Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

Eine Hymne an die Trinkstube

Die BetreiberInnen der ehemaligen Flachpass-Bar im alten Zürcher Letzigrund legen ein Sammelbuch der Erinnerungen vor – und wecken nostalgische Gefühle.

Von Etrit Hasler

Es muss einer der letzten Abende gewesen sein, bevor die Flachpass-Bar ihre Tore schloss, als ich mich zum ersten Mal dorthin verirrte. Ein Freund von mir, der wie so viele aus dem Osten Zugezogene sein Herz dem FC Zürich geschenkt hatte, lotste mich hin, um ein Vorrundenspiel der Schweizer Nati an der WM 2006 in Deutschland zu schauen. Obwohl ich sehr skeptisch war, da ich (als jemand, der seine zwei Jahre Zürich-Ansässigkeit in Seebach und Oerlikon verschwendet hatte) eine gewisse Grundabneigung gegen alles Zürcherische verspüre, liess ich mich dennoch überreden. Immerhin hatte ich wenige Wochen zuvor aus simpler «der Feind meines Feindes»-Logik auch dem FCZ die Daumen gedrückt, in jener legendären Finalissima, in welcher Iulian Filipescu in den letzten Sekunden dem arroganten FC Basel die Meisterschaft abgenommen hatte.

Überschwängliche Spendierfreude

Ich muss zugeben, ich erinnere mich nicht mehr an viele Details dieses Abends, nicht einmal, welche Partie ich da verfolgte. Nur zwei Dinge sind mir geblieben: dass mein Freund, ein notorischer Zuspätkommer, natürlich weit und breit nirgends zu sehen war (er tauchte wohl in den letzten Minuten der zweiten Halbzeit endlich auf), als ich mir einen Weg durch die Massen bahnte, um mir an der Theke ein Bier zu bestellen. Und dass ich erst ziemlich komisch angeschaut wurde, da ich an jenem Abend mit meinem rot-weissen FC-Winterthur-Schal an der Bar herumlümmelte. Dass die Skepsis seitens des Barpersonals und meiner Thekennachbarn aber schnell in überschwängliche Spendierfreude umschlug, nachdem sie erkannten, dass es sich dabei nicht um einen Nati-Schal, sondern um das Wahrzeichen eines «richtigen Klubs» handelte. Jener Spendierfreude ist es wohl auch zu verdanken, dass meine Erinnerungen an die Flachpass-Bar für immer lückenhaft, aber sehr harmonisch bleiben werden.

Fünf Jahre später ist die Flachpass-Bar schon längst Geschichte, ja, Legende geworden. Der Letzigrund ist inzwischen neu gebaut, instabiles Dach und neues Gastrokonzept inklusive, und die «Trinkstuben», wo sich Spieler, Schiedsrichter, Fans, Funktionäre und Präsidenten zuprosteten, sind der vermeintlichen Professionalisierung des Schweizer Fussballs als Kollateralschäden zum Opfer gefallen. Geblieben sind die Erinnerungen.

Wohnzimmer eines Vereins

Ähnlich wie in der Popmusik sind es diese meist mehr als die Aktualität, die unser Verhältnis zum Objekt unserer Verehrung bestimmen: Erinnerungen an Ereignisse, an Personen und eben nicht zuletzt auch an Orte. Mit «Flachpass. Die Bar im Letzigrund» legen drei der ehemaligen BetreiberInnen der Flachpass-Bar, Andrea Fischer, Saro Pepe und der langjährige WOZ-Fussballkolumnist Pascal Claude, zusammen mit der Sportjournalistin Christine Steffen ein Sammelsurium der Erinnerungen auf, das diesem einzigartigen «Wohnzimmer eines Vereins» mitten im Herzen des alten Letzigrunds ein Denkmal setzt.

Herausgekommen ist eines jener Lesebücher, dem man die Liebe seiner MacherInnen zur Materie auf jeder Seite anmerkt – von den gesammelten Erinnerungsfragmenten ehemaliger Gäste (Daniel Gygax oder St.-Pauli-Fan Kyros Kikos, um nur zwei zu nennen) über die amüsanten Schnipsel aus dem Flachpass-Bar-Logbuch oder einem Best-of der Dutzenden von Veranstaltungen, welche im «Flachpass» stattfanden (wie kaum ein Ort stand der «Flachpass» in seiner kurzen Existenz für die Wiederversöhnung von Fussball und Kultur), bis hin zu den von Christophe Badoux liebevoll gestalteten Monatsprogrammen. Und wie sich das bei einem guten Lesebuch eben so verhält, handelt es sich dabei nicht um ein Werk, das man in einem Zug von vorne bis hinten durchliest, sondern um eines, das am besten in Schnipseln zu geniessen ist – und einem deswegen umso länger erhalten bleibt. Ein Werk, das Erinnerungen weckt – oder bei jenen, die es wie ich verpasst haben, viele Erfahrungen an jenem Ort zu machen, ein tiefes Gefühl der Reue auslöst.

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