Nr. 45/2016 vom 10.11.2016

Auf der Schützenwiese nachts um halb neun

Seit Jahren steht der FC Winterthur für das Gute im Schweizer Fussball. Doch das heisst nicht, dass seine Fans nicht hadern.

Von Pascal Claude (Text) und Milad Ahmadvand (Foto)

Es läuft die dritte Halbzeit, und sie ist – nicht zum ersten Mal – besser als die beiden andern zuvor. Aus den Boxen dröhnt «Walk like an Egyptian» von den Bangles, die Leute tanzen und wippen mit einem Bier oder einem Kafi Luz in der Hand und wärmen dabei ihre Zehen, die in den zwei ersten Halbzeiten eingefroren sind. Die gedeckte Terrasse vor der Libero-Bar ist voll, Lederjacken, Regenjacken, Jeansjacken, rot-weisse Schals, Schall und Rauch. Samstagabend um halb neun, Fussballstadion Schützenwiese, Startrampe in die Nacht.

Genug der Lobgesänge

Die Nati B, das ist zuallererst der FC Winterthur. Seit drei Jahrzehnten spielt er zweitklassig, unterbrochen nur von einer Saison in der dritthöchsten Liga. Winterthur ist das Beispiel dafür, wie lebendig B-Fussball sein kann. «Fantastisch» nannte GC-Trainer Pierluigi Tami neulich im «Tages-Anzeiger» die Atmosphäre auf der Schützenwiese, dem einzigen reinen Fussballstadion im Kanton Zürich. Und so wäre es ein Leichtes, nun einzustimmen in den Lobgesang auf diesen Klub, auf seine Fans und seinen Geschäftsführer, auf Stadionkneipe, Solaranlage, Sozialcharta und Sirupkurve, auf die einzigartige Verzahnung von Fussball und Punk, Alternativszene und Spitzensport, Stadt und Stadion. Nur: Diesen Lobgesang haben alle schon im Ohr. Auch die WOZ hat ihn schon mehrmals angestimmt. Er braucht kein da capo. Im strömenden Regen vor, während und nach dem torlosen Ringen gegen den FC Le Mont stellt sich deshalb nur eine Frage: Gibt es etwas, was nicht gut läuft beim FCW?

Ein gutes Dutzend Fans, Frauen und Männer, alle mit Saisonkarte und seit Jahren dabei, nimmt sich Zeit: Mal kurz und lakonisch, meist aber ernsthaft und ausführlich geben sie Auskunft, unterbrochen bloss vom Wirt der Libero-Bar, der mehrmals betont – und dies auch so in der Zeitung lesen möchte –, dass der Reporter nicht mit Gratisgetränken gefügig gemacht worden sei. Was sich rasch herausstellt: Der unbefleckten Fussballromantik, wie sie gern auf den FCW projiziert wird, hängt von den Befragten niemand nach. Vielmehr fragen sie sich, was denn überhaupt möglich sei als Verein im Profifussball, ob der Spielraum wirklich ausgereizt werde, ob man alles mitmachen müsse, was von oben diktiert werde, oder, ganz grundsätzlich, ob es den richtigen Fussball im falschen gebe.

Sulzer-Kohle oder Rebel-Día-Kaffee?

«Seit ich Kind bin, träume ich davon, dass Winterthur eine Fussballstadt wird, dass wir einmal aufsteigen», sagt einer. «Am liebsten würde ich absteigen», gesteht eine andere, «auch wenn ich weiss, dass der Verein dann so nicht mehr existieren könnte. Aber seit Ewigkeiten gegen dieselben Gegner, und das viermal pro Saison, das ödet an.»

Der Traum vom Aufstieg, der Traum vom Abstieg: Das etwa ist das Spektrum an Erwartungen, die der Verein erfüllen soll, und es wird auch bei andern Themen nicht enger. Ob in Fragen der Finanzierung, des Kampfes gegen Diskriminierung, der Sicherheit, der Nachwuchspolitik oder der Kommunikation, stets findet eine pointierte Äusserung ihr Gegenargument. Die einen können nicht verstehen, warum der Verein bei Sulzer, Zimmer, Axa oder Rieter keine Millionen lockermachen kann, den andern war schon der Kaffee suspekt, der im Stadion verkauft wurde, sodass sie via Crowdfunding eine Röstung von Rebel-Día aus Chiapas auf die Schützenwiese brachten. Die einen finden, aus der einst rebellisch-chaotischen Bierkurve seien normale Ultras geworden, die andern betonen, dass sich das Repertoire an Fangesängen punkto Stumpfheit noch immer deutlich vom Schweizer Durchschnitt abhebe. Dass im Stadion auch Einzelne mit bekanntermassen rechter Gesinnung geduldet werden, verstösst in den Augen der einen gegen die Sozialcharta des Vereins, während es den andern vor einer Gesinnungspolizei graut, die das Stadion als offenen Raum gefährdet.

Ein Plan B, der zur Stadt passt

Ist der FC Winterthur am Ende ein ganz normaler Verein, in den seine Fans allerhand widersprüchliche Hoffnungen stecken, um jahrein, jahraus genüsslich zu beklagen, dass sie nicht erfüllt werden? Mit Sicherheit, ja. Der FC Winterthur ist ein ganz normaler Verein. Das muss er auch sein, sonst würde niemand kommen. Was den Profifussball hierzulande am Leben erhält, ist die ewige Inszenierung von Hoffnung und Enttäuschung, Prognose und Analyse, Versuch und Irrtum. Da unterscheidet sich der FCW nicht von andern seiner Art. Und doch ist vieles anders. Die Shot-Bar zum Beispiel, wo für einen guten Zweck gebechert wird. Die Disco nach dem Schlusspfiff, wo gerade ein Nobelpreisträger von einem rollenden Stein singt. Oder eben der Geschäftsführer, der sagt: «Ich habe Sie per Videoüberwachung verfolgen lassen und mit Richtmikrofon abgehört. Ich weiss alles.»

Im Medienraum, wo der Discosound nur noch gedämpft eindringt und bald ganz verstummt, geht Andreas Mösli auf all die Kritiken ein, die im Lauf des Abends geäussert worden sind. Keine überrascht ihn sonderlich, und es regt ihn auch keine wirklich auf. Als Geschäftsführer des Vereins ist er dem Machbaren verpflichtet, und dies sieht er keineswegs so blutleer, wie es klingt. Mösli stiess vor fünfzehn Jahren zum Verein, als dieser im Elend war und nur dank der Zuschüsse des neuen Präsidenten Hannes W. Keller überlebte. Damals übernahmen Fans wie er nicht nur die Geschäftsstelle, sondern auch die Stadionbeiz. Und sie sind geblieben. Hannes W. Keller will sich Ende Saison zurückziehen, sein Geld müsste dann von anderswo kommen. Mösli spricht von einem Plan B. Und davon, dass er weiterhin überzeugt sei, mit Fussball etwas bewegen zu können. «Ein Klub muss einfach zu seinem Ort, zu seiner Stadt passen», sagt er. «Hier passt es.»

Am Morgen danach ein E-Mail eines weiteren Fans. Er habe sich die Frage noch einmal durch den Kopf gehen lassen. «Aber mir fällt wirklich nichts Bedeutsames ein, das ich am FCW kritisieren könnte.»

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