Nr. 50/2010 vom 16.12.2010

Weltkarten des Verbrechens

Mafiöse Strukturen durchdringen zahlreiche Staaaten, weil die strafrechtlichen Instrumente zur Bekämpfung fehlen.

Von Andreas Fagetti

Es gibt süffigere Mafialiteratur als «Mafia-Export». Aber das Buch des auf organisierte Kriminalität spezialisierten kalabrischen Soziologen Francesco Forgione ist eine wichtige Arbeit. Forgione, der auch ein linker Politiker ist, zeichnet am Beispiel der Cosa Nostra, der ’Ndrangheta und der Camorra nach, wie die italienische organisierte Kriminalität seit langem die Globalisierung nutzt, um neue Märkte zu erschliessen und die politischen und wirtschaftlichen Systeme ausserhalb Italiens zu infiltrieren.

Keine der Organisationen, die sich in Italien dem Kampf gegen die Mafia verschrieben haben, verfügt über ein umfassendes Kartenwerk, das die Präsenz der italienischen Mafia im Ausland aufzeigt. Diesen Versuch unternimmt Forgione, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr geht es ihm darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie leicht sich die Mafiaorganisationen auf den Kontinenten festsetzen und wie ihre Mitglieder unbehelligt global agieren.

Mafiosi in der Firma

Forgiones Arbeit basiert auf Prozessakten und Ermittlungsberichten, also auf weitgehend öffentlich zugänglichen Quellen. In der Fülle von Namen und Details verliert man als LeserIn mitunter den Überblick. Zahlreiche Karten gleichen diesen Nachteil aus. Die Lektüre lohnt sich, gerade für politisch Interessierte. Denn die Clans sind nicht in der Unterwelt abgeschottete Organisationen, Mafiosi sind keine gewöhnlichen Kriminellen. Überall, wo sie aktiv sind und sich niederlassen, infiltrieren sie früher oder später die legalen Strukturen und gründen selber Unternehmen. Es sind keine einfachen Gemüter. Oft genug sind die Kinder der alten Bosse inzwischen gut ausgebildete Ökonomen, Finanzspezialistinnen oder Rechtsanwälte.

In den von den Clans befallenen Staaten herrscht in der Regel vor allem ein Muster vor: wegschauen, unterschätzen, verniedlichen, vergessen. Nach den Morden in Duisburg – einer Abrechnung innerhalb der kalabrischen ’Ndrangheta aus dem Kaff San Luca – funktionierte Verdrängen nicht mehr: Die Mafia hat sich in Deutschland längst festgesetzt und geht hier mehr oder weniger unbehelligt ihren Geschäften nach.

Anders als Italien, das seit mehr als einem Jahrhundert mit den kriminellen Geheimgesellschaften leben muss, haben Staaten wie Deutschland, England, Österreich oder auch die Schweiz keine innovativen strafrechtlichen Instrumente zur Bekämpfung organisierter Kriminalität entwickelt. Entweder fehlen Gesetze gegen Geldwäscherei und Finanzkriminalität – oder sie sind zahnlos und werden nicht mit Nachdruck angewendet. Die Finanzplätze profitieren schliesslich auch von diesen Milliarden.

Bis nach Australien

In solchen Staaten fühlen sich kriminelle Organisationen besonders wohl. Das gilt nicht bloss für Europa. In Australien etwa sind italienische Clans seit sechzig Jahren heimisch. Dort beherrschen sie in manchen Städten ganze Viertel, dort fliegen Parteispendenskandale auf und treten PolitikerInnen zurück, weil im Hintergrund die Namen von Mafiosi auftauchen. Dennoch sei die australische Regierung im Hinblick auf die Mafia «nicht gerade von Durchsetzungswillen und Tatendrang beseelt», wie Forgione kritisiert.

Das zeigten einige der letzten politischen Massnahmen, die von den verschiedenen Regierungen getroffen wurden. Im Jahr 2002 schloss die Australian Federal Police ihr Büro in Rom. Die Verbindungsoffiziere, die als Scharnier zwischen italienischen und australischen ErmittlerInnen fungierten, wurden in ihre Heimat zurückbeordert. Die Begründung lässt aufhorchen: «Es gibt keine kriminelle Organisationen mafiösen Charakters in Australien ... Wenn auch Gruppen von Australiern italienischen und vor allem kalabrischen Ursprungs immer wieder in Aktivitäten organisierter Kriminalität verwickelt sind, so heisst das doch nicht, dass sie Ableger ausländischer krimineller Vereinigungen sind.» Klingt so, als hätte die Mafia selbst den Behörden diese hanebüchene Begründung diktiert.

PolitikerInnen, StaatsanwältInnen, PolizistInnen oder PublizistInnen, die sich mit den milliardenschweren kriminellen Unternehmern anlegen, riskieren ihr Leben und leben manchmal wie Gefangene. Diese Bedrohung kennt auch der Autor von «Mafia-Export»: Er lebt seit fünfzehn Jahren unter Polizeischutz.

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