Nr. 07/2006 vom 16.02.2006

«So etwas schafft Druck»

Günter Amendt, Autor des Buches «No Drugs - No Future», blickt zurück auf die Drogenszenen und die Debatten der letzten Jahrzehnte - und sieht die einst gemachten Fortschritte bedroht.

Interview: Johannes Wartenweiler

WOZ: Günter Amendt, in den Achtzigern kannten Sie die Drogenwelt schon seit Jahren. Sie haben Erfahrungen in verschiedenen Städten gesammelt. Konnte Sie da die offene Drogenszene am Zürcher Platzspitz oder später am Letten noch schockieren?

Günter Amendt: In Zürich habe ich gelebt, gerne gelebt. Für die Fixerszene habe ich mich schon interessiert, als sie sich auf ihrer Wanderschaft durch die Stadt vorübergehend am Hirschenplatz, später am Bellevue und an der Riviera niederliess. Als sich die Szene schliesslich am Platzspitz festsetzte, empfand ich das mit den Augen des irritierten Stadtbürgers als Provokation, und mit dem Blick des interessierten Sozialwissenschaftlers als legitime Eroberung des öffentlichen Raums durch eine sozial ausgegrenzte und diskriminierte Gruppe von Menschen.

Wie war es möglich, dass Zürich, aber auch Bern und andere Schweizer Städte über Jahre diese Orte zuliessen?

Was die Situation in Zürich und Bern von der in anderen Städten unterschied, war die Wahl des Ortes. Die Fixerszene liess sich nicht in die Rotlichtviertel oder in ein Industriequartier abdrängen, sie breitete sich vielmehr an zentralen Orten mit hohem Symbolwert aus. Man muss sich das vorstellen: eine offene Drogenszene unterhalb des Parlamentsgebäudes. So etwas würde in Berlin oder Paris schon aus Sicherheitsgründen sofort unterbunden. Dass sich die Zürcher Szene am Platzspitz, praktisch an der Verlängerung der weltberühmten Bahnhofstrasse, festsetzen konnte, war anfangs nur Ausdruck einer allgemeinen Ratlosigkeit und Erschöpfung. Die Vertreibungspolitik kam zum Stillstand, weil man nicht mehr wusste, wohin mit diesen Leuten. Als sich die Stadtoberen schliesslich bewusst wurden, was da am Entstehen war, hatte die Szene eine Grösse erreicht, die nicht mehr so einfach zu handhaben war - weder polizeilich noch politisch.

Warum taten sich die Drogenkonsumenten diesen unendlichen Stress der offenen Szene an? Und warum wollten sie nichts wissen von staatlichen oder privaten Betreuungsangeboten, die es sehr wohl gab?

Zumindest in den Anfängen hatte die Fixerszene etwas Heroisches. Die meisten Fixer und Fixerinnen suchten das Risiko und waren davon überzeugt, rechtzeitig den Absprung zu schaffen, bevor die Sucht zuschlug. Es gab ja auch genügend Beispiele von Leuten, denen der Absprung gelungen war. Ich erinnere mich an meine Zeit in Frankfurt in den siebziger Jahren. Auf der «Haschwiese» im Zentrum der Stadt lagerten an lauen Sommerabenden die Kiffer neben den Fixern. Alle fühlten sich als Aussenseiter, und alle fühlten sich als Rebellen. Ein Rest dieses antiautoritären politischen Bewusstseins war auch in der Zürcher Fixerszene noch präsent. Wer so drauf ist, will nicht betreut werden. Und schon gar nicht von Psychiatern, deren Wirken und Walten seit den siebziger Jahren unter scharfer kritischer Beobachtung stand.

Längst nicht alle Betreuungsangebote verlangten eine Gehirnwäsche.

Es wäre sicherlich eine Überinterpretation, den Junkies, die sich auf dem Platzspitz bewegten, eine bewusste politische Absicht zu unterstellen. Doch egal wie bewusst oder unbewusst sie agierten, objektiv war der Platzspitz ein Politikum mit weit reichenden politischen Folgen. Ohne den Platzspitz hätte die schweizerische Drogendiskussion nicht ihr in Europa einmalig hohes Niveau erreicht. Daran hatte, wenn ich das sagen darf, auch die WOZ ihren Anteil (siehe ganz unten).

Wie sehen Sie im Rückblick die Menschen, die sich rund um die offenen Drogenszenen für die Interessen der KonsumentInnen einsetzten?

Was um den Platzspitz herum seine Bahnen zog, war ein seltsamer Mix aus Anteilnahme und Voyeurismus. Der Einzug von professionellen Betreuern auf dem Platzspitz war unvermeidlich. Das ist die Logik des Sozialstaates. Das so genannte Drogenproblem hat sich weltweit zu einer gigantischen Arbeitsbeschaffungsmassnahme entwickelt. Manche dieser Massnahmen mag man als «overprotective» kritisieren, aber es lässt sich nicht bestreiten, dass der Hilfebedarf im Laufe der Jahre stieg. Beschaffungsstress und Beschaffungsprostitution trieben die soziale Verelendung in der offenen Szene voran. Hinzu kam Aids.

Vielleicht war so viel Elend notwendig, um die Debatte über eine liberale Drogenpolitik voranzutreiben?

Die Herstellung von Öffentlichkeit für bestimmte soziale oder politische Probleme war eine Forderung der Zeit und ein Erbe der sechziger Jahre. Die Situation am Platzspitz war ja real. Jeder und jede konnte sich einen Eindruck verschaffen. Das Problem drang bis in den hintersten Winkel der Schweiz. So etwas schafft politischen Druck.

Wer waren die treibenden Kräfte dieser neuen Drogenpolitik?

Anfangs war es die Linke im weitesten Sinne, die sich des Themas annahm. Die italienische Diskussion über die Öffnung der Psychiatrie, die Idee der Selbstorganisation von Patienten, Widerstand gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, das alles war in den Köpfen der Protagonisten, die sich an der Diskussion beteiligten. Einzelne Ärzte, aber auch Betroffene, wie der Autor Chris Bänziger, und einzelne Junkies, denen eine Art «Junkibond» nach niederländischem Muster, eine Selbsthilfegruppe, vorschwebte, trieben die Diskussion voran. Besonders engagierte Parlamentarier sowohl bei der SP wie bei den Grünen setzten das Thema auf die Agenda der Parlamente. Schliesslich verabschiedete sich auch der liberale Teil des Bürgertums offen vom Repressionskurs.

Und wer hielt dagegen?

Auf der Bremse standen diejenigen, die auch heute noch darauf stehen und die das Scheitern der neuen Drogenpolitik zu verantworten haben: die SVP und ihr Umfeld, wozu auch eine in den achtziger und neunziger Jahren hyperaktive Psychosekte [er meint den VPM, Anm. d. Red.] gehörte.

Welche Rolle spielten die Medien?

Im Vergleich zu den deutschen Medien waren die Schweizer Medien weniger verhetzt und aggressiv. Ich weiss, dass es auch hier böse Ausrutscher gab. Trotzdem: Empathie und Problembewusstsein waren in der Schweiz stärker ausgeprägt als in der Bundesrepublik Deutschland. In der Schweiz stand über Jahre hinweg die «Lösung des Drogenproblems» ganz oben auf der Liste politischer Probleme. Das «Bündnis» zwischen der antiautoritären WOZ und der wirtschaftsliberalen NZZ in der Drogenfrage war sicherlich eines der verblüffendsten Phänomene jener Jahre. Nicht nur das berühmte NZZ-Drogenfolio, auch die alltägliche Berichterstattung und Kommentierung in der NZZ unterschied sich inhaltlich nur wenig von dem, was in der WOZ stand.

Als politische Lösung zur Beseitigung der offenen Szenen wurde schliesslich eine Mischung aus Überlebenshilfe, Medizinalisierung und Repression festgelegt und durchgesetzt. Hat das nur das akute Problem gelindert oder neue Wege in der Drogenpolitik erschlossen?

Es wurden akute Probleme gelindert, kein Zweifel. Aber die Repression ist geblieben und mit ihr die Prohibition, aus der sie ihre Legitimität bezieht. Sollte es die Chance einer antiprohibitiven Politik jemals gegeben haben, dann in den Jahren der offenen Szenen, die eben auch offene Wunden waren. Heute geht diese Chance gegen null. Denn mittlerweile sind die Profiteure dieser im Kern falschen Strategie ökonomisch stark und politisch mächtig genug, eine gegen ihre Interessen gerichtete Politik zu hintertreiben.

Hat der Blick auf die offenen Drogenszenen auch die Wahrnehmung anderer Drogenphänomene geschärft?

In der Schweizer Öffentlichkeit ist die Wahrnehmung des Phänomens realistischer und weniger ideologisch besetzt als im Rest Europas. Aber selbst da hat der Verfolgungseifer nachgelassen. Andere Probleme sind drängender. Im Schatten dieser «Liberalität» konnte sich eine neue Jugendkultur entfalten, die sich über Drogen geradezu definierte: Die Technoszene war die grösste offene Szene, die es je gab.

Nach der relativ liberalen Lösung des Heroinproblems ist man wieder in den alten repressiven Trott gefallen. Die Bemühungen, den rechtlichen Status von Cannabis an die Realität anzupassen, wurden schliesslich erfolgreich verhindert.

Wie vorauszusehen war, liess mit der Auflösung der Szene die öffentliche Aufmerksamkeit nach. Zudem verschoben sich die politischen Prioritäten. Jetzt steht auch in der Schweiz das Problem der Arbeitslosigkeit oben an. Die öffentliche Diskussion dreht sich um die Frage, was der Sozialstaat leisten kann und leisten soll. Der Werteverfall am Gesundheitsmarkt ist evident. Der Wert des Menschen ist gefallen. Es gibt zu viele, die nicht mehr gebraucht werden. Deshalb werden die Gesundheitskosten neu kalkuliert. So viel Aufwand für Fixer und Fixerinnen wird es nie mehr geben, wobei zu berücksichtigen ist, dass der Aufwand in den achtziger und neunziger Jahren auch im Zeichen der Aids-Prophylaxe stand.

Die 1993 lancierte Droleg-Initiative schuf einen Rahmen, innerhalb dessen die Drogenlegalisierung konkret durchgedacht werden konnte. Fünf Jahre später wurde sie an der Urne versenkt. Hat die Initiative einen politischen Mehrwert geschaffen, oder war sie eine Eintagsfliege?

Wer die Entwicklung der Drogendiskussion von den sechziger Jahren bis heute verfolgt und das ganze Psychogequatsche noch im Ohr hat, wird einräumen, dass die öffentliche Diskussion an Substanz gewonnen hat. Wer nicht ganz verbohrt ist, weiss heute, dass die globalen Folgen der Prohibition mit ihren politischen, ökonomischen und militärischen «Nebenwirkungen» weitaus gravierender sind als der Drogenmissbrauch selbst. Zu diesem Wissen hat in der Schweiz die Droleg-Initiative Entscheidendes beigetragen. Über die Gründe ihrer Ablehnung gäbe es viel zu sagen. Sicher ist, dass jener Teil der politischen Klasse, der die Legalisierungsdiskussion bis dahin positiv begleitet hatte, im Vorfeld der Abstimmung verstummte und dass es eine politische Bewegung, die als Verstärker hätte wirken können, nicht gab. Auch die Ängste vor den politischen Reaktionen der Nachbarländer, die ja nicht unbegründet waren, trugen zur Ablehnung bei.

Heute stellen sich die Drogenprobleme anders als vor zehn Jahren. Die Partyszene lebt, Kokain geht von Boom zu Boom, die Pharmaindustrie erschliesst sich immer neue Märkte. Was hat das zu bedeuten?

No Drugs. No Future. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Der Fachmann Amendt hat seinen eigenen Drogenkonsum nie besonders thematisiert - bis zum LSD-Kongress in Basel im Januar dieses Jahres. Warum redet er jetzt? Und warum ausgerechnet im Zusammenhang mit LSD?

Weil ich dazu aufgefordert wurde. Roger Liggenstorfer, Mitherausgeber eines zum hundertsten Geburtstag von LSD-Erfinder Albert Hofmann veröffentlichten Buches, schlug mir vor, aus gegebenem Anlass über meine Erfahrungen mit LSD zu schreiben. Ich habe zwar nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich über Drogenerfahrungen verfüge - dass ich «experienced» bin. Aber ich wollte diesen Erfahrungsvorsprung in der drogenpolitischen Auseinandersetzung nicht ausspielen gegenüber denen, die sich an der Diskussion beteiligen, ohne selbst über einschlägige Erfahrungen zu verfügen. Das schien mir irgendwie unfair.

Mittlerweile aber wird die Drogendiskussion von «Fachleuten» dominiert, die, besonders wenn sie Politiker sind, buchstäblich von nichts eine Ahnung haben. Es ist fast schon wieder so, wie es in den sechziger Jahren war, als Dummheit und Vorurteile die Diskussion beherrschten. Da ist der Hinweis auf eigene Erfahrungen oft die letzte Chance, die teilweise aberwitzigen Vorstellungen über die Wirkung und die Risiken einer bestimmten Substanz zu korrigieren beziehungsweise zu relativieren.

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