Nr. 46/2008 vom 13.11.2008

Warum Kokain?

Interview: Bettina Dyttrich, Foto: Ursula Häne

«Dann gehe ich nach Hause und frage mich: Lebt er wohl morgen noch?»

WOZ: Sie arbeiten schon seit fast fünfzehn Jahren im Suchtbereich. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Irene Caspar Frey: Die Zahl der Heroinkonsumenten hat klar abgenommen. Generell hat eine Verschiebung von den dämpfenden zu eher anregenden Substanzen stattgefunden, vor allem zu Kokain. Das hängt auch mit dem Preiszerfall zusammen: Vor fünfzehn Jahren kostete ein Gramm Kokain 700, 800 Franken, heute kostet es 50. Ausserdem konsumieren immer jüngere Menschen Cannabis. Aber Alkohol ist mit 300 000 Abhängigen weiterhin das verbreitetste Suchtmittel. Im Vergleich dazu ist Heroin ein verschwindendes Problem. Übrigens ist sauberes Heroin viel weniger schädlich als Alkohol.

Haben sich auch die Behandlungsmethoden verändert?
Ja. Ursprünglich war die Suchtbehandlung ja eine Domäne der Sozialarbeit. In den letzten zehn Jahren hat eine Medizinalisierung stattgefunden. Heute wissen wir, dass der grösste Teil der Menschen mit einer Suchtstörung noch zusätzliche psychische Störungen hat. Darum ist die psychiatrisch-psycho-therapeutische Behandlung ein wichtiger Aufgabenbereich unserer Klinik. Betrachtet man die Schicksale unserer Patienten, so zeigt sich, dass der Konsum häufig eine Überlebensstrategie darstellt – die aber leider neue Probleme verursacht.

Wie steht es um die körperliche Gesundheit?
Hier haben wir vor allem mit den Spätfolgen der früheren Drogenpolitik zu tun. Bis Ende der achtziger Jahre war die Spritzenabgabe verboten, und damals haben sich sehr viele mit Hepatitis und HIV angesteckt. Heute ist der Gesundheitszustand der Heroinabhängigen viel besser. Als ich 1994 anfing, gehörte das Aufschneiden von Abszessen zur Tagesordnung. Dank einigermassen sauberen Konsumbedingungen kommt das heute fast nicht mehr vor.

Welche Probleme gibt es mit Kokain?
Kokain ist für den Körper sehr schädlich, führt zu Gefässverengungen und kann einen Herzinfarkt verursachen. Die körperliche Abhängigkeit ist nicht sehr stark, dafür ist die psychische enorm. Die Gier nach der Substanz kann sehr zerstörerisch sein.

Wie therapieren Sie das?
Es hat sich gezeigt, dass verhaltenstherapeutische Methoden hier sehr wirksam sind. Im Zentrum steht die Frage: Warum konsumiere ich? Welche Verhaltensstrategien kann ich lernen, um meine Konsummuster zu verändern?

Warum konsumieren die Leute denn?
Kokain wirkt leistungssteigernd, erhöht das Selbstwertgefühl, man fühlt sich grossartig, bis die Wirkung nachlässt und ein Stimmungstief folgt. Viele konsumieren am Morgen Kokain, um leistungsfähig zu sein für den Tag. Am Abend brauchen sie dann eine beruhigende Substanz, um wieder «runterzukommen». Es ist normal geworden, die Befindlichkeit mit psychoaktiven Substanzen zu regulieren. Der Konsum dient der Anpassung an unsere auf Leistung getrimmte Gesellschaft.

Was machen Sie denn, wenn jemand sagt: Ich nehme Kokain, um den Berufsstress auszuhalten?
Wir schauen genau an, wo der Stress herkommt und wie er sich abbauen liesse. Es ist ja selten der Beruf allein, der die Leute überfordert. Wir suchen Strategien, um den Alltag anders anzugehen.

Vielleicht sollte die Person einfach einen weniger stressigen Job suchen?
Das war bisher noch nie nötig. Es gab immer andere Möglichkeiten.

Ihre eigene Arbeit ist sicher auch oft belastend. Trotzdem wirken Sie entspannt.
Ich denke, das ist ein professioneller Habitus, den man mit der Zeit bekommt. Als ich mit der Arbeit im Suchtbereich anfing, ging sie mir sehr nahe und beschäftigte mich auch in der Freizeit. Darum ist Supervision in Berufen, in denen man mit Menschen mit schwierigen Schicksalen zu tun hat, so wichtig. Mit der Zeit lernt man eine gute Mischung aus Nähe und Distanz. Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung ist wichtig für eine erfolgreiche Behandlung. Das gilt es auch auszuhalten, denn ohne Nähe ist meines Erachtens keine Therapie möglich. In der Therapie geht es nicht um Mitleid, aber um ein Mitfühlen. Es braucht die Fähigkeit, sich ein Stück weit in die Situation der Patienten zu versetzen.

Das tönt nach einer Gratwanderung.
Ich hatte auch schon schlaflose Nächte. Ich kann ja nicht jedes Mal, wenn es jemandem schlecht geht und er sich selbst gefährden könnte, einen Fürsorgerischen Freiheitsentzug anordnen. Dann gehe ich nach Hause und frage mich: Lebt er wohl morgen noch?

Die Ärztin Irene Caspar Frey, 53, leitet die Poliklinik für Diagnostik, Behandlung, Beratung (DBB) in Horgen. Sie berät und behandelt Menschen, die Probleme mit legalen oder illegalen Substanzen haben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch