Nr. 11/2011 vom 17.03.2011

Im Dreigestirn von Sex, Drugs, Dylan

Am Samstag sind in Hamburg-Eppendorf bei einem Raserunfall vier Menschen gestorben. Günter Amendt, Sozialwissenschaftler und WOZ-Autor der ersten Stunde, war eines der Opfer. Amendt, ein Aufklärer, Förderer und Kritiker, hatte während Jahrzehnten zu den Themen Sexualität, Drogen und Rock ’n’ Roll publiziert.

Von Patrick Walder

Günter Amendt ist tot. Ich versuche erst zu begreifen, was diese Nachricht bedeutet. Günter hatte auf meine Biografie so viel Einfluss, dass ich nicht über ihn schreiben kann, ohne auch von mir zu reden.

Noch vor wenigen Tagen hatte ich Günter in Hamburg angerufen, weil wir an Ostern gemeinsame Freunde in Beirut besuchen wollten. Er war – wie fast immer, wenn man ihn anrief – mitten in eine Arbeit vertieft. Er bereite gerade eine Radiosendung zum 70. Geburtstag von Bob Dylan vor, erzählte er, und dabei sei das geplante Buch zum Thema Doping etwas ins Hintertreffen geraten.

Kürzlich war es ein anderes Thema, das ihm dazwischen kam: Im Winter hatte er einen Beitrag zur Debatte über den sexuellen Missbrauch von Kindern veröffentlicht. Er fühle sich etwas ausgelaugt und gestresst, sagte Günter am Telefon, dabei wirkte er wach und aufmerksam wie immer. Innert Kürze wanderte unser Gespräch vom Privaten bis zur aktuellen Weltlage, die er sichtlich bewegt verfolgte, und leicht fand man bei ihm immer wieder Anschluss und Anteilnahme.

Aufklärer mit Showtalent

Günter wurde vom Unfall in Hamburg mitten aus dem Leben und Arbeiten gerissen. Die Themen, die ihn bis zuletzt beschäftigten – Dylan, Doping und sexueller Missbrauch –, hatten ihn schon lange begleitet. Mit seinen Arbeiten im Dreigestirn von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll zeigte er uns, seinen LeserInnen, nicht in erster Linie die schönen Seiten des Lebens, sondern er intervenierte gezielt in zentralen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Und das tat er fundiert als Sozialwissenschaftler, pointiert als kritischer Linker und als Autor mit elegantem Stil.

Kennengelernt habe ich den Autor Amendt im zarten Alter der Pubertät. Damals, Ende der siebziger Jahre, las ich «Das Sex Buch», ein Aufklärungswerk für Jugendliche im besten Sinn, das mich schon sehr früh für Dr. Amendt einnahm. Sexualität wurde hier offen und mit Humor beschrieben, wobei mich die Fotos und Illustrationen deutlich mehr interessierten als Themen wie die Moralvorstellungen in der Klassengesellschaft. Übrigens hatte auch die Generation meiner Eltern ihr Aufklärungsbuch von Amendt: «Sex Front» wurde in den frühen siebziger Jahren zum Manifest der 68er für sexuelle Selbstbestimmung und Emanzipation.

Einige Jahre später erlebte ich Günter Amendt an einem Vortrag in der Zürcher Roten Fabrik. Es war die harte Zeit der achtziger Jahre, als nicht mehr die Jugendbewegung die Strassen der Stadt dominierte, sondern offene Drogenszenen und die Polizeijagd nach Junkies. Mit seinem Beitrag zum US-amerikanischen «Krieg gegen die Drogen» erweiterte Amendt die Drogendiskussion weit über den Zürcher Platzspitz hinaus und überzeugte mit seiner Analyse, dass der Drogenkrieg nicht zu gewinnen sei, aber letztlich immer gegen Menschen geführt werde. Noch mehr beeindruckte mich, wie der Redner Amendt das Publikum, das die Aktionshalle der Roten Fabrik füllte, in seinen Bann zog. Wer Amendts Showtalent und rhetorische Brillanz erleben wollte, musste ihn live erleben oder zumindest am Radio hören.

Auf die Menschen zugehen

Wieder etwas später musste ich als blutjunger WOZ-Redaktor einen langen Text von Amendt bearbeiten – und vor allem kürzen, sehr viel kürzen, damit er in der WOZ gedruckt werden konnte. Nach getaner Arbeit machte ich mich aufs Schlimmste gefasst, als ich ihm den massiv gekürzten Text zur Abnahme übergab. Aber statt des erwarteten Wutanfalls des linken Starautors begann bei unserem ersten Treffen eine lange Freundschaft. Aus meinem Aufklärer wurde ein Förderer und Kritiker. Meine Interessen als junger Mensch lagen, persönlich wie professionell, durchaus im thematischen Dreigestirn des Autors Amendt, wobei ich nur seine Vorliebe für Bob Dylan leider nie ganz teilen konnte.

Aus der freundschaftlichen Zusammenarbeit über die WOZ hinaus entstanden bald zwei Bücher über eine neue Generation von Drogen wie Ecstasy, und es war der Drogenfachmann Amendt, der den richtigen Tonfall dafür vorgegeben hatte. Er vertrat eine sachliche Drogendiskussion, die auf Aufklärung setzt statt auf Abschreckung und die Risiken von Drogenkonsum ebenso wenig verschweigt wie den möglichen Lustgewinn. Mit dieser Haltung und seinem fundierten Fachwissen über Drogen, Konsum und Markt wurde Amendt zu einer wichtigen und respektierten Stimme zur Drogenpolitik in ganz Europa.

Entscheidend für die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft des Publizisten und Intellektuellen Amendt waren auch sein Lebensentwurf und seine Position in der Gesellschaft. Er war kein 68er, der den Marsch durch Institutionen angetreten hatte. Er blieb konsequent unabhängig, ideologisch wie materiell, und operierte als gut vernetzter Einzelgänger von seiner kleinen Dachwohnung in Hamburg aus. Die Lebenskosten tief zu halten, war sein Rezept, um sich Unabhängigkeit bewahren zu können. Auch das machte ihn für einen jungen Journalisten und Linken wie mich als Vorbild attraktiv. Der einstige Frankfurter Strassenkämpfer und Aktivist des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) war ebenso street-wise wie kultiviert, er konnte sich in unterschiedlichsten Szenen bewegen und bei Gelegenheit im Tessin auf einem Felsen sitzend Goethe-Gedichte rezitieren. Eine elegant gepflegte Erscheinung mit grauer Mähne.

Das zentrale Kapital von Amendt waren weder Macht noch eine Institution im Rücken, sondern seine Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und Freundschaften zu pflegen. Amendt war gut vernetzt in ganz Europa und liess andere an seinen Beziehungen grosszügig teilhaben. Über seine Freunde in Berlin fand ich meinen Weg in diese Stadt. Später folgten Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen wie mit der Musikerin Ulla Meinecke, dem Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt oder dem Mailänder Verleger Carlo Feltrinelli. Im Gespräch mit Amendt zu sein, bedeutete auch teilzuhaben an einem europäischen Austausch, an einem Erfahrungsschatz linker Geschichte und Kultur.

Günter war ein Internationalist, der gerne reiste, zum Beispiel nach Mexiko oder in den damaligen Ostblock, und der immer interessiert war an den Berichten seiner Freundinnen und Freunde, die etwa in Südafrika Entwicklungsarbeit leisteten oder mit dem IKRK in der Welt unterwegs waren. On the road zu sein, war für ihn auch ein von Bob Dylan entlehntes Konzept des Lebens als never ending tour.

Eine besondere Beziehung pflegte Günter Amendt zur Schweiz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bub Günter vom Roten Kreuz zur Erholung in die Schweiz geschickt. Die Schweiz ist für ihn immer das Land geblieben, in dem Milch und Honig fliessen, und wo er später teilweise lebte. Hier in Zürich hat er auch seine grosse Liebe gefunden.

Als Rotkreuz-Kind bei einer Familie in Zürich untergebracht, habe er damals gegen das Heimweh angekämpft, indem er in irgendeine Tramlinie stieg, bis an die Endstation und wieder zurück fuhr. Oder er sei zum Bahnhof gegangen, um sich die abfahrenden Züge anzusehen. Das Tram-Surfen, wie Günter es nannte, hat er noch bei seinem letzten Zürich-Besuch im Dezember gemacht.

Günter Amendt war ein Reisender, ein Tram-Surfer, ein begeisterter Zug- und Velofahrer. Ausgerechnet er wurde von einem Autofahrer auf Drogen aus dem Leben gerissen, direkt von der Strasse weg in den Tod. Ich kann den Verlust noch immer nicht fassen.

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