Aus dem Bundesarchiv : Als Hitler in Dübendorf landete

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Am 30. April 1945 beging Adolf Hitler in der Berliner Reichskanzlei Suizid. Doch in den Köpfen vieler Menschen lebte der Diktator weiter. Auch in der Schweiz trat er ein zweites Leben an.


Am 4. März 1946 – der Zweite Weltkrieg war seit bald einem Jahr zu Ende – ging bei der Bundespolizei (Bupo) in Bern ein Brief ein. «Sehr geehrte Herren!», lasen die Beamten, «Hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich glaube, die Spur Hitlers in der Schweiz gefunden zu haben.» Die Absenderin Emma W., Inhaberin einer kunstgewerblichen Werkstätte in St. Gallen, schickte der Bupo detaillierte Listen, wo sich Hitler mit Eva Braun aufgehalten haben soll, unter anderem in einem Haus neben dem Hotel Kulm in Arosa und später in Baden AG.

War Emma W. eine Spinnerin? Für die Bupo zunächst nicht, denn sie beauftragte die St.  Galler Kantonspolizei mit Erhebungen zur Person. Diese ergaben, dass Emma W. Zeichnungslehrerin und sehr tüchtig sei. Sie betreibe «Pendeln» und sei so auf Hitlers Spur gestossen. Emma W. selbst sprach von «radiästhetischen Untersuchungen». Weiter liess die Bupo sämtliche Adressen in Baden, wo sich Hitler aufgehalten haben soll, untersuchen. Hausbesitzer und NachbarInnen wurden befragt. Alles negativ. Als Emma W. weitere Berichte nach Bern schickte, hatten die Beamten genug: «Ablegen. Keine Folge leisten. Konfuse Frau» steht handschriftlich und mit Rotstift auf dem Dossier. Dieses findet sich in der Akte «Adolf Hitler», welche die Bundesanwaltschaft 1923 über den Führer angelegt hatte.

Emma W. war keineswegs die Einzige, die glaubte, Hitler sei nicht tot, sondern er sei den Sowjets entronnen und halte sich heimlich in der Schweiz auf. Auch der pensionierte Bähnler Albert G. aus Renens wollte im April 1945 Hitler gesehen haben, in Begleitung von Eva Braun im Zug nach Lausanne, in die NZZ vertieft. «Ich bin mir absolut sicher», schrieb er in einem Brief an Bundespräsident Karl Kobelt. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben nichts Negatives: G. trinke nicht, sei mental bei Kräften und habe nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt, so der Rapport. Schliesslich meldete sich auch Marie G. aus Winterthur, und zwar direkt bei General Henri Guisan: Sie habe Hitler im Zug nach Zürich gesehen. Leider habe sie es versäumt, beim Abfahren die Notbremse zu ziehen. Guisan gab den Brief an Bupo-Chef Werner Balsiger weiter, und dieser beschied der Einsenderin: «Wir können Ihnen mitteilen, dass Adolf Hitler sich nicht in der Schweiz befindet. Es ist kein Grund vorhanden, sich durch ähnlich aussehende Gestalten beunruhigen zu lassen.»

Hatte der Bupo-Chef selbst Zweifel?

Diese Antwort datiert vom März 1947, zwei Jahre nach Hitlers Tod. Erstaunlich daran ist, dass Balsiger nicht schrieb: «Hitler ist, wie wir doch alle wissen, längst tot.» Hatte der Bupo-Chef selbst Zweifel am Ableben des Diktators? Wir wissen es nicht, aber: Die Zeit unmittelbar nach Kriegsende war eine Zeit grösster Verunsicherung. Das Koordinatensystem der Zwischenkriegszeit hatte sich aufgelöst. Die dramatische Implosion des Nationalsozialismus, der weite Teile Europas beherrscht hatte, hinterliess ein Vakuum, das sich mit Gerüchten, Legenden und Spekulationen aller Art füllte. Viele konzentrierten sich auf die Person des Führers. Konnte eine charismatische Figur, die zehn Jahre lang wie niemand sonst die öffentliche Meinung dominiert hatte, plötzlich inexistent sein? Die totalitäre Propaganda hallte weiter, und zwar nicht nur bei Leuten aus der SS oder der NSDAP, sondern auch im unpolitischen Alltagsbewusstsein. In diesem Resonanzraum war es möglich, dass Hitler als transnationales Phantasma wiederauferstehen konnte – «Hitler lebt!»

Mit Hitler und Eva nach Dänemark

Die Medien machten sich dies zunutze und leisteten der allgemeinen Verunsicherung durch spektakuläre Fragezeichenberichte Vorschub. Hitler verberge sich mit einigen Getreuen in einer Höhle in den Alpen oder sei mit einem U-Boot nach Südamerika gelangt, lauteten zwei gängige Storys in den Jahren 1945 bis 1948. Hochstapler wie der Kriegsheimkehrer Arthur Friedrich René Angelotti-Mackensen erzeugten erheblichen Wirbel. Der Mann behauptete 1948, mit Hitler und Eva Braun nach Dänemark geflogen zu sein. Der angebliche Augenzeuge entpuppte sich als Betrüger.

Selbst bei Behörden und Geheimdiensten trieb der Wiedergänger Hitler sein Unwesen. Die Wirren der Nachkriegszeit und vor allem die Angst der Alliierten vor versprengten Nazigruppen nährten Befürchtungen vor einer möglichen Wiederkunft des «Dritten Reichs» durch im Untergrund operierende Deutsche. Ein Beispiel dafür ist der alliierte Report «Illegal Nazi Organisation», der 1947 auch bei der Bundesanwaltschaft einging. Darin wurde unter Verweis auf einen Informanten aus dem österreichischen Linz behauptet, Hitler habe sich in die Schweiz abgesetzt und besitze mehrere Pässe, darunter einen Schweizer Pass auf den Namen Kurt Reichl, geb. 1887 in Basel. Obwohl sie die Information als «höchst unwahrscheinlich» erachtete, scheute die Bundesanwaltschaft keinen Aufwand. Sie liess die Listen der Fremdenpolizei auf die beiden Namen abchecken und durchkämmte die An- und Abmeldungen bei der Einwohnerkontrolle sowie der Hotelkontrolle in Zürich zurück bis auf den 1. Januar 1945. Resultat: negativ. Der Informant, der dem US-Agenten die Hitler-Story aufgetischt hatte – er stammte notabene aus Hitlers Herkunftsregion –, hatte behauptet, er habe Hitler zusammen mit Martin Bormann und einem SS-Hauptsturmführer mit einem Boot von Lindau nach Romanshorn gebracht, dort vier Tage in einem Wald versteckt, dann mit der Bahn nach Buchs SG und weiter «per Boot» über Liechtenstein nach Feldkirch gebracht. Es dürfte auf mangelnde Ortskenntnisse zurückzuführen sein, dass solch blühender Unsinn überhaupt in einem Bericht festgehalten wurde.

Der Diktator Hitler, die Weltkriegskatastrophe und der Schock der beiden ersten Atombombenabwürfe gingen im Kopf des Westschweizer Mechanikerlehrlings Maurice-Alfred B. aus Delémont eine spezifische Verbindung ein. Er wandte sich im September 1948 ans Aussendepartement in Bern und behauptete, im Besitz eines Dokuments zu sein, das beweise, dass eine Gruppe von Fanatikern mit Hitler als Chef im Besitz einer Tausend-Kilo-Atombombe sei, die alles Leben auf einer Fläche fünfmal so gross wie die Schweiz vernichten könne. Auch diese Einsendung nahm die Bundespolizei ernst. B. wurde in Delémont verhört. Am Schluss gab er zu, die Story erfunden zu haben.

Weil tatsächlich unklar war, unter welchen Umständen Hitler 1945 umgekommen war, genoss das «Phantom Hitler» zeitweise grosse mediale Beachtung. Michael Musmanno, ein US-Richter der Nürnberger Prozesse, in denen die Naziverantwortlichen abgeurteilt wurden, sah sich zu einer Recherche zum Thema «Lebt Hitler noch?» veranlassst. Musmannos Erkenntnisse über die Todesumstände im Führerbunker wurden einem interessierten Publikum im Dezember 1948 unter der Schlagzeile «Hitlers letzte Stunden» verkauft. Die Darlegungen treffen bezüglich des Selbstmords Hitlers mit einer Pistole wohl zu, gelten der historischen Forschung ansonsten aber als unzuverlässig (vgl. «Hitler, der ewige Albtraum»).

Realitätskern einer Fantasie

Hitlers zweites Leben als politisches Phantom begann übrigens schon wenige Stunden nach seinem Ableben am 30. April 1945. Die Schweizerische Depeschenagentur rief gleichentags abends um 19 Uhr die Bundesanwaltschaft an und teilte mit, dass in Sion hartnäckig das Gerücht zirkuliere, Hitler sei in Dübendorf gelandet. Gemeint war wohl der Militärflugplatz. Der Hintergrund dieses Gerüchts ist nachträglich nicht mehr auszumachen. Bemerkenswert ist immerhin die darin unterstellte Nähe zwischen Schweizer und deutschen Militärs – der Realitätskern dieser Fantasie, ohne den sie unplausibel und nicht gerüchtetauglich geblieben wäre. Man kann darin den Reflex der Tatsache sehen, dass in der Bevölkerung viele höhere Offiziere als Nazianhänger oder zumindest als deutschfreundlich galten. Die imaginative Brücke zur Vorstellung, dass solche Leute im Notfall ihrem Mastermind zu Diensten stehen würden, war somit durchaus gegeben.