Nr. 38/2011 vom 22.09.2011

«Es gilt, die Geschwüre am Patriotismus zu bekämpfen»

Die Schweiz wird gegenwärtig – von Plakatwänden herab und in Zeitungsinseraten – von einer patriotischen Welle überschwemmt. Die Linke surft nicht auf dieser Woge mit. Ein Fehler? Der Philosoph Daniel Strassberg und der Soziologe Kurt Imhof haben unterschiedliche Meinungen zu einem linken Patriotismus.

Von Jan Jirát

Es ist der erste Montagabend im Herbst. In Zürich West ist es kalt und nass. Vor der Bar und Buchhandlung Sphères steht eine Menschenmenge unter den Sonnendächern, die nun vor dem Regen schützen. Einige ziehen hastig an ihren Zigaretten, dann treten sie ein. Die Tische sind restlos besetzt, und auch die Galerie ist gut gefüllt. Wer keinen Platz mehr auf einer Treppenstufe findet, bleibt im Eingangsbereich oder an den Tresen gelehnt stehen. Sie alle sind gekommen, um der neu lancierten Gesprächsreihe «Zur Lage der Republik» beizuwohnen, die Entresol – das Netzwerk für Philosophie, Psychoanalyse und Wissenschaften der Psyche – die WOZ und das Sphères initiiert haben. «Braucht es einen linken Patriotismus?», lautet die Frage, mit der sich an diesem Abend Daniel Strassberg sowie Kurt Imhof auseinandersetzen werden.

Die Frage ist angebracht. Rund einen Monat vor den eidgenössischen Wahlen, mitten in der heissen Phase des Wahlkampfs, beackern die bürgerlichen Parteien unübersehbar das patriotische Feld. An vorderster Front die von Milliardären orchestrierte und finanzierte selbst ernannte Volkspartei mit ihrem Slogan «Schweizer wählen SVP». Bei der einstmals staatstragenden FDP heisst es «Aus Liebe zur Schweiz», während sich die CVP «Keine Schweiz ohne uns» auf die Fahne schreibt, die sich unter Parteipräsident Christophe Darbellay zuverlässig nach dem gerade wehenden Wind richtet. Und die Linke? Kann und soll sie auf den Patriotismus verzichten?

Auf der Bühne haben Strassberg und Imhof mittlerweile auf beiden Seiten der Moderatorin und WOZ-Journalistin Rachel Vogt Platz genommen. Beide sind überzeugte Demokraten und Republikaner, beide den Ideen und Idealen der Aufklärung verpflichtet. Doch die Frage nach der Notwendigkeit eines linken Patriotismus entzweit die beiden rhetorisch gewandten Denker fundamental.

Eingeständnis der Hilflosigkeit

Daniel Strassberg, 1954 in St. Gallen geboren, Psychoanalytiker und Philosoph, stellt gleich zu Beginn der Debatte klar, dass er ein grundlegendes Problem mit dem Begriff Patriotismus hat, denn dieser leite sich traditionell von der Herkunft ab. «Damit steht der Begriff im Widerspruch zum republikanischen Gedanken der Willensnation, in der der Wille des Einzelnen und nicht die Herkunft das politische Geschehen bestimmt», sagt er. Durch den Patriotismus sei der Wille, sich politisch zu beteiligen, geschwunden. Das habe Konsequenzen: «Mein Gefühl, an dieser Schweiz beteiligt zu sein, sie mitgestalten zu können, hält sich in sehr engen Grenzen», sagt er. Ausserdem sei der Patriotismus an geografische Einheiten – die Schweiz, das Rütli, die Berge – gebunden und damit ungeeignet als Mittel gegen die aktuellen Gefahren des globalen Finanzkapitalismus. «Man kann einer geografisch ungebundenen Macht nicht mit einem so begrenzten Begriff wie dem Patriotismus entgegentreten», sagt Strassberg. Und fügt daraufhin fast verzweifelt hinzu, dass es eben nicht die Linke, sondern «die andere, neoliberale Seite war», die – zumindest auf wirtschaftlicher Ebene – einen Universalismus und eine Art Weltgesellschaft installiert habe.

Mit welchem Begriff oder Konzept die Linke den Menschen das Gefühl vermitteln könne, wieder am Weltgeschehen beteiligt zu sein und auch mitzubestimmen, das wisse er leider nicht, sagte Strassberg ganz zum Schluss der Debatte: «Das Problem der Linken ist, dass das Universale im Gegensatz zum Besonderen nicht identitätsbildend ist.» Die erwünschte Entgrenzung der Demokratie sei mit der Betonung des Besonderen, die dem Konzept des Patriotismus zugrunde liegt, nicht erreichbar – ganz im Gegenteil, sie berge erhebliche Gefahren, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts aufzeige.

Das Feld nicht der SVP überlassen

Der 55-jährige Kurt Imhof, Soziologieprofessor in Zürich, vertritt eine ganz andere Position. Die Linke habe im Zuge der 68er-Bewegung den Fehler begangen, den Patriotismus aufzugeben, wobei er betont, dass er damit einen «Verfassungspatriotismus» meine. «Die linke und fortschrittliche Schweiz darf zu Recht stolz sein auf die Revolution von 1848, auf unsere Verfassung und die demokratische Praxis der Konkordanz, die ihren Ursprung in der Aufklärung haben», sagt Imhof. Solange die Linke aber alles Schweizerische per se verteufle, überlasse sie dieses Feld der SVP, die darauf ihren «Stuss» vom Tell-Mythos und dem von allen Seiten bedrohten Land aufbaue. «Wir haben die SVP und ihren Wahlkampf verdient», meint er.

Der Sozialstaat, das Volksschulsystem, die demokratische Praxis und die humanitäre Tradition sind für Imhof nicht nur nationale, sondern universale Errungenschaften, die die linken Kräfte in der Schweiz offensiv in internationale und transnationale Organisationen hinaustragen sollten. Auch auf der realpolitischen Ebene seien über die demokratischen, politischen Institutionen Durchbrüche möglich: «Die Öffentlichkeit ist den Finanzinstitutionen gegenüber so kritisch eingestellt wie noch nie. Im Moment sind hier Mehrheiten möglich: zum Beispiel für eine Tobin-Steuer, also für die Besteuerung von internationalen Finanztransaktionen», ist Imhof überzeugt, der einen linken Patriotismus für durchaus brauchbar hält.

Es gelte allerdings, die dem Patriotismus einst von Heinrich Heine zugeschriebenen Geschwüre zu bekämpfen, sprich: der Mythenbildung rund um die biologische und geografische Herkunft entgegenzutreten. Und zudem die verfassungsrechtlichen und institutionellen demokratischen Errungenschaften weiter auf- und auszubauen. «Politik ist ohne Leidenschaften nicht möglich, ohne sie hätten wir keine Revolutionen im Kampf um die Freiheit erlebt. Nur, es müssen die richtigen Leidenschaften sein. Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation lauert die Barbarei», meint Imhof abschliessend in Anlehnung an Sigmund Freud. «Der Kampf um die richtigen Leidenschaften ist ein Kampf der fortschrittlichen Kräfte.»

Es geht ums Fragestellen

Angesichts der unterschiedlichen Bewertung des Begriffs Patriotismus und der daraus resultierenden Schlüsse bleibt das Gespräch zwischen Daniel Strassberg und Kurt Imhof zwar heftig, aber immer respektvoll. Die beiden inszenieren kein Duell, wie das bei politischen Debatten heute sonst so häufig der Fall ist, vielmehr ordnen und verorten sie an diesem Herbstabend sorgfältig und anregend einen Begriff, der einem sonst nur aggressiv und aufdringlich von Plakatwänden und Zeitungsinseraten entgegengeschleudert wird.

Die Einstellung der beiden Gesprächspartner spiegelt sich mit der Zeit an der jeweiligen Körperhaltung wider. Kurt Imhof, der weit vornübergebeugt und die Hände auf die Knie gelegt auf seinem Stuhl sitzt, redet sich teilweise fast in einen Rausch, während der sich nach hinten lehnende Daniel Strassberg zusehends nachdenklicher wirkt. Das bleibt auch dem Publikum nicht verborgen, das seine anfängliche Zurückhaltung mehr und mehr ablegt und sich in der zweiten Hälfte in die Debatte einbringt – und je länger, je mehr auf Kurt Imhofs kämpferische Linie einbiegt; der selbstkritische und teilweise resigniert wirkende Strassberg erntet dagegen für seine Position, er gehe – aus dem erwähnten Gefühl heraus, nicht beteiligt zu sein – nur selten abstimmen, offen Kritik.

Grosse Teile des Publikums bleiben nach der offiziellen Diskussion im «Sphères» sitzen. Animiert stellen sie sich beim Bier jene Frage, die sowohl Kurt Imhof wie auch Daniel Strassberg jenseits des Patriotismus für unerlässlich halten: Wer verfügt über die Macht? Und wie wird diese ausgeübt?

Mit diesem Artikel beginnt die redaktionelle Begleitung der neuen Gesprächsreihe «Zur Lage der Republik». Das Netzwerk für Philosophie Entresol, das Zürcher Literaturcafé Sphères und die WOZ haben diese Reihe gemeinsam ins Leben gerufen. Sechsmal jährlich werden im Sphères fortan unterhaltsame Analysen zur Zeit, zu Politik, Wissenschaft und Gesellschaft geboten.

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