Nr. 26/2011 vom 30.06.2011

Ein AKW, sauber verpackt in tausend Gebinden

Wenn es einmal so weit ist, werden in der Schweiz als Erstes die AKWs in Mühleberg und Beznau abgerissen. Zurzeit redet allerdings noch niemand darüber, wie das einmal vor sich gehen soll. Ein Besuch im deutschen Atomkraftwerk Stade, das schon fast ganz ausgehöhlt ist.

Von Susan Boos

Es ist eine präzise Arbeit, die unendlich Geduld erfordert. Zum Beispiel das AKW Stade: In vier Jahren hatten sie die Anlage gebaut, vierzehn Jahre werden sie brauchen, bis es auseinandergenommen ist und dort wieder eine Wiese ausgesät werden kann.

Das AKW liegt an der Elbe, nordwestlich von Hamburg, aber auf der anderen Flussseite in Niedersachsen. Liest man die Chronik der Stadt Stade, brachte das Werk Wohlstand in die Gegend. Dann kam am 14. November 2003 das Aus. An jenem Morgen standen viele ReporterInnen im Kommandoraum. Die Eon, die das AKW betreibt, hatte sie zum denkwürdigen Moment eingeladen. Alle wollten sie den roten Knopf drücken, der den Löwen zum Brüllen bringt. So nennen die Operateure das Geräusch, wenn bei einer Schnellabschaltung die Turbinen aufheulen. Es war 8.32 Uhr, als es geschah. Danach war die Anlage tot, und der sogenannte Nachbetrieb konnte beginnen.

Die Demontage des eigenen Arbeitsplatzes

Burkhard Senkbeil schaut aus dem Fenster des Infopavillons hinüber zum AKW. Von aussen sieht es intakt aus – mit seiner Kuppel und dem hohen Kamin ein bisschen wie eine Moschee.

Senkbeil erzählt, wie er vor vielen Jahren in Stade angefangen hat. Er sei der Exot hier, schon immer gewesen, er lacht. Senkbeil war Sportlehrer. Die Werksleitung hat ihn geholt, weil sie merkte, dass die Belegschaft älter und unsportlicher wurde. In einer Bank ist das egal, in einem AKW nicht, da sollte man «atemschutztauglich» sein. Falls etwas passieren würde, müssten alle in der Lage sein, unter schweren Bedingungen in Sauerstoffmaske und Schutzanzug zu arbeiten. Das verlangt Kondition. Es ist nie etwas passiert, aber fit musste die Belegschaft trotzdem sein. Burkhard Senkbeil trainierte sie während der Arbeitszeit, der Betrieb bekam einen Fitnessraum und eigene Sportmannschaften.

Dann kam der Stilllegungsentscheid, und Senkbeil musste sich entscheiden. Er hätte in einen anderen Betrieb von Eon wechseln oder aber die Öffentlichkeitsarbeit des AKWs übernehmen können. Er entschied sich, zu bleiben, und erklärt seither BesucherInnen, wie der Rückbau vonstatten geht.

Burkhard Senkbeil wirkt melancholisch und leise zornig, wenn er vom Stilllegungsentscheid spricht. Die AKW-GegnerInnen hätten das Kernkraftwerk immer schlechtgeredet, als ‹Schrottreaktoren› hätten sie es bezeichnet, «war aber alles falsch», sagt er, «es war ein rein ökonomischer Entscheid, es vom Netz zu nehmen.» Von «Atomkraftwerk» würde Senkbeil nie reden, das ist die Sprache der GegnerInnen.

Senkbeil sagt, sie hätten hier schon einen merkwürdigen Job: «Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen.» Er startet seine Powerpointpräsentation: «Stade gehört heute zu zwei Dritteln dem Energieunternehmen Eon und zu einem Drittel Vattenfall.» Vattenfall ist im Besitz des schwedischen Staates und betreibt in Schweden noch einige AKWs. Eon ist aus der Fusion verschiedener deutscher Energieunternehmen entstanden und gilt als der weltweit grösste, nichtstaatliche Energiekonzern. «Eon» ist keine Abkürzung, sondern lehnt sich ans Englische «aeon» an, was für «Ewigkeit» steht. Bis vor kurzem hat Eon in Deutschland fünf AKWs betrieben, nach dem Ausstiegsbeschluss der Bundesregierung muss der Konzern zwei Reaktorblöcke stilllegen (Unterweser und Isar 1). Burkhard Senkbeil macht kein Hehl daraus, dass er den Entscheid der Regierung unnötig und falsch findet.

Stade hatte eine Leistung von 640 Megawatt – war also etwa so gross wie beide Reaktoren von Beznau zusammen. Das Werk belieferte vor allem die Saline in Stade, eine Chemiefabrik und zwei Aluschmelzen mit günstiger Energie. Nur etwa fünf Prozent seines Stroms speiste das AKW ins Netz ein. Mit Stade sei auch die Saline eingegangen, die Alufirmen stellten die Produktion ein, 500 Leute hätten ihren Job verloren, sagt Senkbeil. In den leer gewordenen Hallen baue heute aber eine Firma Windturbinen zusammen, so seien zum Glück 100 neue Arbeitsplätze entstanden.

Früher arbeiteten etwa 300 Menschen im Atomkraftwerk. Heute sind noch 125 der alten Belegschaft dabei. Sie seien der Kopf des Rückbaus, sie planten jeden Schritt. Ausgeführt würden die Arbeiten von externen Firmen. Fast ständig sind um die 300 externe Arbeiter auf dem Gelände.

Die Kunst, einen Reaktor zu zerlegen

Senkbeil zeigt Bilder von der ersten Rückbauphase. Sie mussten unter anderem das Becken ausräumen, in dem die gebrauchten Brennelemente lagerten – ein zwölf Meter tiefes, grosses Bassin. Mit Stangen, an denen Greifer befestigt waren, nahmen sie die Einbauten auseinander, die im Becken die Brennelemente aufrecht hielten. Das Becken war stets mit Wasser gefüllt, weil Wasser vorzüglich Strahlung abschirmt. Die Männer standen also am Beckenrand und hantierten mit endlos langen Stangen unter Wasser. Es muss gewesen sein, wie wenn man mit Essstäbchen Nähnadeln aus einem Kübel voll Wasser fischt. Die Männer arbeiteten Tag und Nacht, auch am Wochenende, weil in Stade immer noch Schichtbetrieb herrscht wie früher, als sie hier Strom produzierten. Nach eineinhalb Jahren war das Becken endlich leer und sauber.

Als Nächstes kamen die Dampferzeuger dran. Vier riesige Behälter, die überdimensionierten Wasserboilern gleichen. Jeder war so hoch wie ein mehrstöckiges Haus und wog 160 Tonnen. Innen drin waren sie hochkontaminiert, weil das siedend heisse Wasser aus dem Reaktor durch sie hindurchlief und seine Wärme an einen zweiten, sauberen Wasserkreislauf abgab.

Diese gigantischen Zylinder holten sie am Stück aus dem Reaktorgebäude, dichteten sie ab und verluden sie auf die «Singyn», einen schwedischen Atommüllfrachter. Der brachte die vier Behälter nach Schweden, wo eine Spezialfirma sie einschmolz. Die radioaktive Schlacke, die übrig blieb, ist wieder zurück, verpackt in acht Containern. Der Rest des Metalls sei sauber und könne wieder verwendet werden. Es auferstehe in Autoblechen oder Bratpfannen, wie Burkhard Senkbeil sagt. Er amüsiert sich ein bisschen, weil die Leute es komisch fänden, dass man dieses Material rezykliere. «Alles wird aufwendig ausgemessen. Wenn die Kontamination unter dem Grenzwert liegt, darf man das Material wieder verwenden. Es wäre doch verantwortungslos, so viel Metall endzulagern, das man noch gebrauchen kann.»

Als Nächstes stand der Reaktordruckbehälter an, in dem die Atome gespalten wurden. Zuerst galt es auch hier, mühselig unter Wasser viele Schrauben herauszudrehen. Senkbeil weiss, es waren 1600, und es dauerte vier Monate, bis alle entfernt waren. Später erzählt er von der speziellen Säge, die sie entwickelt haben und die Stahl wie Butter zerschneiden kann. Er zeigt Bilder von Männern, die in wuchtigen, roten oder gelben Schutzanzügen und mit Sauerstoffmasken mit Brennschneidern hantieren. Sie täten alles, um die Strahlenbelastung der Arbeiter so niedrig wie möglich zu halten, sagt Senkbeil.

Man zweifelt aus Prinzip.

Gerhard Schmidt vom Ökoinstitut Darmstadt, der seit langem den Rückbau von AKWs begleitet, sagt aber, dass der Arbeitsschutz auf diesen Rückbaubaustellen ziemlich gut sei. Die Energiekonzerne könnten es sich gar nicht leisten, Schlamperfirmen anzuheuern. Regelmässig seien externe Kontrolleure unterwegs, zudem müsse jeder Schritt des Rückbaus von den Behörden bewilligt werden. Doch auch Schmidt will nicht ausschliessen, dass es einmal – wenn die Mittel knapper werden – ein Wanderproletariat von Zeitarbeitern geben könnte, das von Rückbau zu Rückbau zieht und unzureichend geschützt wird.

Später geht es hinüber ins Werk. BesucherInnen erhalten einen weissen Overall, weisse Stofffinken, einen weissen Helm und ein Dosimeter.

Im Kontrollraum sitzen drei Männer vor den letzten noch funktionierenden Monitoren. Die meisten Kontrolllämpchen sind längst erloschen und abgeklebt. In der Mitte der ausrangierten Armaturen sitzt der rote Knopf, den vor einigen Jahren all die JournalistInnen so gerne gedrückt hätten und den dann ein Schichtarbeiter drücken durfte. Rechts neben dem Knopf eine Anzeige, früher gab sie die Leistung des Reaktors an, jetzt steht sie auf «000», rundherum ein schwarzes Band. «Unser Trauerflor», sagt Senkbeil. Er sagt auch, dass manche der früheren Angestellten, die gelegentlich zu Besuch kämen, Tränen in den Augen hätten, «wenn sie sehen, wie alles, was sie jahrelang sorgsam gepflegt haben, jetzt einfach kaputt geschlagen wird». Andere kämen gar nicht erst, weil sie diesen Anblick nicht ertrügen.

Es geht weiter in die kontaminierte Zone. Hier muss man über die weissen Finken rote ziehen. In der Zone stehen zahlreiche Metallbehälter mit roten Hauben. Rot heisst: Die Brocken und Rohre darin sind kontaminiert. Der dekontaminierte, saubere Abfall bekommt eine grüne Haube.

Irgendwo lärmt und hämmert es. Man sieht nichts, da alle Arbeiten, die radioaktiven Staub freisetzen, in Plastikzelten oder extra eingebauten Gehäusen stattfinden. Vieles wurde in den letzten Jahren in diesem ausgehöhlten Gebäude neu gebaut. Das Lüftungssystem und die Stromversorgung haben sie neu eingezogen, damit die Wände ungehindert abgebrochen werden können. Die Betonkuppel schwingt sich über die leer werdende Halle. Das meiste, was wirklich gefährlich war, ist längst verschwunden.

Das kleine Schweizer Budget

Senkbeil rechnet vor: «Hätte man das Werk auf die Waage gestellt, hätte es 330 000 Tonnen gewogen. 200 000 Tonnen davon sind konventioneller Abfall. 130 000 Tonnen mussten untersucht werden, ob sie radioaktiv belastet sind, 97 Prozent davon konnten am Ende freigegeben werden. Ein Prozent der gesamten Masse, also 3000 Tonnen, bleibt als radioaktiver Abfall zurück.» Dieser habe ein Volumen von 4300 Kubikmetern und sei in 1000 Gebinden untergebracht – ein AKW in 1000 Gebinden verpackt. Man stellt sie ins Zwischenlager, das gleich neben dem AKW gebaut wurde, bis ein Endlager bereitsteht.

Der Rückbau von Stade wird am Ende 500 Millionen Euro kosten. Eon scheint mit dem budgetierten Geld auszukommen. Stade ist ein Druckwasserrektor, das macht den Rückbau einfacher, weil weniger Räumlichkeiten radioaktiv verseucht sind als bei anderen Reaktortypen. Eon zerlegt zurzeit auch noch das Atomkraftwerk Würgassen. Das ist ein Siedewasserreaktor wie Mühleberg und hatte – wie dieser – Risse im Kernmantel. Die deutschen Aufsichtsbehörden verlangten teure Nachrüstungen, weshalb der Konzern 1997 beschloss, das Werk stillzulegen. Der Rückbau ist bei einem Siedewasserreaktor viel aufwendiger, und die Kosten steigen bei Würgassen auf bis zu einer Milliarde Euro. In der Schweiz sind für den Rückbau aller fünf Reaktoren nur 2,2  Milliarden Franken veranschlagt, was niemals reichen wird (vgl. in derselben Ausgabe: «Ein netter Hort für strahlenden Müll»). Aber immerhin steht hierzulande schon das Zwischenlager, das die zerlegten und verpackten Atomkraftwerke einmal wird aufnehmen können.

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