Nr. 51/2010 vom 23.12.2010

Freysingers europäische Freunde

Tausend TeilnehmerInnen trafen sich letzten Samstag in Paris zum «Kongress gegen die Islamisierung unserer Länder». Mit dabei war auch ein bekanntes Gesicht aus der Schweiz.

Von Bernard Schmid, Paris

Es geht nichts über einen gemeinsamen Feind. Damit lassen sich Menschen zusammenbringen, die sonst nichts gemeinsam haben. So trafen sich letzten Samstag unter anderem Berber aus Algerien, rechte Juden, rechtsradikale Fussballhooligans vom Pariser Club PSG, eine Feministin und ein Schweizer SVPler in Paris. Sie alle zeigten sich vereint im Kampf gegen die Muslime, die angeblich Europa überschwemmen, den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen, an der Kriminalität schuld sind – und die jeweiligen Länder letztendlich überfremden würden.

Rund tausend Leute fanden zum «Kongress gegen die Islamisierung unserer Länder» in einem grossen Saal im zwölften Pariser Arrondissement zusammen. Geladen hatte eine französische neofaschistische Organisation: Der «Bloc identitaire». Die TeilnehmerInnen waren nicht nur aus halb Europa angereist. Es waren auch Gastredner aus Russland und den USA dabei. So rief der US-amerikanische anti-muslimische Aktivist Tom Trento kurz vor der Mittagspause in den Saal: Die von den Muslimen ausgehende Bedrohung sei viel «perfider und tödlicher» als jene, die damals von Hitler ausgegangen sei.

Freysingers Heimspiel

Anne Zelensky, eine ehemalige Weggefährtin der französischen feministischen Schriftstellerin Simone de Beauvoir, ergriff am Kongress die Gelegenheit, Marine Le Pen ihre Unterstützung für die umstrittenen Äusserungen zuzusichern, die die stellvertretende Vorsitzende des rechtsextremen Front National (FN) Anfang Dezember gemacht hatte: Vor rund 300 Parteianhängerinnen hatte die Tochter des FN-Chefs Jean-Marie Le Pen in Lyon erklärt, statt «dauernd vom Zweiten Weltkrieg» und der Besatzung durch Nazideutschland zu reden, sollten sich die PolitikerInnen doch lieber um die aktuelle «Besatzung» von «Teilen» des französischen Territoriums kümmern. Jene durch die Muslime.

Am Kongress nahm Marine Le Pen selber nicht persönlich teil. Sie sei mit dem innerparteilichen Wahlkampf im Ringen um den Parteivorsitz des FN beschäftigt, liess sie ausrichten. Auf dem französischen Nachrichtensender LCI lobte sie jedoch die «bemerkenswerte Rede», die Oskar Freysinger am Kongress gehalten hatte.

Der Schweizer SVP-Parlamentarier war der Stargast am Kongress. Gegen Mittag war er mit einem stattlichen Trupp von Leibwächtern in Sonnenbrille auf dem Kongress aufgetaucht. Als «helvetischen Asterix» stellte er sich bei den Anwesenden vor, bevor er zum verbalen Zweihänder griff: Voller Bedrohungen sei die Welt, doch die kleine Schweiz widerstehe ihnen wacker, führte der Walliser aus. «Islam und Kommunismus» seien beides «kollektivistische Totalitarismen». Deswegen stünden die Linken ja auch in einer Front geeint mit den Muslimen.

Doch das Hauptproblem diagnostizierte Freysinger bei den EuropäerInnen selber. Auf eine «geistige und spirituelle Wüste» würden die muslimischen EinwanderInnen hier treffen – weil sich die EuropäerInnen ihrer «eigenen Identität» nicht mehr sicher seien.

Aufklärung oder Christentum?

Weniger gut als Freysingers Rede kam jene der Feministin Anne Zelensky an. Als sie erwähnte, wie sie im Jahr 1970 am Kampf um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen teilnahm, wurde sie von einer Mehrheit der Anwesenden kurzerhand ausgepfiffen. Auch wenn sich viele der Anwesenden gerne auf die Aufklärung inklusive Laizismus berufen: Für die meisten von ihnen ist sie vor allem ein bequemes Argument, um gegen den Islam zu hetzen, der mit der Aufklärung angeblich unvereinbar ist.

Das Sagen hatten am Kongress die christlichen Konservativen: Als Überraschungsgast hatten die KongressorganisatorInnen denn auch Xavier Lemoine vorgesehen, den Bürgermeister der Pariser Vorstadt Montfermei. Und ein Verfechter des Laizismus ist dieser fanatische abendländische Kreuzzügler gegen den Islam wahrlich nicht. Im Gegenteil. Der Rechtskatholik, der am Rande der konservativen französischen Regierungspartei UMP steht, ist ein Abtreibungsgegner und hat ein nostalgisches Verhältnis zum Vichy-Regime.

Letztlich tauchte Lemoine vergangenen Samstag nicht auf. Die Parteiführung der UMP habe ihren Abgeordneten einen Maulkorb verpasst, greinten die Organisatoren.

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