Nr. 26/2011 vom 30.06.2011

Ein netter Hort für strahlenden Müll

Bis die ersten Schweizer AKWs demontiert werden können, wird es noch eine Weile dauern. Aber der Ort, wo die verpackten AKWs dann zwischengelagert werden, steht bereits: das Zwilag in Würenlingen, eine Hightechanlage, die sich sehen lassen darf.

Von Susan Boos

Von aussen sieht es nach nichts aus, das Zwischenlager (Zwilag) in Würenlingen im Kanton Aargau, nur wenige Kilometer nördlich von Brugg: ein paar grosse Hallen, auf der einen Seite halb in den Wald gebaut, auf der anderen zieht die Aare vorbei. Das ist der Ort, an dem einmal der gesamte Atommüll der Schweiz untergebracht wird, bis man ein Endlager gebaut hat.

Als das Zwilag Mitte der 1990er-Jahre geplant wurde, gab es Widerstand und Kritik. Die Eidgenössische Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen (KSA) – ein Bundesgremium, das heute nicht mehr existiert, aber damals den Bundesrat beriet – kritisierte das Projekt scharf und hätte es am liebsten zurückgewiesen.

Das Zwilag gehört den Schweizer AKW-Betreibern und ist nun seit einigen Jahren in Betrieb. Man muss sagen: Es sieht aus wie ein Kunstwerk und klinisch rein wie eine Intensivstation. Die Wände, Balken, Türen, Krane sind in sanften Pastelltönen bemalt. Hier steht eine Anlage, die weiss, dass sie schön sein muss, weil viele Menschen sie besuchen werden.

Ferngesteuerte Wägelchen bringen im unterirdischen Verbindungssystem die Fässer mit der strahlenden Fracht an ihren Bestimmungsort. Manchmal sind die Wägelchen in die Wände gefahren, weil der Boden so blank geputzt war, dass sie die leuchtend roten Führungslinien auf dem spiegelnden Boden nicht mehr erkannten. Seither werde dort unten ein bisschen weniger geputzt, sagt Walter Heep, der Geschäftsführer des Zwilags.

Jana Lebeda hat das Farbkonzept des Zwilags entwickelt. Sie war Chefarchitektin der NOK, die heute Axpo heisst und die Reaktoren von Beznau betreibt. Lebeda sagt, es sei darum gegangen, das Gebäude freundlich zu gestalten: «Stellen Sie sich vor, wie es wirken würde, wenn alles grau gestrichen wäre.» Es sähe kalt, bedrohlich aus.

Das Konzept gefiel so sehr, dass Lebeda inzwischen auch Zwischenlager in Deutschland verschönern durfte. In Würenlingen sei die Idee, farblich vom Heissen ins Kühle zu führen, sagt Lebeda. Rot ist der Plasmaofen, und heiss ist er wahrhaftig. Zweimal im Jahr werden darin während je drei Monaten Fässer mit radioaktivem Abfall verbrannt. Der Begriff «verbrennen» ist eigentlich falsch, die Flamme ist bis zu 5000 Grad heiss, Moleküle werden darin aufgebrochen, jedes Metall geschmolzen. Zurück bleibt eine Schlacke, die in Glas gegossen und in einem Fass verpackt wird. Der Plasmaofen vermag die Radioaktivität nicht zu vermindern, aber die radioaktiven Partikel werden kaum mehr auf Wanderschaft gehen, wenn sie einmal mit Glas vermischt sind.

Der Ofen kann auch ölige radioaktive Flüssigkeiten einschmelzen, die sich sonst nur schwer entsorgen lassen. Darum würden ausländische AKW-Betreiber sie beneiden, sagt Heep. Doch ausländischer Abfall gelangt keiner in die Anlage von Würenlingen, das verbietet das Gesetz.

Der Ofen macht zudem aus fünf Fässern Atommüll eines, womit das Abfallvolumen stark verringert wird. Heep ist stolz auf dieses rote Ungetüm, das hundert Millionen Franken gekostet hat und das weltweit das einzige seiner Art ist.

Aller Atommüll der Schweiz

Der unglaublichste Raum im Zwischenlager heisst banal «Behältergebäude». In diesen Bereich kommt man nur, wenn man die richtige Hand hat. Heep legt seine auf einen Sicherheitsscanner. «Das Modernste, was es gibt», sagt er. Der Scanner erkennt die Adern in der Handinnenfläche. Mit der Hand eines Toten liesse sich das System nicht überlisten. Der Scanner hat Heep erkannt, die Tür geht auf.

Es ist still, nirgendwo ein Mensch zu sehen. Das Behältergebäude ist eine riesige Halle, die Wände sind sanft zitronengelb und orange gestrichen, der Balken mit dem Kran violett. Ordentlich aufgereiht stehen grosse Behälter, die aussehen wie überdimensionierte Spaghettibüchsen. Ein frischer Luftzug weht durch die Halle, am Boden liegen Knäuel von flauschigen weisslichen Pflanzensamen. Wenn die Menschen von der Erde verschwänden und fremde Wesen hierherkämen, sie würden glauben, eine Kultstätte gefunden zu haben. Noch sind die Menschen da, und was hier herumsteht, würde reichen, die Schweiz unbewohnbar zu machen, wenn man denn wollte. Doch die gefährliche Fracht ist gut verpackt. In den Behältern befinden sich gebrauchte Brennelemente aus Schweizer AKWs. Ganz rechts an der Wand stehen einige blaue Behälter. In Deutschland hätten diese Behälter Tausende auf die Strasse getrieben – es sind die berühmten Castoren, die mit Abfällen aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague, Frankreich, zurückkamen. Noch elf solcher Transporte erwartet das Zwilag in den nächsten Jahren (siehe WOZ Nr. 45/10).

Heute stehen 34 Behälter in der Halle. Jeder wiegt 130 Tonnen, etwa so viel wie eine der roten Lokomotiven der SBB. Die einen sind aussen gerippt und angenehm warm. Die anderen sind ganz glatt und fühlen sich heiss an. Die Brennelemente entwickeln noch Jahre, nachdem sie aus den Reaktoren entfernt wurden, beachtlich viel Wärme und müssen deshalb gekühlt werden. Die Halle ist klug gebaut: Unten strömt kühle Luft von draussen herein und bringt auch Pflanzensamen mit. Die Luft streicht an den Behältern vorbei, kühlt sie ab, zieht nach oben und verlässt über Luken das Gebäude. Naturzugkühlung nennt sich das, da braucht es keinen Strom und keine Technik, um die Brennelemente so lange abzukühlen, bis sie in einigen Jahrzehnten bereit für die Endlagerung sind.

Die Halle würde einen Flugzeugabsturz nicht überstehen, aber jeder einzelne Behälter schon. «Da könnte sogar ein Militärjet reinfliegen, er würde sie nicht beschädigen», sagt Heep. Die Behälter würden einen freien Fall aus neun Metern Höhe und einen Bahncrash mit über hundert Stundenkilometern überstehen, sie würden ein Feuer von 800 Grad aushalten, und selbst wenn sie Stunden unter Wasser lägen, wären sie noch dicht, sagt Heep.

Ganz hinten in der Halle stehen einige unförmige blaue Behälter. Da steckt drin, was vom Reaktor in Lucens übrig geblieben ist. Der Versuchsreaktor schmolz 1969 durch, es war ein kleiner Super-GAU auf Waadtländer Boden, der nur relativ glimpflich verlief, weil der Reaktor in einer Felskaverne stand.

Insgesamt haben 200 Atommüllbehälter in der Halle Platz. Über weitere 48 Stellplätze verfügt eine gleichartige, aber viel kleinere Halle des Zwischenlagers Beznau, das einen Kilometer nördlich vom Zwilag auf der Beznauinsel steht. Der Platz in beiden Hallen zusammen reicht für den gesamten hochradioaktiven Abfall, den die bereits bestehenden Schweizer AKWs einmal produzieren werden. Für den Müll der neu geplanten hätte es allerdings keinen Platz gehabt.

Auch sämtlicher schwach- und mittelradioaktive Müll kann hier in Würenlingen ungebracht werden, wenn einmal alle AKWs abgerissen und in Container verpackt zwischengelagert werden müssen. Der gesamte Schweizer Müll umfasst 100 000 Kubikmeter, sagt Heep, dies entspricht dem Volumen der Zürcher Bahnhofshalle.

All dieses Zeug, das hier steht, sollte es eigentlich nicht geben. Doch wenn es schon da ist, muss man dankbar sein, dass es mit Aufwand und Sorgfalt umhegt wird. Möglich, dass die anfänglich scharfe Opposition dazu beigetragen hat, das Zwilag so sorgfältig auszustatten.

Technisch das Beste

Leo Scherer, der das Projekt damals für Greenpeace verfolgte, sagt heute: «Vermutlich haben sie wirklich technisch das Beste gemacht, was man überhaupt machen kann.» Er weist aber auf die radioaktiven Gase hin, die der Zwilag-Ofen freisetzt, weil sie sich auch mit den modernsten Filtern nicht zurückhalten lassen. Es geht um Tritium und radioaktiven Kohlenstoff. Tritium ist radioaktiver Wasserstoff, er hat eine Halbwertszeit von 12,3 Jahren und verbindet sich gerne mit Sauerstoff, wodurch radioaktive Wasserstoffmoleküle entstehen. Neue Studien gehen davon aus, dass das gesundheitliche Risiko von Tritium jahrelang stark unterschätzt wurde (siehe WOZ Nr. 37/10). Kohlenstoff-14 hat eine Halbwertszeit von über 5000 Jahren, verhält sich wie gewöhnlicher Kohlenstoff und wird in Pflanzen eingebaut. Der radioaktive Kohlenstoff kann – wie auch das Tritium – vor allem in den ersten Tagen und Wochen nach der Befruchtung Föten schädigen.

Die Aufsichtsbehörden wissen, dass die Stoffe heikel sind, und haben dem Zwilag zwei verschiedene Grenzwerte auferlegt. Im Frühjahr, während der Vegetationsperiode, liegt der Grenzwert um das Zehnfache tiefer als im Winterhalbjahr. Man geht davon aus, dass im Winter die radioaktiven Stoffe nicht in die Pflanzen eingebaut werden und sich weiträumiger verteilen. Heep sagt, dass sie die erlaubten Grenzwerte um den Faktor zehn unterschreiten würden. Gemäss den Berichten des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats setzen die Schweizer Atomkraftwerke tatsächlich bis zu hundertmal mehr Tritium frei als das Zwilag. Und auch der Ofen gibt bis zu 10 000-mal weniger radioaktiven Kohlenstoff ab als alle anderen Atomanlagen zusammen.

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