Nr. 03/2011 vom 20.01.2011

Von gehorsamen Schwestern zur Wissenschaft

Vor hundert Jahren wurde der Schweizerische Krankenpflegebund gegründet. Die Krankenschwestern gehörten zu den ersten berufstätigen Frauen, die versuchten, gemeinsam ihre Interessen zu artikulieren. Aber es war schwierig, sich im bürgerlichen Umfeld zu emanzipieren.

Von Susan Boos

Früher hiessen sie Krankenschwestern. In der Schweiz gehörten die meisten von ihnen einem Orden an und pflegten aus christlicher Nächstenliebe. Daraus einen eigenständigen Beruf zu machen, war nicht einfach. Dass es passiert ist, ist unter anderem dem Schweizerischen Krankenpflegebund (SKB) zu verdanken, der heute Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) heisst und vor hundert Jahren, im November 1910, gegründet wurde.

Ein Stück Schweizer Frauengeschichte

Die beiden Historikerinnen Sabine Braunschweig und Denise Francillon haben im Jubiläumsband «Professionelle Werte pflegen – 100 Jahre SBK» die Geschichte des Berufsverbandes nachgezeichnet. Es ist ein Stück Schweizer Frauengeschichte vom Feinsten – eine Geschichte über Macht, Anpassung und Emanzipation.

Schon bei der Gründungsversammlung spiegelte sich der Machtkampf wider, der den Berufsverband während Jahrzehnten prägen sollte: Der Berner Arzt Walter Sahli, der die Pflegerinnenschule des Roten Kreuzes leitete, eröffnete die Sitzung und gab den Ton an – und er benahm sich, als ob die Idee der Verbandsgründung von ihm gewesen wäre. Die Idee stammte aber ursprünglich von Anna Heer, einer Ärztin aus Zürich, die die Schweizerische Pflegerinnenschule im Frauenspital leitete.

Zu jener Zeit hatten die Frauen noch nicht viel Spielraum, um ihre Idee umzusetzen. «Dies wird auch beim Projekt eines schweizerischen Pflegerinnenverbandes sichtbar», schreiben Braunschweig und Francillon: «Als das Rote Kreuz sich dieser Idee annahm und Walter Sahli sie als seine eigene veröffentlichte, muss für Anna Heer klar gewesen sein, dass sie mit dem Roten Kreuz rechnen musste und ihr Ziel eines gesamtschweizerischen Zusammenschlusses des Pflegepersonals nur erreichen konnte, wenn sie mit dem Roten Kreuz zusammenarbeitet.» Heer wusste, dass sie sich «bestenfalls im Vorhof der Macht» bewegen konnte – wie sie selbst einmal schrieb – und «keinen Zutritt zu jenen Gremien hatte, in denen die wirklich wichtigen politischen und ökonomischen Entscheide fielen».

Zwar wurde Anna Heer zur ersten Präsidentin des Verbandes gewählt, Sahli amtierte jedoch als ihr Vize. Und es war völlig klar, dass sich der Verband dem männlich-militärisch geprägten Roten Kreuz unterzuordnen hatte. Das Rote Kreuz machte auch keinen Hehl daraus und schrieb später in einem Jahresbericht: «Die Krankenpflege ist für das Rote Kreuz das gegebene Arbeitsfeld, es musste uns daher sehr daran liegen, über das gesamte Krankenpflegewesen eine gewisse Kontrolle zu haben.»

Die Krankenschwestern arbeiteten damals oft vierzehn und mehr Stunden am Tag und mussten im Spital wohnen. Immer wieder forderten sie Lohngleichheit, aber zu politisch durfte es dann doch nicht werden. So grenzte sich der Verband sehr bewusst gegen die Gewerkschaften ab. Der VPOD, der Schweizerische Verband des Personals öffentlicher Dienste, organisierte ebenfalls Pflegepersonal, war aber nicht in den Spitälern, sondern vorwiegend in den psychiatrischen Anstalten präsent.

In den dreissiger Jahren entbrannte im Krankenpflegebund ein Disput, ob eine Doppelmitgliedschaft möglich sei. Konkret wollten einige Krankenschwestern dem VPOD beitreten, weil dieser kürzere Arbeitszeiten forderte: zehn statt vierzehn Stunden pro Tag. Dem Krankenpflegebund war die Gewerkschaft jedoch zu kämpferisch, weshalb er seinen Mitgliedern den Beitritt verbot.

Es gab aber eine Ausnahmeregelung: Wer schon Mitglied beim VPOD war, durfte dies bleiben. Das hing damit zusammen, dass vor allem Pfleger oft schon in ihrem ursprünglichen Beruf Gewerkschaftsmitglied waren und wegen finanzieller Vorteile auch Mitglied bleiben wollten. Einige von ihnen waren wichtige SKB-Mitglieder, die man nicht verlieren wollte – und deshalb gab es für sie die Ausnahmeregelung.

Den Beruf aufwerten

Interessant ist auch die Rolle des International Council of Nurses (ICN). Die Gründerin des ICN, die Engländerin Ethel Bedford Fenwick, agierte stets sehr politisch und unterschied nicht zwischen dem politischen Kampf für gleiche Rechte von Mann und Frau und dem beruflichen Kampf für die Autonomie der Krankenschwestern: «Für sie waren die Rechte untrennbar miteinander verbunden, denn die Frau konnte nicht als Berufsfrau selbständig und als Bürgerin untergeordnet sein», wie Braunschweig und Francillon schreiben.

Solche Werte zu vertreten, erschien dem Vorstand des Krankenpflegebundes «unschweizerisch»; er wandte sich gegen eine Mitgliedschaft im ICN. Viele Mitglieder sahen das anders. Sie forderten ein staatlich anerkanntes Diplom, um ihren Beruf aufzuwerten. Der Disput führte letztlich zu einer Spaltung, aus dem der Verband der Diplomierten Krankenschwestern und Krankenpfleger hervorging, der dann Jahre später zum Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer (SBK) wurde.

Die Geschichte des organisierten Pflegepersonals mäandert zwischen braver Angepasstheit und selbstbewusstem Kämpfen. Das Kämpfen hat am Ende einiges bewirkt: Heute studieren Pflegefachfrauen und -männer an Fachhochschulen und forschen an Unis. Aus den gehorsamen Schwestern sind hochgebildete Fachfrauen und -männer geworden. Einige Probleme sind jedoch geblieben: Das Prestige ist immer noch nicht das beste, der Stress und die Arbeitsbelastung sind gewaltig. Ein massiver Personalmangel ist die Folge – und nicht neu: Schon in den 1950er-Jahren kämpfte man damit.

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