Nr. 03/2011 vom 20.01.2011

Atemmasken gegen die Krise

Der Zürcher Psychiater und Philosoph Daniel Strassberg über Exzesse und Lust in der Politik, die Übernahme linker Debatten durch die Rechten sowie über Joggen und schreiende Kinder.

Von Rachel Vogt

WOZ: Plötzlich sprechen alle vom sogenannten Wutbürger. Sind wir getrieben von Wut?

Daniel Strassberg: Nein, von Ressentiments. Wut kann eine kreative Emotion sein, weil sie auf Veränderung zielt. Ressentiments wollen nichts verändern. Man will nur die vermeintlich Schuldigen für das eigene Unglück bestrafen.

Woher kommt das?

Ressentiments entstehen aus dem Gefühl, machtlos zu sein. Wenn ich jemandem eins auf die Nuss gebe, gewinne ich ein Gefühl von Macht, ohne wirklich etwas verändern zu müssen. Eine Art machtlose Macht.

Wer kriegt eins auf die Nuss?

Die Ressentiments von rechts richten sich gegen Menschen, die selbst keine Macht haben, etwa Ausländer – weil die nicht zurückschlagen können. Das Kind lässt seine Wut auch nicht am Vater aus, sondern am kleinen Geschwister. Die Steuerinitiative der SP dagegen scheiterte, weil die Leute glaubten: Wenn ich meine Ressentiments gegen Mächtige richte, bekomme ich die Strafe in Form höherer Steuern zu spüren.

Warum nimmt das Gefühl der Machtlosigkeit denn zu?

Die Globalisierung hat die Wahrnehmung von Macht verändert. In der 68er-Bewegung fasste man die Macht als eine vertikale Sache auf: Die oben üben Macht gegen unten aus, die unten müssen sich wehren. Die Globalisierung hat diesen Diskurs um neunzig Grad verschoben, in die Horizontale. Heute herrscht ein Infiltrations- oder Infektionsdiskurs vor: Die Gefahr kommt nicht mehr von oben, sondern von aussen, ob es nun Bakterien, Strahlen oder Ausländer sind.

Die Folge?

Die Gesellschaft ist hypochondrisch geworden. Jedes Jahr kommt eine Epidemie – die Vogelgrippe, die Schweinegrippe. Sie kommt von irgendwo her. Alle Grenzen werden durchlässig, selbst die Gattungsgrenzen, denn das Virus wird von Tieren auf Menschen übertragen. Man kämpft nicht mehr gegen oben, sondern errichtet Grenzen gegen aussen. Der Diskurs läuft zwischen innen und aussen, nicht mehr zwischen oben und unten.

Weil die Mächtigen weniger greifbar sind, da sich die Wirtschaft aus der Politik verabschiedet und sich international ausgerichtet hat?

Ich denke, es geht primär um eine Verschiebung des Diskurses, nicht der realen Verhältnisse. Die Wirtschaft hat sich sozusagen biologisiert – man geht davon aus, dass ökonomische Gesetze gelten wie Naturgesetze, denen man auch nicht entgehen kann.

Wurde die Finanzkrise deshalb so oft als Tsunami beschrieben?

Ja.

Hat die Krise nichts an dieser Sichtweise verändert?

Nein, die Katastrophe wurde als Teil des Naturgesetzes gesehen. Man verhielt sich so wie nach einer Epidemie: Man verteilte Atemmasken, änderte aber nichts an den Machtverhältnissen.

Es wurden kaum Schutzmassnahmen gegen die nächste Krise ergriffen.

Atemmasken nützen ja auch nichts.

Kann die Politik nichts tun?

Ich bin da pessimistisch. Denn auch die Politik hat sich biologisiert und damit entpolitisiert. Sie wird nicht mehr verstanden als Ort, an dem Interessenkonflikte ausgetragen werden, sondern als Ort, an dem natürliche Verhältnisse nur noch nachvollzogen werden. Es gibt keine Alternativen, das ist wie 2008 bei der UBS-Rettung. Die Vorstellung, die Dinge passierten sowieso, entlastet die Leute – aber sie macht sie gleichzeitig ohnmächtig. Dagegen hilft nur die Ideologie des Westerns: Ich bin das Gesetz.

Wie kann man denn von diesen Vorstellungen loskommen?

Das Problem bei herrschenden Diskursen ist, dass es keine Gegendiskurse gibt. Denn das Gegenteil ist ja auch nicht wahr! Ich kann etwa den Aidsdiskurs analysieren als erster Moment dieses weltumspannenden Infiltrations- und Infektionsdiskurses. Ich kann aber nicht vernünftigerweise sagen, man solle deshalb keine Aidsprävention betreiben. Das ist das Dilemma: Es gibt nicht mehr gut und schlecht, sondern nur die Wahl zwischen zwei schlechten Möglichkeiten. Daraus entsteht Hilflosigkeit.

Aber es gibt doch reale Bedingungen, die man verändern könnte?

Das ist schwierig. Herrschende Diskurse kann man nicht einfach beiseitestellen.

Sie haben kürzlich in einem Kommentar im «Tages-Anzeiger» dafür plädiert, dass die Linke die Lust an der Politik wiederentdecken solle.

Ich meinte damit nicht, dass die SP mehr Feste veranstalten soll. Verordnete Lust ist so schrecklich wie die Basler Fasnacht. Die einzige Lust, die noch möglich ist, ist die Lust an der Kritik.

Welche Kritik denn?

Die Kontrolle des menschlichen Lebens lief früher über die Kontrolle der Sexualität. Heute kann jeder vögeln, wen er will, ausser Kinder. Bis ins Letzte kontrolliert wird aber der Körper. Die Leute haben die Pflicht, dünn und fit zu sein und ein langes und glückliches Leben zu führen. Man muss nicht nur joggen, sondern man muss es auch grossartig finden. Das ist ein Terror, der die Leute überfordert.

Trägt der Einzelne nur noch die Verantwortung, gesund zu leben – und nicht mehr, eine Gesellschaft politisch mitzugestalten?

Ja. Das ist eine Perversion der Aufklärung, die dem Einzelnen die Verantwortung über sein Handeln zusprach.

Einerseits herrscht Selbstkontrolle, anderseits werden immer mehr Verbote ausgesprochen: Rayonverbote, Ausgehverbote, Rauchverbote ...

Ja. Erinnern Sie sich an den Slogan der Stadt Zürich «Erlaubt ist, was nicht stört»? Grauenvoll. Und was ist mit schreienden Kindern?

Sie schrieben in Ihrem «Tages-Anzeiger»-Kommentar, dass die Alten sich heute bei Abstimmungen so verhalten wie die Jungen beim Massenbesäufnis: Sie lassen die Sau raus.

Es wird ein hemmungsloser, unvernünftiger Hau-den-Lukas praktiziert, um sich mal wieder mächtig zu fühlen. Früher geschahen solche Exzesse während der Fasnacht.

Hat die Fasnacht nicht gerade die Machtverhältnisse gestützt? Man darf sich zwar kurzzeitig daneben benehmen, aber den Rest des Jahres wird gekuscht.

Genau. Wenn heute die Schweiz die Minarettinitiative annimmt, ist das vergleichbar. Das Neue daran ist aber, dass der Exzess gegen Vernunft und Recht selbst in Form eines Gesetzes daherkommt.

Haben die Leute aus Angst vor dem Fremden so abgestimmt?

Das glaube ich eben nicht. Das politische Argumentieren ist bis weit in die Linke hinein richtiggehend therapeutisch geworden: Man wisse, dass die Leute Angst hätten, man nehme das ernst und kümmere sich darum. Das ist sehr paternalistisch.

Wenn nicht Angst, was war es dann?

Ich bin überzeugt, dass auch nicht Ausländerfeindlichkeit der Grund war. Ich habe ein Ferienhaus in einem Bündner Dorf. Dort wurde die Ausschaffungsinitiative deutlich angenommen. Gleichzeitig sind die Dorfbewohner hochanständig zu den Ausländern, die dort leben.

Wem also wollte man schaden?

Die Befürworter wollten nicht primär schaden, sondern nur zeigen, dass sie sich den scheinbar unverbrüchlichen Gesetzen des Menschenrechts und der Vernunft nicht unterwerfen. Sie haben per Gesetz einen Bereich geschaffen, in dem das Gesetz nicht gilt, das gibt ein lustvolles Gefühl souveräner Macht. Deshalb wurde auch der Gegenvorschlag abgelehnt – man will eben gerade nicht die gesetzeskonforme Variante, sondern den Ausnahmezustand.

Und nun?

Das Gesetz darf nicht gesetzlos werden. Der wichtigste Schritt dazu wäre die Schaffung eines Verfassungsgerichts. Die gefährlichste und beunruhigendste Argumentation der SVP ist, dass das Volk immer recht hat. Das ist das Ende der Demokratie. Es gibt übergeordnetes Recht, das immer gelten muss.

Warum werden die Debatten mehr von rechts geprägt als von links?

Die Rechten haben ja alles von den Linken übernommen! Die ausserparlamentarische Opposition, die Diktatur des Proletariats oder eben des Volkes, die Hilflosigkeit des Subjekts gegenüber den herrschenden Verhältnissen, der revolutionäre Charakter der Souveränität: Das sind alles linke Konzepte.

Wie kam es dazu?

Es hat ja immer wieder Momente gegeben, in denen die geschichtliche Entwicklung Positionen umkehrt. Heute sind die Linken die Konservativen. Die Rechten sind die Fortschrittlichen.

Aber ihr Gesellschaftsbild ist doch konservativ?

Die SVP will die Dinge nicht bewahren, sondern verändern. Sie will sie allenfalls restaurieren, aber sicher nicht so belassen, wie sie heute sind. Die Linke aber will bewahren. Linke Politik ist ein wenig zum Denkmalschutz verkommen.

Weil sie in einem bürgerlichen Land wenig gestalten kann?

Nein. Sondern weil die objektive Entwicklung in eine andere Richtung geht. Früher ging sie in Richtung einer freiheitlicheren Gesellschaft, und die Linke war die Avantgarde. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten zwanzig Jahre hat die Linke auf eine konservative Position getrieben. Damit kämpft sie jetzt.

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