Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

Ein Fan, ein Sack Äpfel und ein strukturelles Problem

Ein Engroshändler hat aus dem Dorfklub FC Le Mont einen Profiverein gemacht. Eine der seltenen Erfolgsgeschichten des Westschweizer Fussballs. Wenn sie bloss jemanden interessieren würde.

Von Pascal Claude (Text) und Milad Ahmadvand (Fotos)

«Nächster Halt: Grenchen Süd.» Vor zwanzig Jahren hätte die Reise hier enden können. Die archetypischen Flutlichtmasten, vom Zug aus zu sehen, die markante Tribüne – das Stadion Brühl ist eine Schönheit. Doch mit der Nati B hat der einstige Cupsieger Grenchen leider schon lange nichts mehr zu tun. Vor zwei Jahren verlor er gar nach einem kurzen Drama um angebliche französische Investoren mitten in der Saison Spieler im Dutzend, musste die Lücken mit Junioren füllen, kassierte darauf 21 Niederlagen in Serie, 0 : 6, 1 : 8, 0 : 10, und stieg ab. Und im Jahr darauf gleich noch einmal.

Der Weg zu einem Heimspiel des FC Le Mont führt am Jurasüdfuss entlang. Es ist eine Reise in die Niederungen und Niederlagen des Schweizer Fussballs. Bald nach Grenchen taucht rechter Hand die Tissot-Arena auf, in der der B-Klub FC Biel endlich seiner chronischen Bedeutungslosigkeit entrinnen sollte. Nach einer Saison im neuen Stadion war er diesen Frühling pleite.

Emanuel trommelt ganz allein

Die Fahrt geht weiter. Nun ragen links unten am Neuenburgersee die Lichtmasten der neuen Maladière in die Höhe. Als das neue Stadion von Neuchâtel Xamax 2007 feierlich hätte eröffnet werden sollen, stieg der Verein aus der höchsten Liga ab. Wenig später warf sich der abgebrannte zweifache Schweizer Meister, geblendet oder todesmutig, einem tschetschenischen Hobbyinvestor an den Hals. Der löschte bei Xamax die Lichter. In Yverdon schliesslich, nächster Halt, verschwand das einstige Überraschungsteam vor zehn Jahren zwar unspektakulär, dafür nachhaltig aus dem Spitzenfussball und von der Bildfläche. Hier steige ich um, in die Regionalbahn Richtung Sainte-Croix.

Der FC Le Mont tritt in dieser traurigen Erzählung des Westschweizer Fussballs als Antagonist auf. Er ist in den letzten zehn Jahren sechsmal auf- und nur einmal abgestiegen. Er war ein Dorfklub in der 3. Liga, jetzt ist er ein Profiverein in der Nati B. Geht es noch weiter? Spielt der Verein bald in der höchsten Klasse gegen GC und YB? «Non», sagt Emanuel. Und warum nicht? «Weil ein einziger Fan zu wenig ist für die Super League.»

Der einzige Fan, das ist er, Emanuel. Vor zwei Jahren, als Le Mont im Cup auf den FC Basel traf, wollte er das Feld nicht kampflos der Basler Muttenzerkurve überlassen. Seither steht er hinter seinen Transparenten, schwenkt die grosse Fahne und trommelt, was leider noch nicht gleichzeitig geht, und schreit seine Schlachtrufe übers Feld. An jedem Spiel. Ausser es findet abends, auswärts und unter der Woche statt. Dann darf er nicht hin. Denn Emanuel ist erst vierzehn.

In der grossen Fussballwelt, in die der kleine FC Le Mont aufgestiegen ist, gelten strenge Vorschriften. Sie regeln Flutlichtstärke, Einlasskontrollen, Fassungsvermögen und Sektorentrennung. Das Spielfeld im Dorf genügte nicht mehr, der FC Le Mont trägt seine Heimspiele deshalb dreissig Kilometer entfernt in Baulmes aus. Er kann dort ein kleines Stadion mieten, das für den FC Baulmes viel zu gross geworden ist. Das Stadion erinnert an ein kurzes Glück, an ein Märchen mit traurigem Ende. Es spielten darin wie immer: ein Geldgeber, ein Verein, eine Mannschaft und die Naivität. Übrig geblieben ist die neue Tribüne.

Neben Fan Emanuel kommen noch ein paar ZuschauerInnen. «Wir sind ganz zufrieden», behauptet Serge Duperret in der Buvette unter der Tribüne, «so viele wie Wohlen haben wir mindestens.» Der Präsident des FC Le Mont ist stolz. Oder möchte stolz wirken. Zu Spielbeginn zähle ich von Hand 166 Menschen, der Stadionsprecher bedankt sich bei 550. Diese Zahl werden die Zeitungen übernehmen. Sie wird aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich an einem Ort wie Baulmes, wo Le Mont gegen Winterthur spielt, strukturelle Probleme des Schweizer Fussballs offenbaren.

Die Welt ins Dorf

Serge Duperret ist Engroshändler für Obst und Gemüse, wurde erst Trainer, dann Präsident des Vereins. Vom Jahresbudget von 1,5 Millionen Franken übernimmt er den grössten Teil, der FC Le Mont ist sein Verein, seit bald zwanzig Jahren. Die grosse Fussballwelt zu sich ins Dorf zu holen, das ist Duperrets Traum, und den lässt er sich einiges kosten. Als Höhepunkt der Klubgeschichte gibt der Präsident auf der Vereinswebsite «die Verpflichtung des 35-fachen Schweizer Internationalen Daniel Gygax» an. Ein Jahr durfte sich Duperret an ihm freuen. Als Gygax, am Ende seiner Karriere, diesen Frühling wieder ging, hatte er in 20 von 36 Partien gespielt und, immerhin, ein Tor geschossen.

Andreas Mösli, der Geschäftsführer des FC Winterthur, den ich im Regionalbähnchen getroffen habe, erzählt, wie Duperret vor dem ersten Spiel von Le Mont gegen Winterthur 2009 vor dem Stadion jeder Besucherin und jedem Besucher einen Sack Äpfel überreichte: «Den musste man absurderweise beim Eingang wieder abgeben, aus Sicherheitsgründen. Aber die Geste hat mir gefallen. Ein Sack Äpfel, das ist mal was anderes, oder?»

Leider aber ist die Saat nicht aufgegangen. Für den FC Le Mont interessiert sich niemand. Ähnliches gilt für zahlreiche weitere Vereine in den höchsten Spielklassen, den Aufsteiger Servette etwa, der in einer Stadt wie Genf nicht einmal 2000 Leute auf seine 30 000 Sitzplätze locken kann. Es fehlt an zu vielen Orten an Leben rund um die Klubs und deshalb an Geld. Der Fussballverband bemüht sich mit Ligareformen, dies zu kaschieren, bisher erfolglos. Derweil schlittert sein Paradeprodukt, die Super League, in eine existenzielle Krise, weil man nun schon Ende August weiss, wer Meister wird.

In Baulmes am Jurasüdfuss, auf drei Seiten von Feldern umgeben, wechselt Emanuel ein letztes Mal von Fahne auf Trommel. Aus dem Grüppchen aus Winterthur singt einer: «Ich – bin – de – Einzig, de Einzig, wo no singt.» Dann gelingt seinem Team der Ausgleich.

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