Nr. 51/2010 vom 23.12.2010

Was lässt den Alltag erträglich werden? Was macht das Leben in diesem Land sogar recht angenehm? Da muss es doch mehr geben als Schwingen, Olma und Tigerfinkli: etwas, auf das wir stolz sein können.

In der Schweiz gibt es viele tolle Dinge. Oft hat es lange Kämpfe gebraucht, bis es so weit war – etwa bei der AHV. Viele Errungenschaften nehmen wir kaum noch wahr – zum Beispiel die Abwasserreinigung. Andere waren heftig umstritten – wie die Heroinabgabe. Die WOZ zeigt, was wir Gutes haben, woher es kommt und warum wir es bewahren sollten.

Die lieben KondukteurInnen

In unserer sogenannten Dienstleistungsgesellschaft hat sich eine professionelle Freundlichkeit etabliert, auf die ich allergischer reagiere als auf echte Unfreundlichkeit. Hergestellt und verinnerlicht wird sie in unzähligen Seminaren und Mitarbeiterschulungen. Der Hintergedanke ist immer der gleiche. Alles zielt darauf hin, ein Produkt zu verkaufen.

Kundennähe ist eine Wortbildung, die dabei immer sehr ausdrücklich betont wird. Daraus ergibt sich ein permanenter Belagerungszustand: immer und überall ein professioneller Mensch, der mir ein Produkt andrehen will. Was er dabei hinterlässt, ist vor allem eines: das Gefühl, dass ich nur so lange interessant bin, wie ich ein potenzieller Kunde bin.

Doch es gibt sie noch: die echte Freundlichkeit. Als Pendler erlebe ich sie täglich in den Zügen der SBB. Wie mich Kondukteurinnen und Kondukteure darum bitten, mein GA zu zeigen, die kurze Begrüssung, der kurze Blickkontakt, der kurze Abschied, das alles kommt ungekünstelt herüber. Manchmal ergibt sich ein kleiner, humorvoller Schwatz. Es ist erstaunlich, wie viele KondukteurInnen Humor haben.

KondukteurInnen haben mich schon als Kind fasziniert. In ihren dezenten Uniformen strahlen viele von ihnen eine ganz spezielle Bescheidenheit aus, verbunden mit unspektakulärer Hilfsbereitschaft. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es sich um Berufung handelt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass es einer der letzten Bereiche ist, in denen Menschen einen Dienst tun, der öffentlich und doch auch zwischenmenschlich ist. Vielleicht hat sich hier eine Kultur aus einer Zeit lebendig halten können, bevor Wörter wie Kundennähe erfunden worden sind. Vielleicht ist Zugfahren aber auch eine der letzten Möglichkeiten, milieuübergreifend ein wenig Gemeinschaft zu erfahren. Zumindest scheint es, dass dieser Dienst vor allem Menschen anzieht, für die Begleiten mehr als Kundendienst ist, nämlich eine vornehme menschliche Aufgabe. (Nicht auszudenken, was passierte, wenn der öffentliche Verkehr ganz privatisiert würde und KondukteurInnen vor lauter Wettbewerb ihre Freundlichkeit in spektakuläre Servicedemonstrationen umtauschen müssten.)

Es liegt mir am Herzen, allen Kondukteurinnen und Kondukteuren dafür zu danken, dass sie mich und viele andere Fahrgäste so freundlich durchs Leben begleiten. Der kulturelle Beitrag für das gesellschaftliche Wohl, den sie leisten, kann nicht genug geschätzt werden. Damit verbunden ist meine Bitte an alle Fahrgäste: Seid freundlich mit den KondukteurInnen. Sie haben es verdient.
Adrian Riklin

Danke, Biopionierinnen!

Wer hats erfunden? Bei einer so komplexen Angelegenheit wie dem Biolandbau ist die Antwort auf diese Frage nicht einfach. Fest steht, dass entscheidende Impulse aus der Schweiz kamen: Das Ehepaar Maria und Hans Müller begann in den vierziger Jahren, auf dem Möschberg oberhalb des Berner Dorfs Grosshöchstetten den organisch-biologischen Landbau zu entwickeln. Auch wenn die Literatur heute in erster Linie Hans erwähnt, war es offenbar Maria, die die Forschung vorantrieb. «Sie war es vor allem gewesen, die auf dem Möschberg für fachlichen ‹Nachschub› gesorgt hatte», erinnert sich Werner Scheidegger, der spätere Präsident des Branchenverbands, der heute Bio Suisse heisst. Bereits in den zwanziger Jahren hatte eine andere Schweizerin, Mina Hofstetter, mit ökologischem Ackerbau experimentiert. Aus der von ihr gegründeten Genossenschaft Biologischer Landbau entstand die Bioterra, der heute vor allem GärtnerInnen angehören.

Heute ist die Knospe, die aus den Möschberger Methoden entstand, im internationalen Vergleich eines der strengsten Biolabels. Nur ganze Betriebe können zertifiziert werden – das entspricht der Kreislaufphilosophie der PionierInnen um das Ehepaar Müller. Deren Zeitschrift gibts übrigens immer noch: Sie heisst «Kultur und Politik» und kann beim Bioforum (www.bioforumschweiz.ch) bestellt werden. Aber Bioland Nummer eins ist die Schweiz nicht mehr: Heute hält Österreich mit sechzehn Prozent biologisch bewirtschafteter Landwirtschaftsfläche den Weltrekord. In der Schweiz sind es nur elf Prozent.
Bettina Dyttrich

Ein Hoch auf die AHV

Es sind die Alten, die sich noch erinnern, wie es war, als es in diesem Land keine AHV gab. Damals konnten nur die wirklich Wohlhabenden auf Erspartes zurückgreifen. Die anderen hatten durch Krise und Krieg kaum die Möglichkeit, etwas zu sparen. Die Alten mussten bis zum Umfallen arbeiten oder sich auf innerfamiliäre Hilfe verlassen. Da waren zum Beispiel die Frauen, die auf Unterstützung ihrer Kinder angewiesen waren: Die ledige Tochter nahm die Mutter zu sich, die anderen Kinder steuerten das Geld für den persönlichen Bedarf, für Kleider oder Gesundheitskosten bei. Keine menschenfreundliche Lösung, wie hinterher gerne romantisiert wird. Denn oft gab es Streit. Und für jene, die ohnehin selbst kaum genug zum Leben hatten, war die Last gross. Es gab auch noch die Alten, die keine Kinder hatten oder den Kontakt zu ihren Kindern verloren hatten. Sie versuchten, sich mit Hilfsarbeiten oder Selbstversorgung – soweit das überhaupt noch möglich war – am Leben zu erhalten. Oder sie mussten auf die Fürsorge gehen. Was zu jener Zeit auch die Aufgabe der Selbstbestimmung bedeutete.

Das war die Situation, als nach dem Zweiten Weltkrieg die AHV gegründet wurde. Und sie sollte sofort Hilfe bringen. Das war nur mit einem System möglich, das auf der Einsicht basierte, dass die aktiven Generationen insgesamt als Gemeinschaft für die Alten einstehen mussten. Gleichzeitig galten ihre Versicherungsabgaben als Garant für den eigenen Anspruch im Alter. Man nennt das das Umlageverfahren. Und es hat den grossen Vorteil, dass nicht Geld angespart wird, sondern spätere Leistungen. Solches Sparen ist geschützt vor Geldentwertung und Spekulation. Und eigentlich müsste es gerade in der heutigen Zeit der Wirtschafts- und Finanzkrisen sonnenklar sein, dass eine zukünftige Altersvorsorge, die ein Mindestmass an Sicherheit und Gerechtigkeit bietet, nur in diesem System zu finden ist. Also gilt es, die AHV aus- und nicht abzubauen.
Linda Stibler

In die Aare ohne Bademeister

In Bern und darüber hinaus ist unbestritten: Sommertage in und an der Aare sind bezaubernd schön. Wo genau innerhalb der Stadtgrenzen man sich in den Fluss wirft, ist freilich Geschmacksache. Da gibt es das Marzilibad, laut Standortmarketing «das schönste Flussbad der Welt». Bern Tourismus weiter: «Das Marzili hat sich zum hippen Treffpunkt der Berner Szene gemausert, wo bei kühlem Bier und entspannter Atmosphäre das Leben genossen wird.» Selbst im Hochsommer kann es einem dort gelingen, einen freien Flecken Rasen fürs Badetuch zu ergattern. Im steten Strom der Menschenfleischmassen wird man dann flussaufwärts geschoben bis zum Schönausteg, wo man aus zwei Metern Höhe – mit etwas Glück – keinem Schwimmer auf den Kopf springt.

Wer sonst schon genug im Stau steckt, dem bietet sich flussabwärts eine Alternative: Im Altenberg zwischen dem Bärengraben und dem Lorrainebad geht es gemächlicher zu. Es wird geschwommen, gesurft, von Brücken gesprungen – ohne Störung durch Bademeister und Standortvermarkterinnen. Diesen Sommer war Popstar Pink da. Am Abend nach ihrem Sprung von der doch recht hohen mittelalterlichen Untertorbrücke twitterte sie etwas vom «schönsten Tag» ihres Lebens. Ein Glück, hat Bern Tourismus das nicht mitgekriegt.

Eines ist aber im «hippen» Marzili genau gleich wie im Altenberg: das zugleich entspannende wie anregende Sich-treiben-Lassen im kühlen Nass – und das prickelnde Gefühl auf der Haut, wenn man dem Fluss wieder entsteigt. Das Wasser ist sauber, das Ufer fast überall öffentlich zugänglich – eine Errungenschaft, die an vielen anderen Schweizer Gewässern fehlt.
Dinu Gautier

Alternativen fürs Abwasser

Wir drehen den Hahn auf – und haben Trinkwasser. Wir drücken die Klospülung, und weg ist der Dreck. Im Sommer baden wir in der Limmat, in der Aare, sogar im Rhein. Auf den Strassen stinkt es zwar nach Abgas, aber nicht nach Fäkalien. Und das alles halten wir für selbstverständlich. «Das ist das Schicksal der Siedlungswasserwirtschaft», sagt Max Maurer. «Je besser sie funktioniert, desto weniger wird sie wahrgenommen.» Doch das frustriert den Chemieingenieur nicht, der an der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs in Dübendorf, die Abteilung Siedlungswasserwirtschaft leitet. Er weiss, dass seine Arbeit wichtig ist: «Man kann ganz gut ohne Internet leben – das taten wir vor zwanzig Jahren auch –, aber ohne sanitäre Anlagen wird es schnell sehr unangenehm.»

«Unser System, die Schwemmkanalisation, ist praktisch – aber eigentlich auch dumm», sagt Maurer. «Wir brauchen sehr viel Wasser für die Entsorgung von relativ kleinen Mengen an Fremdstoffen.» Das hat historische Gründe: Als mit der Industrialisierung die europäischen Städte im 19. Jahrhundert schnell wuchsen, entstand ein gigantisches Hygieneproblem. Die Leute wurden krank, die Sterblichkeit war massiv höher als auf dem Land. Darum wurden Kanalisationen gebaut. Lange führten die Röhren nicht zu einer Kläranlage, sondern einfach raus aus den Städten, zum nächsten Fluss. «Das verbesserte die Situation in den Städten tatsächlich, aber das Problem wurde nur verschoben.» Als dann vor gut fünfzig Jahren die Schweizer Gewässer unter Schaum- und Algenteppichen verschwanden, schienen zentrale Kläranlagen die beste Lösung zu sein.

In den letzten Jahrzehnten wurde unser System globalisiert: «Alle, die konnten, bauten Schwemmkanalisationen mit zentralen Kläranlagen. Und die, die nicht konnten, haben eine Sauerei. Zweieinhalb Milliarden Menschen fehlt der Zugang zu sanitären Anlagen.» Für sie brauche es dringend andere Lösungen: «Unser System verbraucht viel zu viel Wasser, es ist teuer – in der Schweiz kostete allein der Bau 15 000 Franken pro Person –, und es benötigt stabile Bedingungen. In Regionen, die politisch instabil sind oder wo die Bevölkerung sehr schnell wächst, ist die Planung von zentralen Anlagen fast unmöglich.» Und auch bei uns, wo viele Kläranlagen bald erneuert werden müssten, stelle sich die Frage nach Alternativen.

Solche Alternativen erforschen Max Maurer und seine KollegInnen an der Eawag. Hauskläranlagen zum Beispiel: «Wenn das Abwasser vor Ort gereinigt wird, kann man sich die Kanalisation sparen – und gewinnt Wasser, das für Kühlung oder Bewässerung zur Verfügung steht.» Ein anderes Projekt dreht sich um die Gewinnung von Dünger aus Urin.

Maurer ist überzeugt: «Mit Massnahmen an der Quelle kann man sehr viel erreichen. Das erhöht die Flexibilität und den Freiheitsgrad.» Freiheitsgrad: ein schönes Wort, und es passt zu einer Institution wie der Eawag, die den schonenden Umgang mit Ressourcen in den eigenen Gebäuden vorlebt, selbst eine Kinderkrippe eingerichtet hat und bei der der Frauenanteil 49 Prozent beträgt. Nächstes Jahr feiert sie ihren 75. Geburtstag.
Bettina Dyttrich

Was uns das Leben erleichtert

Wenn Frau Schweizer nach dem Zmorge-Birchermüesli mit dem Hund spazieren geht, entsorgt sie den Hundekot korrekt in den Robidog. Danach schreibt sie auf ihrem Computer einen Artikel in Helvetica-Schrift, bevor sie mit dem Sparschäler das Gemüse für die Suppe schält und im Dampfkochtopf zubereitet. Da es gerade so schön Schnee hat, nimmt sie am Nachmittag frei, um sich vom kleinen Bügelskilift am Dorfrand die Piste hinaufziehen zu lassen. Nach dem Znacht gönnt sie sich wieder mal eine Dosis LSD. Lauter Schweizer Erfindungen, die uns das Leben erleichtern – oder auch nicht ...
Franz Moor

Heroin von der Ärztin

Zuerst der Opernhauskrawall, dann die offene Drogenszene am Platzspitz: In den achtziger Jahren merkte die ganze Welt, dass auch der Finanzplatz Zürich eine dreckige Seite hat. Nach dem Platzspitz kam der Letten – in kaum einer westeuropäischen Stadt waren illegale Drogen so sichtbar wie in Zürich. Eine Koalition aus SP und FDP machte ungewöhnliche Lösungen möglich: 1994 wurde in einem Pilotprojekt der Arud (Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen) erstmals Heroin ärztlich verschrieben. Das gab es damals in Europa nur in einigen britischen Städten.

Die Ärztin Irene Caspar Frey ist fast seit dem Anfang dabei. Heute leitet sie die Poliklinik DBB der Arud in Horgen. Der Gesundheitszustand der Heroinabhängigen habe sich stark verbessert, erzählt sie: «1994 gehörte das Aufschneiden von Abszessen zur Tagesordnung. Das kommt heute fast nicht mehr vor.»

Nur etwa 1400 Menschen sind in der Schweiz in einer heroingestützten Behandlung. Zehnmal mehr beziehen Methadon. Denn die Anforderungen für die Heroinprogramme sind hoch: Die Droge muss in der Abgabestelle konsumiert werden – das braucht Disziplin und macht Ferien unmöglich.

In den letzten Jahren sorgte Kokain für weit mehr Schlagzeilen als Heroin. Heroin ist ausser Mode, das Durchschnittsalter der KonsumentInnen steigt. Werden die Angebote der Arud irgendwann überflüssig? Das glaubt Irene Caspar Frey nicht. «Die Nachfrage nach Heroin kommt in Wellen. In zehn Jahren kann die Situation ganz anders aussehen.» Und wäre Kokain auf Rezept sinnvoll? «Wir wissen es nicht. Ein Versuch mit Kokain-Zigaretten in den neunziger Jahren wurde nach wenigen Monaten abgebrochen. Man müsste es prüfen – aber im heutigen politischen Klima ist das nicht realistisch.»

2008 wurde die Revision des Betäubungsmittelgesetzes mit 68 Prozent der Stimmen angenommen. Seither ist die heroingestützte Behandlung im Gesetz verankert. Nächstes Jahr soll nun die neue Verordnung dazu in Kraft treten. Wenn sie angenommen wird, dürfen die HeroinkonsumentInnen in Zukunft zwei Tagesdosen mit nach Hause nehmen. Für Ferien reicht das noch lange nicht. «Ich wünschte mir, auch bei der heroingestützten Behandlung wäre ein Courant normal wie bei der methadongestützten Behandlung möglich. Doch davon sind wir noch weit entfernt», sagt Irene Caspar Frey.
Bettina Dyttrich

Gesetze, die man versteht

Es gibt Bücher, die sind allen bekannt und beeinflussen das Leben aller – trotzdem weiss kaum jemand, wer sie geschrieben hat. Eines dieser Bücher ist das ZGB, das Schweizer Zivilgesetzbuch. Es ist ein Meisterwerk der Extraklasse, geschrieben von einem Journalisten. Eugen Huber hat das Gesetzesbuch vor über hundert Jahren im Alleingang verfasst: Es regelt die Belange des alltäglichen Lebens, von der Geburt über die Verlobung bis hin zum Erbrecht.

Huber wuchs im Zürichbiet auf, studierte Jura und wurde 1873 Redaktor bei der NZZ. Drei Jahre später – Huber war erst 26 Jahre alt – war er bereits Chefredaktor, verliess die Zeitung aber nach einem Jahr aufgrund politischer Querelen. Später lehrte er an diversen Universitäten und erhielt vom Bund den Auftrag, das Privatrecht zu vereinheitlichen.

Huber versuchte, die Gesetze in eine verständliche Sprache zu giessen. Er wollte, dass auch die, die nicht studiert haben, es verstehen, und schrieb so klar wie schnörkellos. In Artikel 31 steht zum Beispiel: «Die Persönlichkeit beginnt mit dem Leben nach der vollendeten Geburt und endet mit dem Tode.» Oder: «Vor der Geburt ist das Kind unter dem Vorbehalt rechtsfähig, dass es lebendig geboren wird.» Zudem machte Huber etwas schon fast Revolutionäres: Er verstand das Recht nicht nur als eine Gesetzessammlung, die «von oben» geschrieben und verordnet wurde – er bezog auch das Gewohnheitsrecht mit ein, also das Recht, wie es die Bevölkerung von alters her lebte.

Sein ZGB trat 1907 in Kraft. Weil es so schlicht und logisch war, wurde es auch kopiert: Kemal Atatürk, der in den zwanziger Jahren die Türkei modernisieren wollte, übernahm das Schweizer ZGB und ersetzte damit das türkische Schariarecht.

In der Schweiz wurde es in den letzten hundert Jahren immer wieder ergänzt, enthält aber immer noch zu sechzig Prozent die ursprünglichen Texte von Huber. Das Grossartige am ZGB: Es ist verständlich – dadurch wird Recht nachvollziehbar und sorgt für ein Gefühl von Gerechtigkeit. Was bei der Jurisprudenz nicht immer der Fall ist, aber besonders wichtig erscheint, wenn es ums alltägliche Leben, Lieben und Leiden geht.
Susan Boos

Transportmittel für die Ewigkeit

Gierfähren sind eine kluge Erfindung aus dem Mittelalter und werden auch «fliegende Brücken» genannt: Die kleinen, flachen Boote hängen an einer dicken Trosse, die über den Fluss gespannt ist, und nutzen die Strömung, um sich über den Fluss treiben zu lassen. So brauchen sie keinen Motor und machen keinen Lärm.

Bekannt sind die vier Gierfähren von Basel: Wilde Maa, Leu, Vogel Gryff und Ueli. Diese Fähren gibt es seit etwa 150 Jahren, als in Basel erst eine Rheinbrücke stand. Aber auch an der Reuss und an der Aare gibt es noch solche Fähren (www.tinyurl.com/faehren) Sie sind wie aus der Zeit gefallen: Es brauchte sie, als die Welt noch keine Asphaltstrassen kannte, und sie werden noch funktionieren, wenn der letzte Tropfen Erdöl aufgebraucht ist.
Susan Boos

Schweizer Säuli leben besser

«Die Schweiz ist kein Paradies für Nutztiere», betont der Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes STS, Hansuli Huber. Es gebe noch einiges zu tun. Und doch ist Huber froh um die Verbesserungen der letzten dreissig Jahre.

In den sechziger und siebziger Jahren veränderte sich die Landwirtschaft rasant: von der bäuerlichen Tierhaltung hin zu Intensivmastställen, deren BewohnerInnen ein Leben lang nicht an die frische Luft kamen. Fernsehsendungen über Hühnerbatterien hätten die Bevölkerung aufgeschreckt, erinnert sich Hansuli Huber. So kam es, dass die Schweiz 1981 als erstes Land der Welt die Hühnerhaltung in Käfigen verbot.

Richtig grosse Verbesserungen habe dann das Tierschutzgesetz von 2008 gebracht, sagt Huber: «Tiertransporte wurden in der Schweiz auf maximal sechs Stunden beschränkt. Das ist weltweit einzigartig.» Ebenso einmalig sind die Haltungsbestimmungen für trächtige und säugende Sauen: Sie müssen in Gruppen und nach der Geburt ihrer Ferkel mit diesen zusammen gehalten werden, Anbinden ist verboten, Einstreu Pflicht. Streng ist die Schweiz auch beim Verbot der Kastration ohne Betäubung. Und für alle Nutztierarten gibt es genaue Vorschriften zur Grösse der Ställe.

Doch nicht nur die Gesetzgebung machte Fortschritte: «Noch vor zwanzig Jahren sah man im Unterland wunderselten Kühe auf der Weide», sagt Huber. «Heute können achtzig Prozent regelmässig ins Freie.» Und auch die Ställe sind tierfreundlicher geworden – beides nicht wegen Gesetzen, sondern dank Labelprogrammen, kombiniert mit höheren Direktzahlungen für tierfreundliche Stallhaltung und regelmässigen Auslauf. Die Produkte landen etwa mit dem Label Terrasuisse in der Migros oder als Naturafarm-Erzeugnisse im Coop.

Trotzdem macht sich der STS-Geschäftsführer Sorgen. Denn das Volkswirtschaftsdepartement verhandelt seit zwei Jahren mit der EU über ein Freihandelsabkommen im Agrarbereich. Lebensmittel würden dank offenen Grenzen massiv billiger – und die BäuerInnen kämen noch mehr unter Druck. Auf Kosten der Tiere, fürchtet Hansuli Huber. «Wenn massenhaft Billigfleisch auf den Markt kommt, werden sich auch viele Schweizer Bauern gezwungen sehen, ihre Standards zu reduzieren.» Ausserdem wären viele Regelungen wohl nicht mehr möglich, zum Beispiel die heutige Beschränkung der Tierzahlen in Schweine- und Geflügelbetrieben. Oder die Verordnung über die Tiertransporte. «In der EU dauern Transporte oft 48 Stunden und länger. Das ist inakzeptabel», sagt Huber.
Bettina Dyttrich

Solidarische SchweizerInnen

Sie taugt vor allem noch für Sonntagsreden, die viel gelobte humanitäre Tradition der Schweiz. Nach Minarettverbot und Ausschaffungsinitiative wirkt der Stolz auf sie abgestanden. Zum Glück gibt es trotzdem Menschen, die sie weiterhin hochhalten und in konkrete Solidarität verwandeln. Zum Beispiel die Gruppe Augenauf, die sich in Basel, Zürich und Bern für Grundrechte einsetzt, bei Demos genauso wie bei Ausschaffungen (www.augenauf.ch). Oder das Solidaritätsnetz Ostschweiz, das Flüchtlinge im Alltag begleitet, sich bei den zuständigen Ämtern einmischt und in St. Gallen eine autonome Schule gegründet hat (www.solidaritaetsnetz.ch). Manchmal ist auch konkrete Hilfe nötig: Der kongolesische Flüchtling und Ökonom Karl Landu darf nicht in der Schweiz bleiben, aber die kanadische Provinz Manitoba sucht Fachleute wie ihn. Der Verein La Suisse vers le Canada (auf Facebook) sammelt nun Geld, damit Familie Landu ausreisen kann. Solidarité sans frontières in Bern mischt sich immer wieder in die Migrationspolitik ein (www.sosf.ch), die Freiplatzaktion Zürich bietet Rechtshilfe für Asylsuchende an (www.freiplatzaktion.ch), und Sans-Papiers-Anlaufstellen in verschiedenen Städten unterstützen Papierlose (www.sans-papiers.ch). Bei diesen Organisationen ist Ihr Spendengeld besser aufgehoben als bei der Flüchtlingshilfe. Dort wird es womöglich noch für die Defizitdeckung des Gegenvorschlag-Komitees verwendet.
Bettina Dyttrich

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