Nr. 13/2011 vom 31.03.2011

«Es ist vom Stress her um ein Gewaltiges ärger geworden»

Rund vierzig Personen erzählen in «Ein halbes Leben», wie sich ihr Berufs- und Arbeitsalltag im Verlauf von ein paar Jahrzehnten verändert hat.

Von David Loher

«Jetzt zählt nur mehr das Stück, der Mensch nicht mehr»: Frau Polz, Lagermitarbeiterin und Betriebsrätin in einem Versandkonzern, erzählt von den Veränderungen in ihrem Berufsalltag. Ihre Stimme ist eine unter rund vierzig aus den unterschiedlichsten Berufen, die im Buch «Ein halbes Leben» Zeugnis von ihren langjährigen Erfahrungen in sich verändernden Arbeitsprozessen ablegen. In Gesprächen mit SozialwissenschaftlerInnen berichten sie von Beschleunigung und Ökonomisierung, die sie an ihrem Arbeitsplatz am eigenen Leib erfahren; von Statusverlust und sinnentleerter Arbeit; vom Verschwinden eines Berufsethos; vom Wegbrechen von Solidarität unter den ArbeitskollegInnen.

Vorbild Bourdieu

«Ein halbes Leben» ist nicht der erste Versuch einer Gesellschaftsdiagnose von unten. Unter der Leitung des Soziologen Pierre Bourdieu entstand 1993 in Frankreich die Studie «La misère du monde», in der die befragten Personen ebenfalls als ExpertInnen ihrer eigenen Lebenslage auftraten. «Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen», lautet das Credo dieser Art Sozialforschung. Eine ForscherInnengruppe um den Soziologen Franz Schultheis nahm mit «Gesellschaft mit begrenzter Haftung» die Idee Bourdieus auf und wandte seinen Forschungsansatz auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im deutschsprachigen Raum an.

«Ein halbes Leben» führt diese Untersuchungen nun weiter und legt dabei den Schwerpunkt auf die Veränderungen in der Arbeitswelt der letzten Jahrzehnte in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich. Das Spektrum reicht dabei von der ungelernten Lagermitarbeiterin über die freischaffende Künstlerin, den Lkw-Fahrer und den Bergarbeiter bis zum Softwareentwickler und der Biobäuerin. Die jeweiligen Positionen der Befragten im sozialen Raum liegen weit auseinander. So weit, dass ihre Erfahrungen und Befunde ganz unterschiedlich, gelegentlich gar diametral entgegengesetzt ausfallen.

Zerbröselndes Berufsethos

Gemeinsam ist den in «Ein halbes Leben» Vorkommenden, dass sie auf eine lange Arbeitsbiografie – ein halbes Leben – zurückblicken. Sie treten damit einerseits als ZeugInnen des tief greifenden Strukturwandels in der Arbeitswelt auf. Gleichzeitig verfügen sie über eine – wenn auch durch Brüche, Enttäuschungen und Statusverlust geprägte – zumindest halbwegs gelungene Arbeitsbiografie. Sozusagen aus dem Raster der Studie gefallen sind hingegen all jene, die sich im Zuge des Strukturwandels überhaupt nicht mehr in der Arbeitswelt halten konnten und sich in einer noch prekäreren Lebenslage wieder finden: als Arbeitslose, Ausgesteuerte, IV-Rentner oder Sozialhilfebezügerinnen.

Besonders aufschlussreich lesen sich die Porträts und Gespräche, die vom Umbau des öffentlichen Sektors berichten. Im Fall des Postbeamten Michael Gruber zum Beispiel führte die Liberalisierung des Postmarktes und der Verkauf der Österreichischen Post 2006 einerseits zu einer Verdichtung und andererseits zur Entwertung der Arbeit: «Wie ich angefangen habe in Mühlhausen, da waren einfach noch genügend Leute, da hat es zwar sein können, dass ein Teil nicht recht viel zu tun gehabt hat, aber wenn dann viel Arbeit war, dann hast du das auch geschafft. Heute schaffst du das einfach so gut wie nie mehr. Es ist rein vom Stress her sicher ein Gewaltiges ärger geworden.» Ein Berliner Beamter der Kriminalpolizei beschreibt, wie sich das Primat des Ökonomischen im öffentlichen Sektor Bahn bricht und so langsam sein Berufsethos zerbröselt.

Die Synthese fehlt

Die SozialwissenschaftlerInnen wollten die Befragten bewusst als ExpertInnen ihrer eigenen gesellschaftlichen Lebenslage auftreten lassen. So ist es nur konsequent, dass sie dabei ganz auf einen ausführlichen theoretischen und methodologischen Vorspann verzichteten.

Was nicht bedeutet, dass Theorie und Methode nicht Teil der Reflexion gewesen sind. «Vielleicht darf man zur Methode noch bemerken, dass die Kunst darin besteht, dass all das, was wir investiert haben, hinterher nicht mehr sichtbar ist», erklärt Franz Schultheis im Gespräch mit den Herausgebern, das den Band beschliesst. Leserinnen und Leser sollen sich durch die Lektüre von «Ein halbes Leben» selbst Zusammenhänge erschliessen, Themen und Leitmotive aufspüren und so schliesslich Teil des kollektiven Deutungsprozesses werden.

Dennoch würde man sich ein Schlusskapitel wünschen, das die Befunde zu einer Synthese verdichtet und es wagt, pointierte Aussagen zu treffen. Während die meisten Einzelbeiträge durch ihr reiches Material durchaus überzeugen, erscheint das Buch in seiner Gesamtheit uneinheitlich. Wie ist es aufgebaut? Wie hängen die einzelnen Kapitel zusammen? Gerade zu solchen Fragen könnte ein Schlusskapitel Antworten liefern, die in der Vielstimmigkeit der Einzelbeiträge eine ordnende, zumindest aber eine orientierende Übersicht böten. Das Schlussgespräch der drei Herausgeber vermag dies nur ansatzweise einzulösen. Ob das den Autoren in der geplanten Nachfolgestudie besser gelingt? Sie wird sich mit dem Wandel im öffentlichen Sektor beschäftigen.

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