Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

«Geld ist die wirksamste Waffe der Mafiosi»

Der italienische Kriminologe und Journalist Giovanni Tizian warnt vor dem zerstörerischen Einfluss der ’Ndrangheta auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Was der kalabrischen Mafia im reichen Norditalien gelungen ist, nämlich tiefe Wurzeln zu schlagen, sei überall zu erwarten, wo die Clans ihre Geschäfte betreiben. Auch in der Schweiz.

Interview: Andreas Fagetti

Giovanni Tizian: «Wollen die italienischen Ermittler in der Schweiz Mafiosi abhören und stellen ein entsprechendes Gesuch, dauert es zu lange.» Foto: Tommaso Bonaventura, Contrasto

Der Verkehr rauscht über den Corso d’Italia, vorbei an der von Michelangelo erbauten Porta Pia. An diesem mächtigen Tor im Zentrum Roms warf der Antifaschist Gino Lucetti am 11. September 1926 eine Bombe auf das Auto, in dem Benito Mussolini sass. Leider verfehlte er sein Ziel. Hierher hat mich Giovanni Tizian bestellt. Die Zeit verstreicht. Taucht er überhaupt auf? Dann winkt ein junger Mann von der anderen Strassenseite her. Neben ihm ein durchtrainierter, wortkarger Typ, der den jungen Journalisten um Haupteslänge überragt: Tizians Bodyguard.

Giovanni Tizian ist in Kalabrien geboren, die ’Ndrangheta hat sich quasi von Geburt an in sein Leben gedrängt. Die Mafia brannte die Küchenmöbelfabrik seines Grossvaters nieder, eines ehrlichen Unternehmers, der die ’Ndrangheta nie um einen Gefallen bat. Die Mafiosi erschossen seinen Vater. Dieser Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Und jetzt bedrohen sie ihn: Tizian steht seit drei Jahren rund um die Uhr unter Polizeischutz. Die Clans der ’Ndrangheta fühlen sich von seinen hartnäckigen Recherchen gestört. Der Reporter bei der Wochenzeitschrift «L’Espresso» und Autor des Buchs «Mafia AG» sollte zum Schweigen gebracht werden, mit einem Schuss in den Mund. Die Polizei bekam es zufällig mit, als sie Mafiosi abhörte.

Giovanni Tizian ist kein Einzelfall. Allein im Jahr 2014 müssen in Italien, einem demokratischen Rechtsstaat in der Europäischen Union, ein halbes Dutzend JournalistInnen unter strengem Polizeischutz leben. Und 300 JournalistInnen leben mit der Tatsache, dass Mafiaclans sie bedrohen. Und das nicht bloss in den südlichen Provinzen. Allein in der Lombardei sind es 32 Medienschaffende. In der Provinz Latium, in der Tizian lebt, sind es 66. Seit 2006 dokumentiert eine Website Fälle solcher Drohungen, bislang sind es über tausend.

Wir schlendern den Corso d’Italia entlang Richtung Piazza Fiume. Die Übersetzerin Christine Albrecht schlägt ein ruhiges Café vor, wo wir das Interview führen könnten. Tizian, ein bescheiden und nüchtern auftretender Berufskollege, schmunzelt. Dieses Lokal wurde erst vor wenigen Monaten geschlossen – wegen Infiltration durch die Mafia. Seinen Besitzer verhaftete die Polizei. Mittlerweile ist es zwar wieder geöffnet, aber Giovanni Tizian zieht dennoch ein anderes Ristorante an der Piazza Fiume vor, es heisst Mok. Hier treffen sich kurz vor Mittag Polizisten in Uniform und in Zivil zur Espressopause.

WOZ: Herr Tizian, die Schweizer Bundesanwaltschaft hat in Frauenfeld eine Zelle der ’Ndrangheta aufgedeckt. Sind Sie überrascht?
Giovanni Tizian: In «La Repubblica» (einer gemässigten linken Tageszeitung) habe ich bereits 2012 über die Verbindungen zwischen Kalabrien und der Frauenfelder Zelle geschrieben. Die Staatsanwaltschaft in Reggio Calabria weiss seit 2010 Bescheid. Ebenso weiss sie von der Präsenz der ’Ndrangheta in Winterthur und Zürich. Das ist für uns in Italien alles nicht neu, so wenig wie die enge Vernetzung der Frauenfelder Mafiosi mit den Zellen in den deutschen Städten Singen und Konstanz. Nein, es überrascht mich also nicht.

Nachdem die Existenz der Frauenfelder Zelle öffentlich geworden war, sagte Bundesanwalt Michael Lauber, die Schweiz sei kein mafiöses Land, die Mafia nutze die Schweiz vor allem als logistische Basis.
Das erinnert mich an die Haltung der norditalienischen Gesellschaft. Auch hier nehmen Wirtschaft und Politik die Gefahr immer noch zu wenig ernst. Sie erkennen nicht, wie gefährlich diese Mafiosi sind, wie sehr sie die legale Wirtschaft und die Gesellschaft schädigen. In Norditalien agieren Clans der ’Ndrangheta, der Camorra und der Cosa Nostra bereits seit Jahrzehnten. Die ’Ndrangheta hat in der legalen Wirtschaft zunächst unbemerkt tiefe Wurzeln geschlagen, Mailand ist ihre zweite Hauptstadt. Trotz der Verurteilung von über hundert Mafiosi in einem ersten Maxiprozess in Mailand, trotz zahlreicher dokumentierter Fälle von Wirtschaftskriminalität tun Behörden, Politiker und Unternehmer immer noch so, als wäre die ’Ndrangheta ein Problem der kalabrischen Migrantengemeinden. Man gibt sich blind und schweigt. Im Gegensatz zum Süden: Hier floss in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren das Blut in Strömen. Es macht ganz den Anschein, als müssten die Menschen erst Blut sehen, ehe sie sich zur Wehr setzen. Leider. Heute gibt es in Süditalien eine starke Antimafiabewegung, das Schweigen wird immer wieder gebrochen, was natürlich nicht heisst, dass die Mafia besiegt wäre.

Woran erkennt man, dass man es mit Mafiosi zu tun hat?
Das ist tatsächlich nicht einfach. Sie maskieren sich gut, als ehrbare Unternehmer. Sie betreiben Nachtclubs, Modegeschäfte, Restaurantketten, Bars, Cafés, Bau- und Transportunternehmen. Als ehrbare Unternehmer werden sie in der Gesellschaft akzeptiert. Die Mafia geht dorthin, wo sie respektiert wird, wo sie sich sicher fühlt, wo sie Beziehungen aufbauen kann. Dort schlägt sie tiefe Wurzeln. Wie ein Baum, der Sonne und Wasser braucht, um zu gedeihen, braucht die Mafia diese Akzeptanz. Daher spreche ich nicht gerne von Infiltration. Jemand, der infiltriert, dringt von aussen ein. Aber die Mafia ist Teil einer Gesellschaft, sie agiert von innen heraus, sonst würde es nicht funktionieren. Und verschaffen die als ehrbar auftretenden Geschäftsleute aus der Mafia den Unternehmern Vorteile, schauen Politiker und Unternehmer ohnehin nicht mehr genau hin. Dann wollen sie nicht mehr so genau wissen, wer ihnen diese verlockenden Vorteile verschafft.

Welche Vorteile?
Die Mafia betreibt einen Dienstleistungsmarkt. Sie gewährt Kredite, stellt rasch flüssige Mittel zur Verfügung, sie vermittelt Arbeitskräfte, entsorgt Müll, auch Giftmüll, bietet Sicherheitsdienstleistungen – auf den ersten Blick zu unschlagbar günstigen Preisen. Gerade während der Finanzkrise waren das verlockende Angebote für normale Unternehmen, denn diese Unternehmer können sich auf diese Weise einen Wettbewerbsvorteil verschaffen gegenüber Konkurrenten, die sich an die üblichen Regeln halten. Nehmen wir eine Firma, die Wohnungen baut: Die Mafiosi reissen alte Gebäude ab, entsorgen den Bauschutt, machen den Aushub und beschaffen sofort Kapital – ein Dienstleistungspaket. Manche Unternehmen sehen dann bloss noch den Wettbewerbsvorteil, die Profitmaximierung und die Chance, Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Die Mafia passt bestens in die Welt eines entfesselten Kapitalismus. Wer die Leute sind, die ihnen diese Vorteile verschaffen, interessiert diese Unternehmer nicht. Sie schauen weg. Und machen sich damit zu Komplizen. Es ist eben auch ein ethisches Problem.

Zahlen sich die Vorteile langfristig aus?
Zunächst ist es gefährlich für den legalen Markt. Wer glaubt, sich der Mafia bedienen zu können, unterwandert die Mechanismen einer freien Marktwirtschaft. Diese Vorteilsnahmen bringen den Markt aus dem Gleichgewicht und schädigen die legale Ökonomie massiv. Gefährlich ist es aber auch für die Firma selbst, die sich darauf einlässt. Mafiosi machen nichts gratis. Langfristig wollen sie die totale Kontrolle über die Firmen, die sich mit ihnen einlassen. Am Anfang stehen die traumhaft günstigen Dienstleistungen. Dann ziehen die Mafiosi die Preise an. Will ein Unternehmen den Partner wechseln, lassen sie es nicht mehr zu. Die stärkste Waffe der ’Ndrangheta ist das Geld. Geld korrumpiert. Gewalt setzt sie nur ein, wenn es sich nicht anders lösen lässt. Aber allein das Wissen um die Gewaltbereitschaft reicht meistens als Druckmittel aus.

Dann könnte man sagen: Ballert die Mafia um sich, steckt sie in Schwierigkeiten, schweigen die Waffen, hat die Gesellschaft ein Problem?
Das kann man so auf den Punkt bringen. Im Augenblick scheint leider einzig die sizilianische Cosa Nostra Probleme zu haben.

In der Schweiz sind wir stolz auf unsere direkte Demokratie, auf die Kontrolle, die Bürgerinnen und Bürger über Behörden und Politiker auf allen Ebenen ausüben können. Kann sich eine Mafia wie die ’Ndrangheta in einem solchen System überhaupt festsetzen?
Die ’Ndrangheta geht überall nach dem gleichen Muster vor. Sie kommt im Schatten der ehrlichen Migranten, die oft gerade vor dieser Mafia fliehen, und richtet sich im Geschäftsleben ein. Sie tut überall auf der Welt das, was sie in den letzten Jahrzehnten in Norditalien getan hat. Die ’Ndrangheta ist überaus anpassungsfähig, geduldig und findig darin, Schlupflöcher zu finden, um sich unauffällig festzusetzen. Auch in der Schweiz. Klar, sie wird nicht versuchen, bei normalen Schweizern Schutzgeld einzutreiben. Sie sucht und findet andere Wege. Und irgendwann ist die Gewalt, Korruption und politische Einflussnahme da. Das haben die Morde in Duisburg gezeigt oder ein Fall von Stimmenkauf in der Migrantengemeinde von Stuttgart bei der Wahl eines italienischen Auslandssenators, der schliesslich zurücktreten musste.

Italien hat erst Anfang der neunziger Jahre mit der Direzione Investigativa Antimafia (DIA) damit angefangen, den Kampf gegen die Mafia auf nationaler Ebene zu koordinieren. Die verschiedenen Mafiaorganisationen wie Cosa Nostra, Camorra, Sacra Corona Unita und eben die ’Ndrangheta agieren aber längst europaweit und global. Braucht es eine Antimafiabehörde auf Ebene der EU?
Eine effiziente Bekämpfung der organisierten Kriminalität lässt sich nur international erfolgreich führen. So weit sind wir leider nicht. Die unterschiedlichen Rechtssysteme sind ein Problem. Wissen die italienischen Ermittler beispielsweise von einem Drogendeal, müssen sie die Täter nicht gleich verhaften wie beispielsweise in Holland. Sie warten so lange zu, bis sie das Netz der Händler so weit als möglich enttarnt haben und an die führenden Köpfe herankommen. Erst dann schlagen sie zu.

Und wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit der Schweiz?
Die Schweiz hat meiner Ansicht nach zu viele Schlupflöcher, zu lasche Kontrollen im Finanzsektor. Und auf der Ermittlerebene sind die Abhörbestimmungen zu streng. Die Abhörspezialisten in Italien haben viele Leben gerettet, wahrscheinlich auch meines. Wollen die italienischen Ermittler in der Schweiz Mafiosi abhören und stellen ein entsprechendes Gesuch an die Schweizer Behörden, dauert die Autorisierung zu lange. Bis sie eintrifft, sind die Mafiosi längst über alle Berge. Die Clans haben übrigens als Erste die Vorteile der wegfallenden Grenzkontrollen im EU-Raum und die der Globalisierung erkannt und genutzt. Problematisch ist auch der Schweizer Finanzsektor. Will ein italienischer Ermittler aufgrund starker Indizien genaue Informationen über verdächtige Bankkonten, reicht ein allgemein begründeter Verdacht nicht aus. Die Schweizer Banken beziehungsweise die Behörden verlangen die genaue Kontonummer und den Inhaber des Kontos. Aber unsere Ermittler fragen ja gerade aus diesem Grund nach: weil sie die Kontonummern nicht kennen. Da laufen die italienischen Ermittler regelmässig auf. Die Kontrollen in der Schweiz sind ungenügend, die Gesetze zu lasch. Die Schweiz ist neben Malta ein Paradies für Mafiosi. Sie wickeln viele ihrer Dreiecks- oder Karussellgeschäfte über die Schweiz ab.

Was raten Sie Ländern, die in der Bekämpfung der Mafia unerfahren sind?
Dem Schein zu misstrauen, einem ehrbaren Erscheinungsbild sehr skeptisch zu begegnen und hinter die schöne Fassade zu schauen. Und man sollte sich nicht bloss über Schiessereien aufregen. Die Behörden sollten alles daran setzen, damit die Wirtschaft eines Landes sauber bleibt.

Seit drei Jahren werden Sie rund um die Uhr von einer Polizeieskorte bewacht. Sie gehen wie heute nur mit einem Bodyguard aus dem Haus. Können Sie so überhaupt noch journalistisch arbeiten?
Ich gebe mir Mühe, aber es ist manchmal sehr schwierig. Besonders wenn ich mich mit Informanten treffe, die ich noch nicht kenne, ist es schwierig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Sehen sie Polizisten in meiner Begleitung, verstummen sie und wollen nicht mehr reden. Die Quellen versiegen. Ich bleibe trotzdem hartnäckig und versuche, das Beste aus der Situation zu machen.

Wie reagierten die Mafiosi, als Sie Polizeischutz erhielten?
Sie änderten ihre Strategie. Ich berichtete damals über die Hintergründe von legalen Glücksspielen, ein Geschäft, das in den Händen der Clans liegt. Also schalteten sie in den Zeitungen, für die ich schrieb, entsprechende Inserate. Bot ich eine Recherche über Glücksspiele an, lehnte die Redaktion ab.

Sie sind verheiratet und Vater eines kleinen Kindes. War Ihrer Frau bewusst, worauf sie sich da einliess?
Ja, sie ist mit mir den ganzen Weg gegangen und war damit einverstanden. Das war und ist nur möglich, weil meine Frau Journalistin ist. Aber wir haben natürlich kein ruhiges, kein normales Familienleben. Die Belastung ist gross.

Verspüren Sie in Situationen wie diesen in der Öffentlichkeit Angst?
Ich bin ruhig. Ich zwinge mich dazu, keine Angst zu haben. Denkst du ständig an die Gefahren, an den Tod, kannst du nicht leben. Ich bin nicht leichtsinnig und passe auf. Aber mit der Angst muss man umgehen können, sonst lebt man nicht lange. Ich habe vor, noch lange zu leben. Ich bin erst Anfang dreissig.

Leiden Sie unter der Situation?
Es heisst ja, man gewöhne sich daran. Aber man gewöhnt sich nie daran. Meine Familie leidet mehr als ich. Ich fühle mich mitunter schuldig, dass sie nicht ruhig leben kann. Demnächst werde ich in einem grossen Mafiaprozess als Zeuge gehört, das beansprucht viel Zeit, Zeit, die meiner Familie abgeht.

Manchmal denke ich: Italien ist doch nicht Russland! Italien ist ein demokratisches Land. Ein Land allerdings, in dem sich Mafiosi frei bewegen können, während manche meiner Berufskollegen und ich bedroht werden und uns nicht frei bewegen können.

Spüren Sie Unterstützung aus der Gesellschaft?
Ja, die Solidarität ist gross. Selbst von Politikern, die in meinen Artikeln nicht besonders gut wegkommen.

Schreiben Sie an einem neuen Buch?
Ich habe eben eines fertiggestellt, es ist ein auf Tatsachen beruhender Kriminalroman. «Il clan degli invisibili» erscheint im Oktober bei Mondadori.

Werden Sie jemals wieder ohne Polizeischutz leben können?
Ich hoffe, bald.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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