Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

«Die Revolution kommt nicht vom Arsch her»

Mehr als Erdbeeren und Schokolade: Zwanzig Jahre nach dem Welterfolg von «Fresa y chocolate» zeigt das schwullesbische Filmfestival Pink Apple ein kleines Spezialprogramm zum Thema «Queer Kuba».

Von Geri Krebs

Der Literaturstudent David geht mit seiner ersten Liebe Vivian in ein schäbiges Stundenhotel. Vivian ist darob nicht erfreut: «Statt wie versprochen ins Kino, bringst du mich hierher – du bist wie alle Männer, es geht dir nur um Sex.» Nach kurzer Auseinandersetzung sieht man Vivian in einer nächsten Szene als Braut an ihrer prunkvollen Hochzeit – mit einem Ausländer. David hingegen entwickelt eine platonische Freundschaft zum schwulen Schriftsteller Diego.

So beginnt der Film «Fresa y chocolate» (1993, «Erdbeeren und Schokolade») von Tomás Gutiérrez Alea und Juan Carlos Tabío. Gespielt wurde Vivian von der damals 23-jährigen Marilyn Solaya in ihrer ersten Kinorolle. Inzwischen hat die Absolventin von Kubas nationaler Kunstschule Instituto Superior de Arte (ISA) ins Regiefach gewechselt. In ihrem ersten Kinospielfilm «Vestido de novia» erweist sie jetzt, zwei Jahrzehnte später, jenem Meilenstein des kubanischen Kinos die Reverenz.

«Ich hätte nie erwartet, so einen Film in diesem Land sehen zu können», sagt Rosa Elena (Laura de la Uz), die Hauptfigur in «Vestido de novia», nachdem sie mit ihrem Mann im «Payret» war, Havannas grösstem Kino. Und der Film, der sie zu Tränen gerührt hat, war eben «Fresa y chocolate».

Wie viele andere Menschen damals ist Rosa Elena überwältigt von der Geschichte der Freundschaft zwischen David und Diego, einer Freundschaft, die nicht sein darf. «Weil die Revolution nicht vom Arsch her kommt», wie David zur Antwort bekommt, als er einen Jungfunktionär und Zimmergenossen fragt, warum ein Schwuler eigentlich kein guter Revolutionär sein könne.

Gewaltbereite Schwulenhasser

Derartige Exemplare homophober Idioten gibt es nun in «Vestido de novia» gleich mehrfach – und im Gegensatz zum früheren Jungfunktionär sind sie auch bereit, ihren Ansichten brutal Nachdruck zu verleihen. Einer dieser gewaltbereiten Schwulenhasser, der korrupte Parteiführer und oberste Chef einer Baubrigade, wird brillant von Jorge Perugorría verkörpert, der damals in «Fresa y chocolate» den Diego gespielt hat. Ein anderer Gewalttäter, der Materialchef der Baubrigade, ist von einem kubanischen Kritiker so charakterisiert worden: «Menschen wie ihn gibt es in Kuba leider im Überfluss: Heuchler ohne jegliche ethische Prinzipien, zu allem fähig ausser zu Mitgefühl.»

Zeitlich ist «Vestido de novia» (was sich doppeldeutig übersetzen lässt: «Brautkleid» und «Mann, als Braut gekleidet») im Jahr 1994 angesiedelt. Damals kam «Fresa y chocolate» in die Kinos, aber es war auch das Jahr, als es angesichts von Hunger, Repression und Aussichtslosigkeit an Havannas Uferpromenade Malecon zu schweren Zusammenstössen zwischen demonstrierenden Unzufriedenen und einer durch regimetreue Schlägertrupps verstärkten Polizei kam. Diese Unruhen, die als «Maleconazo» in die Geschichte eingingen, sind in Kuba bis heute weitgehend tabu, doch Marilyn Solaya hatte den Mut, sie in «Vestido de novia» in einer kurzen Szene ins Geschehen einzubauen.

Es ist das erste Mal, dass diese traumatische Episode in einem kubanischen Spielfilm angesprochen wird, aber es gibt in «Vestido de novia» noch andere «erste Male». So ist es der erste Spielfilm aus Kuba, in dem es um Transsexuelle geht – und es ist seit den Zeiten der 1974 verstorbenen Sara Gomez («De cierta manera») auch der erste lange Spielfilm, der in Kuba von einer Frau realisiert wurde, oder genauer gesagt: «Von einer Kubanerin, die jener Generation angehört, die mit einem feministischen Diskurs aufgewachsen ist», wie Produzent Carlos de la Huerta in einem Interview am Filmfestival von Havanna präzisierte, wo der Film den Publikumspreis erhielt.

Wie man den Körper konstruiert

Hervorgegangen ist «Vestido de novia» aus dem Dokumentarfilm «En el cuerpo equivocado» («Im falschen Körper»). Darin hatte Marilyn Solaya 2010 die Transsexuelle Mavi Susel porträtiert, den ersten Menschen, der sich 1988 in Kuba vom Mann zur Frau hatte umoperieren lassen. Mavi Susel hat in «Vestido de novia» selbst eine kleine Nebenrolle als Krankenschwester in der Geburtsabteilung eines Spitals. Dorthin wird Rosa Elena von ihrem ahnungslosen Mann geschickt, um Abklärungen wegen ihrer Kinderlosigkeit zu treffen. «Vestido de novia» sei ein Film «über den sexuellen Körper der kubanischen Nation», sagt Marilyn Solaya. Und sie fährt fort: «Er erzählt davon, wie man diesen Körper konstruiert und welches der Preis ist, Frau zu sein, und welches der Preis ist, Mann zu sein in diesem Land.»

Wie hoch dieser Preis ist, zeigen drastisch auch zwei weitere neue Spielfilme aus Kuba, die sich am schwullesbischen Filmfestival Pink Apple als düstere Schwulendramen im Geiste eines Rainer Werner Fassbinder präsentieren: «Verde verde» vom 81-jährigen Enrique Pineda Barnet, dem gefeierten Koautor des Klassikers «Soy Cuba» (1964), und «Chamaco» von Juan Carlos Cremata.

Pink Apple: 29. April bis 7. Mai 2015 in Zürich, 
8. bis 10. Mai 2015 in Frauenfeld. Programm: 
www.pinkapple.ch. Marilyn Solaya und Juan Carlos Cremata werden ihre Filme am 
4. und 5. Mai 2015 persönlich in Zürich vorstellen.

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