Nr. 07/2011 vom 17.02.2011

Der Überhosengraben

Von Pedro Lenz

Nach dem Wochenende wurde landauf und landab der Graben zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung beschworen. Anders als der Röstigraben ist dieser andere Graben noch namenlos. Wir könnten ihn Überhosengraben nennen. Auf dem Land und in den Provinzstädten gibt es nämlich ein Überhosengefühl, ein Gefühl, das besagt, die Stadtbevölkerung sitze im Stadttheater an der Wärme, während die Landbevölkerung die Überhosen anzieht, die Ärmel hochkrempelt und irgendwelche Werte verteidigt, die von den RechtspopulistInnen als Werte der Schweiz definiert worden sind. Dieser Eindruck hat mit der Realität nichts zu tun. Trotzdem gelingt es einer finanzkräftigen Elite in der Schweiz, dieses Gefühl lebendig zu erhalten. Die Elite, die den Überhosengraben braucht, um eine Abstimmung nach der anderen zu gewinnen, strebt nach der Mehrheit. Ihre ExponentInnen reisen von Dorf zu Dorf, von Mehrzweckhalle zu Mehrzweckhalle und predigen das alte Programm von der ländlichen Tugend und der urbanen Dekadenz, das Märchen von Überfremdung und Stromlücken. Das ist zynisch, aber es funktioniert offenbar bestens.

Und was macht derweil die Linke? Sie sitzt daheim und wundert sich. Die Linke lamentiert über fehlende Millionen für Wahlkampagnen und versucht, den Schaden in Grenzen zu halten, aber sie hat ganz offensichtlich den Draht zu jenem nichturbanen Teil der Bevölkerung verloren, dem die äussere Rechte erfolgreich vorlügt, sie vertrete ihn.

Vermutlich hat das weniger mit Inhalten als mit Präsenz zu tun. Es ist nicht der Stil der Linken, zynische Parolen oder Wahlplakate zu kreieren, wie es die äussere Rechte tut. Aber die Linke scheint zu verdrängen, dass diese Rechte in der Schweiz die Abstimmungen nicht allein mit Schafplakaten und grossen Wahlbudgets gewinnt. Man kann der Rechten in diesem Land eine Menge vorwerfen, aber nicht fehlendes Sendungsbewusstsein. Wie die Sektenprediger, die in meiner Jugend grosse Festzelte füllten, reisen die SVP-Manitus durch die Dörfer und Agglomerationen zu Hearings, Vorträgen, Frühstücksveranstaltungen, Schwing- und Dorffesten und predigen von Gerechtigkeit, Sicherheit, Wohlstand, und der Bedrohung, die von aussen kommt. Die Presse spielt mit. Die Leute gehen hin. Und die Linke fragt sich staunend, was dort draussen für verrückte Events abgehen.

Hin und wieder versuchen dann ein paar Intellektuelle oder urbane Trendsetter, einen Hauch dieser von rechts gepredigten Swissness in die urbane Gegenwartskultur einzubauen. Aber grundsätzlich bleibt die Linke in den Zentren und verfasst Strategiepapiere, während die Brunnertonis sich die Wanderschuhsohlen ablaufen und in den Korridoren der Mehrzweckhallen den Leuten zuhören.

Die Landbevölkerung ist nicht weniger informiert als die Stadtbevölkerung. Auf dem Land wissen alle, was in Zürich, Bern oder Basel abgeht, weil sie fernsehen, weil sie Zeitungen lesen, weil sie in den Zentren studieren oder arbeiten oder shoppen oder jemanden kennen, der dort studiert oder arbeitet oder shoppt. Aber in den Städten wissen die Leute immer weniger über die Agglomeration. Ausser die äussere Rechte, die ständig vor Ort präsent ist und ständig Hass und Angst schürt, aber eben auch mit den Menschen spricht. Wenn ich in den Dörfern oder Landstädten neugierig bin und die Leute frage, warum sie gegen Minarette sind oder gegen Waffenschutz, dann höre ich keine Argumente, sondern Geschichten. Der Brunner sei ein glatter Kerl, höre ich dann, sie hätten ihn an einem Vortrag kennengelernt, er habe mit ihnen Duzis gemacht. Oder der Amstutz Adrian sei sehr ein Bescheidener, er habe sein Kafi Crème aus dem eigenen Sack bezahlt. Solche Geschichten erzählten die Leute früher auch von SP-Bundesrat Willy Ritschard. Vielleicht liesse sich der Überhosengraben leichter überwinden, wenn linke PolitikerInnen vermehrt in die Dörfer reisten, hin zu den Leuten, mit Geschichten, mit Argumenten, aber vor allem mit der Bereitschaft, auf die Leute einzugehen, und dem Willen, diesen künstlichen Überhosengraben zuzuschütten. Das mag kitschig klingen, aber jedes Edelweisshemd ist kitschiger als die Bereitschaft, auf die Menschen zuzugehen.

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