Nr. 07/2011 vom 17.02.2011

«Mississippi Moonchile – das klingt doch hübsch»

Die Saxofonistin und Komponistin Matana Roberts arbeitet seit einigen Jahren an ihrem Zyklus «Coin Coin». Sie folgt dabei den Lebenslinien ihrer VorfahrInnen, in Louisiana, Mississippi und Tennessee bis nach Chicago.

Interview: Fredi Bosshard

WOZ: Matana Roberts, wie sind Sie Musikerin und Komponistin geworden?
Matana Roberts: Ich wurde in Chicago geboren und genoss dort den grössten Teil meiner musikalischen Ausbildung. Mein Vater wuchs in ärmlichen Verhältnissen in der West Side der Stadt auf, wurde später Professor an der Universität. Schon als Teenager führte ihn ein Lehrer an die Kultur heran, machte ihn mit Büchern und Musik bekannt. Er interessierte sich vor allem für Jazz und sammelte Vinylplatten.

Die erste Platte, die er mir vorspielte, war Albert Aylers «Bells», daran erinnere ich mich genau. Da muss ich etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Er machte mich mit der Musik von Sun Ra und der des Art Ensemble of Chicago bekannt, die er wie Ayler sehr verehrte. In unserem Haus war immer Musik zu hören. Auch in der Familie meiner Mutter, die aus eher bürgerlichen Verhältnissen stammte, war das kulturelle Interesse gross. Ich begleitete sie früh ins Theater und in die Oper und besuchte eine High School für Performancekunst.

Ihr aktuelles Programm besteht aus zwölf verschiedenen Teilen und trägt den Titel «Coin Coin». Was verbirgt sich dahinter?
«Coin Coin» ist der afrikanische Über­name für Marie Thérèze Metoyer, und bedeutet zweite Tochter. Marie Thérèze Metoyer wuchs als Sklavin auf und ihre Eltern starben im frühen 18. Jahrhundert in der Gegend von Cane River in Louisiana am Gelbfieber. Marie Thérèze wurde von einer Familie aufgenommen, die sie an einen Offizier auslieh. Von ihm bekam sie zehn Kinder, die er alle als Sklaven verkaufte. Als sie in ihren Vierzigern war, liess er sie frei und schenkte ihr gegen dreissig Hektaren Land. Obwohl sie keine Ausbildung hatte und wenig vom Geschäft verstand, war sie erfolgreich und konnte ihre Kinder zurückkaufen.

Meine Mutter stammt ebenfalls aus dieser Gegend, in der sich die Leute weder als afrikanisch noch als Schwarze, Farbige, Weisse oder Kreolen verstanden – sie nannten sich «Gens de Couleur libre». Sie sprachen ihr ­eigenes kreolisches Französisch und hatten ihr eigenes ökonomisches System. Einer ihrer Ururgrossväter, ein erfolgreicher Geschäftsmann, heiratete in die Coin-Coin-Familie ein.

Schon als kleines Kind hörte ich Geschichten über Coin Coin. Sie ist für mich das archetypische Beispiel einer starken Frau. Deshalb widme ich ihr den ganzen Zyklus.

Der erste Teil heisst «Gens de Couleur libre», der folgende «Mississippi Moonchile». Sind das auch Teile Ihrer eigenen Geschichte?
Meine Vorfahren mütterlicherseits stammen aus Tennessee, Louisiana und Mississippi, diejenigen meines Vaters aus Mississippi. Die Frauen in der Familie beschäftigten sich mit den Mondphasen, und da ich bei Neumond geboren wurde, nannten sie mich Mississippi Moonchile – das klingt doch hübsch.

Wie lange sind Sie schon dabei, Ihre Familiengeschichte zu erforschen?
Die Geschichten meiner Kindheit haben mein Interesse geweckt. Seit einigen Jahren forsche ich intensiver nach und arbeite an der musikalischen Umsetzung. Auf der Mutterseite gelang es mir ohne grossen Aufwand, bis 1754 zurückzugehen.

Ein Bekannter aus Tennessee beschaffte mir das Testament eines Sklavenhalters. Dar­in waren Namen meiner Vorfahren verzeichnet und selbst die Preise, zu denen sie gehandelt wurden. Manchmal fühle ich mich wie jemand, der in einer Schlangengrube stochert.

Wie bringen Sie solch eher triste Geschichten auf die Bühne?
Ich möchte nicht, dass die Leute im Konzert ein schlechtes Gewissen bekommen. Aber ich möchte, dass sie die universellen ­Aspekte solcher Schicksale, die unabhängig von der Hautfarbe sind, verstehen lernen. «Coin Coin», das inzwischen auf zehn Soundkapitel und zwei Soloteile angewachsen ist, dient mir aber auch dazu, besser zu verstehen, wer ich bin und woher ich komme.

Können Sie etwas zu «Gens de Couleur libre» sagen?
Der Epilog ist ein Solostück, gefolgt von einer Hommage an Marie Thérèze Metoyer, die die Situation vor dem Emancipation Proclamation Act – der Abschaffung der Sklaverei – von 1864 im französischsprachigen Louisiana reflektiert. Es sind Geschichten, die sich entlang den Lebenslinien meiner Familie ausbreiten und nicht vergessen gehen sollten. Dann folgen «Mississippi Moonchile» und «Illinois Central», das die Migrationsbewegungen der Schwarzen vom Süden der USA nach Chicago in den zwanziger und dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts nachzeichnet.

Welche Gründe haben zu dieser Migration geführt?
Der Baumwollkapselkäfer zerstörte grosse Teile der Ernte, und die Armut in der Region wurde noch grösser, als sie schon war. Da entstanden Gerüchte, dass es im Norden bessere Jobs geben würde. Das hat sich dann aber schnell als falsch herausgestellt. Dazu kam, dass die Leute im Süden trotz der Gesetzesänderung immer noch mies behandelt wurden. Im Norden war es allerdings auch nicht besser.

Wie geht die Reise weiter?
In «Trail of a Tear» folge ich den indianischen Spuren in meiner Familie; in «Black Man» wird man mit J. A. Rogers, einem wichtigen afrikanisch-amerikanischen Historiker bekannt gemacht, den mein Vater sehr schätzte. Als Tochter und Schwester von schwarzen Männern möchte ich auch dem von den Medien verbreiteten deprimierenden Image etwas entgegensetzen.
Das sechste Kapitel «Papa Joe» liegt mir besonders am Herzen: Joseph Dick Howard, mein Urgrossvater mütterlicherseits, war das 25. Kind seiner Mutter. Sie gebar für einen Sklavenzüchter. Mein Urgrossvater war der Einzige, der unmittelbar nach dem Emancipation Proclamation Act frei geboren wurde. Er wuchs in Tennessee auf und war sehr gläubig. Später arbeitete er dann als Gepäckträger in Chicago, ein damals sehr respektabler Job. Musik zu schreiben, brachte er sich selbst bei, er lernte viel von der Gospelmusik und begann nachts zu komponieren. Meine Grossmutter hat mir ein Buch mit gegen hundert Kompositionen hinterlassen. Für «Papa Joe» schwebt mir ein zehnköpfiger Chor mit kleiner Band vor.

Hat jedes Kapitel eine eigene Besetzung?
Für jedes Kapitel habe ich eigene Musik geschrieben, die von verschiedenen Musiker­Innen mit unterschiedlichen Instrumenten in speziell zusammengesetzten Bands interpretiert wird. Das reicht von einem Streichquartett für «Gens de Couleur libre» über klassische Sänger bis zur Brassband für «Black Man».

An einigen Teilen arbeite ich noch. Einer davon erzählt die tragische Geschichte meiner Urgrossmutter Lora in Louisiana. Es wurde immer erzählt, sie sei 1925 bei der Geburt eines Kindes gestorben. Aber es gab auch dieses Geflüster unter den Frauen in der Familie. Ich ging der Geschichte von Lora nach, die in einer streng katholischen Umgebung in New Orleans lebte. Dabei fand ich heraus, dass sie ein uneheliches Kind erwartet hatte. Sie versuchte aus Verzweiflung und Angst vor der Schande, dieses selbst abzutreiben, und starb dabei.

Dieser Louisiana-Zweig meiner Familie ist relativ hellhäutig, deshalb gingen bei der Migration in den Norden einige Familienmitglieder als Weisse durch und andere als Schwarze. Ich habe einige Cousins aufgestöbert, die keine Ahnung hatten, dass sie afrikanisch-amerikanische Verwandte haben. Mein Besuch war eine echte Überraschung für sie.

Wie endet «Coin Coin»?
In den restlichen Teilen werde ich mich verstärkt mit meinem eigenen Leben in Chicago auseinandersetzen. Dabei ist mir wichtig, zu zeigen, wie Jazz, Rock, Hip-Hop, House und andere Strömungen meine Musik beeinflusst haben. Mein Traum ist es, eines Tages den gesamten Zyklus am Stück aufzuführen und mit dem letzten Kapital in meiner eigenen Gegenwart anzukommen.

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