagt: «Das ist total falsch.»

Wenn Worte einen Sinn ergeben, dann hatte Blatter aber genau das erklärt.

Kurz darauf stürmt Blatter aus dem kleinen Raum, aber nicht, ohne dem angeblichen Journalisten aus Katar noch ein Freundschaftsfoto zu gewähren.

Wenig später sitze ich in der Lobby des Ritz-Carlton im 45. Stock mit Theo Zwanziger, dem amtierenden Präsidenten des Deutschen Fussballbunds und neuen Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees. Man kann nicht sagen, dass wir Freunde sind. Ich habe Zwanziger in einem Kommentar einmal als «unglaublichen Demagogen» bezeichnet. Er hat mich verklagt – über mehrere Instanzen. Sechsmal haben verschiedene Kammern entschieden, sechsmal zu meinen Gunsten. Die Unterhaltung über die Umstände der WM in Katar ist die erste Annäherung nach einigen Jahren.

Zwanziger sagt, er lasse sich von Blatter nicht bevormunden. Katar sei «normalerweise doch nicht der Ort, wo man eine Weltmeisterschaft austragen sollte». Er kenne zwar noch keine Belege für Korruption durch die WM-Bewerber. Es seien aber Interessen eingeflossen, die ein Stück über den rein sportlichen Vergabeprozess hinausgingen. «Diese Aussagen werde ich mir nicht verbieten lassen.»

Blatter hat Zwanziger zum Chef der Statutenkommission ernannt, eine von fünf Arbeitsgruppen, die am Reformpaket werkeln, das bis 2013 umgesetzt werden soll. Zwanziger sagt, man könne die Vergangenheit nicht verschweigen. «Man muss klar und deutlich sagen: Was ist gewesen? Wo hat es Zahlungen gegeben? Inwieweit sind die zu beanstanden?» Gleichzeitig attestiert er Blatter ein Interesse an Änderungen in Struktur und Regelwerk der Fifa.

Kaum zu glauben.

Der einstige ISL-Manager Jean-Marie Weber, der gemäss Gerichtsunterlagen mehr als 140 Millionen Franken Schmiergeld verteilt hat, zählte lange zu Blatters Freunden. Die Fifa hat unter Blatter über viele Jahre alles unternommen, unglaublich viel Geld in Anwälte investiert und 2010 sogar einen sündhaft teuren Schweigedeal mit der Staatsanwaltschaft Zug abgeschlossen, um Details über das ISL-Bestechungssystem und die Namen der beiden prominentesten Schmiergeldempfänger zu verheimlichen.

Seit kurzem aber behauptet Blatter, er wolle die aus dem Deal resultierende Einstellungsverfügung veröffentlichen. Neuerdings verkauft sich der Hauptverantwortliche für die Fundamentalkrise des Weltverbands als Reformer.

Darf man das glauben?

Eine gross angelegte Vertuschung?

Es ist wohl eher eine weitere Wandlung des Chamäleons aus Visp. Joseph Blatter, seit 1975 in Führungspositionen für die Fifa tätig und mit dem Verband «verheiratet», wie er kokettiert, hat viel Geld aus der prall gefüllten Kriegskasse investiert, um Propagandisten, die teuersten Juristen und vermeintlich unparteiische und unbestechliche Reformer wie den Basler Professor Mark Pieth zu verpflichten.

Der Unterschied von Sportkonzernen wie der Fifa zu anderen internationalen Organisationen oder Milliardenkonzernen aus der freien Wirtschaft besteht darin, dass die Fifa von keiner Antikorruptionskonvention erfasst und von der Gesetzgebung quasi freigestellt ist. Das ermöglicht schmutzige Geschäfte. Die Fifa akzeptiert nur ihre eigene Gesetzgebung und verstösst all jene, die externe Gerichte anrufen. Blatter hat mir einmal gesagt: «Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir doch die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie. Alles, was im Fussball passiert, soll nicht vor ordentliche Gerichte gebracht werden. Das ist nicht mehr unsere Familie.»

Diese vom Fifa-Patron oft variierte Aussage gilt bis heute.

Rechtsprofessor Mark Pieth, der nun das Independent Governance Committee (IGC) der Fifa leitet, hat im März 2011 in der Zeitschrift «Jusletter» einen Text veröffentlicht, in dem er die Frage erörtert: «Stehen internationale Sportverbände über dem Recht?» Im Prinzip ja, analysierte er und forderte dringend Gesetzesänderungen. «Insgesamt schuldet sich die Schweiz, wenn sie weiterhin Domizil eines Grossteils der internationalen Sportdachverbände sein will, eine entsprechende Anpassung ihres Rechts.»

Pieth empfiehlt, Funktionäre aus jenen Dachverbänden, die wie die Fifa eine Monopolstellung geniessen, als Amtsträger zu betrachten. «Da die Tätigkeit der Sportdachverbände einer quasiöffentlichen Funktion gleichkommt, ist die Erweiterung der Amtsträgerbestechung einer Klärung der Privatbestechung vorzuziehen: Das Verfahren muss von Amts wegen eingeleitet werden.» Falls sich Verbände davon abschrecken lassen, sei es «höchste Zeit, diese ziehen zu lassen».

Doch die Schweiz erfüllt bis heute sämtliche Forderungen der milliardenschweren Verbände. Die Fifa und ihre LobbyistInnen in der Politik, etwa der bis Ende 2011 als FDP-Ständerat amtierende Rolf Schweiger, haben es geschafft, einen Bericht des Bundesamts für Sport über Korruption, Transparenzfragen und mögliche Gesetzesnovellen um ein Jahr zu verzögern. Das Papier soll nun erst Ende 2012 vorgelegt werden – ein Etappensieg für die VertuscherInnen.

Im Rechtsstreit um die Veröffentlichung der ISL-Einstellungsverfügung haben die Fifa und die Schmiergeldempfänger João Havelange und Ricardo Teixeira dagegen Ende Dezember eine Niederlage erlitten. Das Obergericht das Kantons Zug gab der Klage des Journalisten Jean-François Tanda von der «Handelszeitung» statt und entschied, das Papier sei anonymisiert zu veröffentlichen. Bis Ende Januar läuft die Einsprachefrist. Hält Blatter Wort, müsste die Fifa klein beigeben. Vom Ehrenpräsidenten Havelange, vertreten durch die Zürcher Kanzlei Niedermann, und vom Exekutivmitglied Teixeira, vertreten durch die Kanzlei Rolf Schweigers, ist Einspruch zu erwarten.

Lange hat Präsident Blatter mit seinen Anwälten, Seite an Seite mit dem Schmiergeldboten Weber und den Schmiergeldempfängern, gegen die Veröffentlichung gekämpft. Dieser Kampf geht in die letzte Runde. Interessant ist, ob in der Einstellungsverfügung belegt wird, dass es tatsächlich der damalige Generalsekretär Blatter war, der im März 1997 eine ISL-Zahlung über 1,5 Millionen Franken, die irrtümlich auf einem Fifa-Konto landete, auf Havelanges Privatkonto weiterleiten liess. Blatter hat diesen Vorgang stets bestritten.

Anstatt wirklich Transparenz zu schaffen, verpflichtet Blatter Propagandisten, die den Ruf der Fifa aufpolieren sollen. Sie haben viel zu tun. Und Geld ist auf den Fifa-Konten reichlich vorhanden.

Als neuer Kommunikationsdirektor agiert seit Herbst 2011 Walter de Gregorio, einst Sportchef des «Blicks» und 2010 noch «Schweizer Sportjournalist des Jahres». Ebenfalls an Bord: der Österreicher Bernd Fisa, der seine Feuertaufe in der Formel 1 erlebte, als er für Ferrari, Rekordweltmeister Michael Schumacher und später für Red Bull tätig war. De Gregorio und Fisa verkaufen sich als die Good Guys in der alten Firma, als diejenigen, die alles anders machen wollen.

Doch was machen sie anders? Schickt man ihnen lange Fragelisten zu dringend zu klärenden Korruptionsfällen im Exekutivkomitee, so gibt es kaum Antworten. Es sei alles schwierig, juristisch unglaublich kompliziert und ausserdem neu für beide, erklären sie wortgewandt und nicht unsympathisch. Die Good Guys eben.

Ist das nur Teil der Inszenierung?

Blatter hat fünf Kommissionen mit Reformen beauftragt. Sein Exekutivkomitee aber behält die Handlungshoheit, und das ist ein Treppenwitz der Sportgeschichte. Gut die Hälfte dieser Figuren muss sich gegen Korruptionsvorwürfe wehren, manche sind Gegenstand kriminalistischer Ermittlungen.

Was ist also von der «Road Map zur Transparenz» zu halten, die Blatter im Oktober 2011 vorgestellt hat, wenn die Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden soll? Wenn selbst Mark Pieth, ein weltweit anerkannter Experte, sich dafür entscheidet, allein nach vorn zu blicken, die Vergangenheit nicht aufzuarbeiten, wenn er sich noch dazu weigert, seine Bezüge sowie die Zahlungen der Fifa an seine Universität und sein Institut offenzulegen?

Reden wir hier wirklich über Reformen oder über eine gross angelegte Vertuschungsaktion? Geht es nicht eher darum, den Präsidenten zu schützen, seine Verantwortung für das Korruptionssystem im Fifa-Reich zu negieren und eine Überprüfung der WM-Vergaben an Russland und Katar zu verhindern?

Ich gehörte zu jenem kleinen Kreis von elf Fifa-Berichterstattern, die von Pieth zu einem Hearing am 17. Januar 2012 ins Basel Institute on Governance eingeladen worden sind. Dort soll zweieinhalb Stunden über die «Herausforderungen der Fifa» debattiert werden.

Ich werde nicht daran teilnehmen. Ich traue Mark Pieth nicht (mehr). Er hatte etliche Wochen Zeit, um sein Programm überzeugend darzulegen. Auf fundamentale Fragen zu diesem Hearing hat er keine adäquaten Antworten gegeben. Deshalb haben sich der von der Fifa verbannte englische Journalist Andrew Jennings, Jean-François Tanda («Handelszeitung»), Thomas Kistner («Süddeutsche Zeitung») und ich entschieden, nicht mit Pieth zu kooperieren. Wir wollen uns der Fifa-Propaganda entziehen und uns weiter auf das konzentrieren, was JournalistInnen tun sollten: recherchieren.

Um ausnahmsweise mal einem Fifa-Funktionär recht zu geben: Wie sagte mir Theo Zwanziger? «Ohne die Aufarbeitung der Vergangenheit kann es keine Zukunft in der Fifa geben.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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