Nr. 01/2011 vom 06.01.2011

Die Literatin als Hassfigur des neuen Mittelstands

An diesem Donnerstag entscheidet ein Gericht in Delhi, ob die Schriftstellerin Arundhati Roy wegen «Aufwiegelung» angeklagt wird. Mit ihren Streitschriften weist sie auf die Opfer des indischen Aufschwungs hin. Jetzt verlangt die rechte Opposition ihren Kopf.

Von Joseph Keve, Bombay

Ein paar Sätze von ihr hatten genügt, um Indiens NationalistInnen Sturm laufen zu lassen. «Wir verlangen, dass sie sofort festgenommen wird», donnerte Anant Kumar, Generalsekretär der oppositionellen Bharatiya Janata Party BJP: «Wer so gegen Indien spricht, gehört aufgehängt.» Und selbst Indiens Justizminister Veerappa Moily konnte sich ein Statement nicht verkneifen: «Die Meinungsfreiheit ist nicht dazu da, die patriotischen Gefühle des Volkes zu verletzen», sagte der Politiker der regierenden Kongresspartei. Dabei hatte die Schriftstellerin und Menschenrechtlerin Arundhati Roy in einer Rede Ende Oktober nur das formuliert, was in Indien viele denken: «Es ist eine historische Tatsache, dass Kaschmir kein integraler Bestandteil von Indien ist», sagte sie an einem Seminar der Coalition of Civil Societies, einem Verbund von zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Woher diese Aufregung? Hat sie damit zu tun, dass Roy in Srinagar sprach, der Hauptstadt der umstrittenen Provinz, wo die indische Staatsmacht mit grosser Härte gegen die Zivilbevölkerung vorgeht (siehe WOZ Nr. 36/09)? Ist ihr Statement zu einem innenpolitisch willkommenen Zankapfel geworden, weil die Debatte von der grassierenden Korruption ablenkt, die längst alle Parteien erfasst hat? Oder ist sie Ausdruck einer zunehmenden Tendenz innerhalb der Elite, die unter dem Beifall der wachsenden Mittelschicht und eines Teils der Medien all jene zu kontrollieren und unterdrücken versucht, die sich für Menschenrechte einsetzen und die Wirtschaftspolitik kritisieren?

Wahrscheinlich spielen alle Faktoren eine Rolle. Aber fundiert sind die Attacken nicht, wie Roy in einer ersten Reaktion auf die Angriffe hervorhob. «Wer sich die Mühe macht, das Transkript meiner Rede zu lesen, wird sehen, dass sie vor allem ein Ruf nach Gerechtigkeit war», sagte sie. «Vielleicht sollten sie posthum auch Jawaharlal Nehru anklagen.» Während seiner Amtszeit hatte Indiens erster Ministerpräsident mehrfach versprochen, dass eine Volksabstimmung im muslimisch geprägten Kaschmir Voraussetzung für einen endgültigen Anschluss sei. «Falls die Bevölkerung von Kaschmir nicht bei uns bleiben will, dann lasst sie gehen», sagte er etwa 1952 in einer Rede vor dem indischen Parlament, «wir werden sie nicht gegen ihren Willen behalten, so schmerzhaft das für uns auch sein mag.» Zu dieser Volksabstimmung ist es nie gekommen.

Unbequem, weil ihresgleichen

Dass Arundhati Roy jetzt so hart angegangen wird, liegt freilich auch an der wachsenden Entfremdung zwischen den Mittelschichten und ihrer ehemaligen Lichtgestalt. Der Erfolg ihres ersten Romans («Der Gott der kleinen Dinge», inzwischen in vierzig Sprachen übersetzt, trug Roy 1997 den Booker Prize ein) hatte dem «Shining India», dem aufstrebenden Indien, einen literarischen Heiligenschein aufgesetzt. Endlich, so schien es, hatten die Schönen und Neureichen eine Autorin von Weltruf, die sie vorzeigen und mit der sie sich identifizieren konnten – eine junge, attraktive, intelligente und redegewandte Frau.

Allerdings war die Hoffnungsträgerin auch mutig und aufsässig. Denn statt neuer Romane produzierte Roy vor allem Streitschriften – gegen die atomare Aufrüstung des Subkontinents, gegen Grossprojekte wie den Narmada-Damm und die Vertreibung von Millionen von Menschen, gegen Privatisierung und Kommerzialisierung der Ressourcen, gegen die marktgetriebene Globalisierung und die hinduistischen Attacken auf die muslimische Minderheit.

Dass sie kurz nach ihrem Grosserfolg und nach Indiens erstem Atombombentest 1998 mit «The End of Imagination» eine Polemik gegen Indiens Grossmachtallüren verfasste, irritierte die wohlbetuchten Schichten. Ist Indien etwa keine grosse Nation? Doch so richtig zu hassen begannen sie die Aktivistin, als sich Roy für die kleinen Leute einsetzte und mit jedem Statement, jedem Artikel den auf materiellen Wohlstand fixierten Mittelstand darauf hinwies, dass es jenseits der Villen, der hochdotierten Posten und der exklusiven Restaurants auch ein anderes Indien gibt – ein Indien, in dem Menschen verhungern, sich umbringen und getötet werden. «Ich will nicht, dass Indien auseinanderfällt», sagte Roy, als die öffentliche Empörung über ihr Kaschmir-Statement hohe Wellen schlug. «Aber ich will auch kein Indien, in dem man Menschen vergewaltigt, inhaftiert oder Fingernägel herauszieht, um sie zu zwingen, indisch zu sein.» Man müsse Mitleid haben mit einer Nation, «die ihre Kritiker einsperrt, aber Leute gewähren lässt, die zu religiösem Massenmord aufrufen und die die Ärmsten der Armen ausplündern».

Auf Recherche

Als wäre dies nicht Affront genug, begibt sich die ehedem gefeierte Literatin auch noch auf Recherche. So besuchte sie im Februar 2010 die Wälder von Dandakaranya in Mittelostindien, wo UreinwohnerInnen ums Überleben und die Guerilla der NaxalitInnen gegen die Staatsgewalt kämpfen. Sie verfüge über «klandestine Verbindungen» und «romantisiert maoistische Gewalt», kreischten danach die Medien. Dabei war es ihr – wie bei der Reise nach Srinagar – nur darum gegangen, Fakten zu reportieren und Sachverhalte zur Sprache zu bringen, die in jedem sozialwissenschaftlichen Seminar erörtert werden.

Hohe Strafen

Weil sich gegen die Inhalte ihrer Aussagen wenig einwenden lässt und ihr Renommee so gross ist, hat Indiens Innenminister Palaniappan Chidambaram zuerst auch Massnahmen gegen Roys Kaschmir-Auftritt abgelehnt. Als der öffentliche Druck jedoch grösser wurde, lenkte er ein und beauftragte die Polizei von Delhi mit Nachforschungen. Am Donnerstag dieser Woche wird nun ein Magistratsgericht in Delhi entscheiden, ob Roy wegen «Aufwiegelung» und «illegaler Aktivitäten gegen den Staat» angeklagt wird.

Möglicherweise sieht das Gericht von einer Anklage ab. Dass Vorwürfe wegen Landesverrats oder Landfriedensbruchs durchaus ernst zu nehmen sind, zeigt der Fall von Binayak Sen. Gegen den Medizinprofessor – auch er ein Abtrünniger aus der Mittelschicht, der sich stets für die Armen eingesetzt und mit den NaxalitInnen Kontakt hatte – läuft seit Jahren ein Verfahren. 22 Monate lang sass er in Untersuchungshaft, bis er im Mai 2009 auf Anordnung des Obersten Gerichtshofs freigelassen wurde. Am 24. Dezember 2010 hat ihn nun ein Provinzgericht im indischen Bundesstaat Chhattisgarh zu lebenslänglicher Haft verurteilt – und sofort eingesperrt.

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