Nr. 51/2010 vom 23.12.2010

Wer ist hier konterrevolutionär?

Kubas Staatschef Raúl Castro hat unlängst erklärt, der Inselstaat müsse sich ändern – oder er werde untergehen. Kubanische Filmschaffende haben das schon länger bemerkt: Zwei Werke am Internationalen Filmfestival Havanna von Anfang Dezember vermitteln diese Haltung beispielhaft.

Von Geri Krebs, Havanna

«Der Kubaner wendet seine ganze Begabung dafür auf, sich an den Moment anzupassen. Die Menschen sind nicht beständig und brauchen es immer, dass jemand für sie denkt», sagt Sergio. Er sitzt in einem Cabriolet neben seinem Freund Pablo, der in die USA auswandern wird. Die Szene aus dem Film «Memorias del subdesarrollo» (Erinnerungen an die Unterentwicklung), dem dialektischen Meisterwerk des kubanischen Regisseurs Tomás Gutiérrez Alea, stammt aus dem Jahre 1968. In jenem Augenblick, als der Protagonist den Satz ausspricht, fährt die Kamera über ein riesiges Plakat mit dem Konterfei von Fidel Castro.

Die Wahrheiten, die der in Kuba bleibende Grossbürger Sergio ausspricht, waren für das Land, das sich damals im Umbruch befand, so unbequem wie ungewöhnlich. Heute, 42 Jahre später, haben weder der verstörende Film noch der Satz an Aktualität eingebüsst, wie die soeben zu Ende gegangene 32. Ausgabe des Filmfestivals in der kubanischen Hauptstadt Havanna gezeigt hat.

Eine Art Insektenforscher

Der vor sechzehn Jahren verstorbene Regisseur Tomás Gutierrez Alea – ein kritischer Geist und glühender Revolutionär –, der in Kuba Zeit seines Lebens besser unter seinem Spitznamen Titón bekannt war, beabsichtigte damals mit der Figur des sarkastischen und scharfsinnigen Sergio nichts weniger, als das Publikum zum Nachdenken zu bewegen über den Weg, den diese so hoffnungsvoll begonnene Revolution eingeschlagen hatte. Sergio, der total entwurzelt und bindungslos in der ihn umgebenden Gesellschaft lebt und die Menschen und Veränderungen um ihn herum in der Art eines Insektenforschers beobachtet, bleibt eine faszinierende Figur – auch für neue Generationen von kubanischen Filmschaffenden.

Das hat nun Miguel Coyula, ein junger Kubaner, der seit 2001 in den USA lebt, am diesjährigen Filmfestival Havanna mit «Memorias del desarrollo» bewiesen. Er hat einen sperrigen und irritierenden Film geschaffen, in dem im Jahr 2010 ein vor Jahrzehnten in die USA emigrierter kubanischer Soziologieprofessor namens Sergio die ihn umgebende US-amerikanische Konsumgesellschaft in einer ähnlich illusionslosen Art der Nichtzugehörigkeit beobachtet wie sein Namensvetter von 1968 in Kuba.

Coyula, Jahrgang 1977, schloss in Havanna das renommierte Instituto Superior de Arte ab, bevor er wenig später über ein Stipendium in die USA emigrierte. Er versteht seinen zweistündigen Film, an dem er sechs Jahre gearbeitet hat, nicht nur als Hommage an Aleas Meisterwerk, sondern auch als sehr persönliche Sicht auf die so vertrackten Beziehungen zwischen Kuba und den USA der letzten fünfzig Jahre.

Mit der collageartigen Struktur und in Zusammenarbeit mit dem kubanischen Schriftsteller und Drehbuchautor Edmundo Desnoes hat Coyula in Anlehnung an das Vorbild mit einem Minimalbudget einen kompromisslosen Film geschaffen, der in mehrerer Hinsicht verblüfft – auch damit, dass er am vergangenen Filmfestival von Havanna mehrmals gezeigt wurde.

Tosender Beifall

Obwohl sich «Memorias del desarrollo» in seiner Kritik an den USA und an Kuba um Ausgewogenheit bemüht, sind jene Passagen, in denen es um Kuba und den Anführer seiner Revolution geht, von nie gesehener Schärfe. Der innere Monolog, der bereits Titóns Sergio kennzeichnete, ist auch bei Coyula präsent. Allerdings nimmt sich der «neue» Sergio die Freiheit heraus, Fidel Castro auch direkt anzugreifen. So hört sich Sergio an einer Stelle Ausschnitte aus einer Rede des Comandante en Jefe an, in denen dieser die Vorzüge des Sozialismus preist. «Weisst du, was, hör doch auf zu lügen, ich habe genug von deiner Bösartigkeit», kommentiert Sergio trocken, schaltet mit einem kräftigen Schlag das Tonbandgerät aus – und durch das voll besetzte Kino 23 y 12 in Havannas Vedado-Viertel toste an diesem kühlen Dezembertag stürmischer Applaus.

«Ich habe den Film bereits im Frühjahr einmal an einer internen Veranstaltung des kubanischen Künstlerverbands Uneac präsentiert und dort durchwegs positive Reaktionen erhalten», erzählt Coyula später im Gespräch mit der WOZ und erwähnt dann einen Schriftsteller, der als durchwegs systemloyal gilt. Dieser habe ihm überschwänglich gratuliert und «Memorias del desarrollo» als einen Film qualifiziert, der «erschütternd und notwendig» sei.

Dass solche Worte nun selbst von Leuten ausgesprochen werden, die ihr Leben lang einem längst erstarrten System treu gedient haben, erstaunt weniger, wenn man bedenkt, was die graue Eminenz der kubanischen Filmszene, Alfredo Guevara, in seinen traditionellen Eröffnungs- und Abschlussdiskursen in Havannas Karl-Marx-Theater sagte. Der 85-jährige Guevara hat als Begründer und jahrzehntelanger Chef des Filminstituts ICAIC und des Filmfestivals auch heute noch, da er sich auf die Funktion als (Ehren-)Präsident des Filmfestivals beschränkt, grossen Einfluss. Die Revolution müsse sich erneuern, müsse den jüngeren Generationen Platz machen – und sie müsse vor allem eine Bürokratie, die alles lähme, entschlossener bekämpfen und der Kreativität der jungen Kulturschaffenden mehr Raum geben, sagte Guevara im Abschlussdiskurs am 12. Dezember. Fidel Castro erwähnte er dabei – entgegen früheren Gewohnheiten – kein einziges Mal.

Tumulte bei der Premiere

Dafür gab es andere, die den Comandante en Jefe an diesem Festival zitierten: «Revolution heisst Bewusstsein für den historischen Moment, heisst alles verändern, was verändert werden muss.» Bian Oscar Rodriguez Gala, eine der beiden Stimmen des Rapduos Los Aldeanos, lässt sich so im Dokumentarfilm «Revolution» des jungen kubanischen Regisseurs Mayckell Pedrero Mariol vernehmen. Der in Videoclipmanier rasant geschnittene Film über das seit 2003 bestehende Duo, das sich in den vergangenen zwei Jahren immer mehr radikalisiert hat und deshalb mit einem faktischen Auftrittsverbot belegt wurde, beginnt mit einem Satz von Che Guevara: «Das einzige Gefühl, das noch stärker ist als die Liebe zur Freiheit, ist der Hass auf denjenigen, der sie uns nehmen will.»

Aldo Roberto Rodriguez Baquero, die andere Hälfte des Duos, stellt an einer Stelle des Films ihre bisweilige Abqualifizierung als «Konterrevolutionäre» infrage: «Wer ist konterrevolutionär? Jemand, der sich für den Wandel ausspricht, oder jemand, der seit fünfzig Jahren das Gleiche erzählt und immobil verharrt?» Dass dieser Film am Festival problemlos gezeigt werden konnte, zeigt, dass vielleicht in der Tat ein gewisser Wandel im Gang ist.

Noch bei seiner Premiere im vergangenen Februar am Festival de Nuevos Realizadores war es zu Tumulten gekommen, als Beamte der Staatssicherheit einigen bekannten ExponentInnen von Kubas systemkritischer Bloggerszene den Zutritt zum Kino verweigert hatten. Das Video über diese Vorfälle zirkulierte tags darauf im Internet, und heute bieten es ambulante StrassenhändlerInnen zusammen mit einer Raubkopie von «Revolution» als DVD an.

«Los Aldeanos sprechen von dem, was uns bewegt, davon, dass es in diesem Land keine Freiheit gibt, dass wir hier eingesperrt sind, davon, dass wir eine Regierung haben, die das Land während fünfzig Jahren systematisch ruiniert hat»: So preist ein junger DVD-Verkäufer in einer Cafeteria an Havannas Malecon-Uferpromenade einem Interessenten den Film über das Rapduo an. Auf die Frage, ob er keine Angst habe, sich in der Öffentlichkeit mit solchen Worten zu äussern, meint er nur: «Ich bin für Meinungsfreiheit, und das ist meine Meinung, die kann mir niemand nehmen.»

Im kommenden April findet in Kuba ein Kongress der herrschenden Kommunistischen Partei statt – der erste seit vierzehn Jahren. Die kubanische Führung dürfte es dabei nicht leicht haben, Räume zu schliessen, die sich in den vergangenen Monaten geöffnet haben.

Junge Filmer

Die Grenzen verwischen sich

Mit sieben langen Spielfilmen in den Wettbewerbssektionen des Filmfestivals Havanna sowie zahlreichen Dokumentar-, Animations- und Kurzfilmen markierte das kubanische Filmschaffen eine quantitative Präsenz wie nie mehr seit den achtziger Jahren. Der Umstand, dass das kleine Kuba mit vier Spielfilmen im Hauptwettbewerb gleich viele Beiträge präsentierte wie die «Filmgrossmächte» Argentinien und Mexiko, mutete schon fast sensationell an.

Dabei sind es vorwiegend die VertreterInnen der jüngeren Generation, die Kubas Kino repräsentieren. Zwar machten mit Gerardo Chijona und Fernando Pérez auch zwei etablierte, ältere Cineasten mit neuen Filmen von sich reden – doch sie waren eine Minderheit. Und sowohl Chijona, der mit «Boleto al paraiso» ein Drama aus einer jugendlichen Subkultur präsentierte, wie auch Pérez, der seinen historischen Episodenfilm «José Martí – El ojo del canario» vorstellte, nebenbei aber auch als Präsident des Festivals der Nuevos Realizadores amtet und dort seine schützende Hand über allzu aufmüpfige Geister hält, teilen die Einschätzung, dass heute die wichtigen Impulse von den unter Vierzigjährigen ausgehen.

Dabei haben sich die Grenzen verwischt zwischen einem Kino, das unabhängig und ausserhalb des nationalen Filminstituts ICAIC entsteht, und jenen Produktionen, die innerhalb des ICAIC realisiert werden. So drehen ältere Regisseure bisweilen Low-Budget-Filme, und junge Filmemacher realisieren relativ teure Produktionen innerhalb der Strukturen des ICAIC. Gerade Fernando Pérez ist einer, der mit Low-Budget-Produktionen Erfahrung hat: Seine Dokufiktion «Suite Habana» aus dem Jahr 2003 war ein grossartiges Beispiel dafür. Und dieses Jahr hat Juan Carlos Cremata – mit Jahrgang 1961 ein Mann der mittleren Generation, der bei seinen ersten beiden Spielfilmen «Nada» (2001) und «Viva Cuba» (2003) für kubanische Verhältnisse mit eher hohen Budgets gearbeitet hatte – mit dem düsteren Schwulendrama «Chamaco» einen unabhängigen No-Budget-Film realisiert und dafür den Festivalpreis in der Kategorie «Latinoamérica Primera Copia» erhalten.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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