Nr. 26/2011 vom 30.06.2011

«Die Grenze ist erreicht»

Die Schweiz ist so etwas wie Europas Festivalhochburg. Das Angebot ist riesig, der Markt aber zunehmend ausgereizt. Den VeranstalterInnen machen der Konkurrenzdruck und die gestiegenen Gagenforderungen immer mehr zu schaffen.

Von Jan Jirát

Rock in einem römischen Amphitheater, New Wave auf einem schmucken Altstadtplatz, Heavy Metal im wohl urchigsten Schwyzer Tal, Indie vor der Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau oder Reggae am Seeufer – landauf, landab finden Wochenende für Wochenende unzählige Musikveranstaltungen statt. Das sommerliche Festivalangebot lässt keine Wünsche offen. In kaum einem anderen europäischen Land ist die Dichte an Festivals – bezogen auf die Bevölkerungszahl – höher als in der Schweiz. Letztes Jahr fanden nicht weniger als 1084 Musikveranstaltungen statt, wie die SMPA, der Branchenverband der professionellen Schweizer Konzert-, Show- und Festivalveranstalter, ermittelt hat. Tendenz steigend. Tanz und Jubel allenthalben!

Nicht ganz. «Der Schweizer Festivalmarkt ist übersättigt», stellte Thomas Kastl, der Chef des grössten Schweizer Konzertveranstalters Good News, Anfang Mai im «Sonntag» fest. Die SMPA-Zahlen unterstreichen seine Einschätzung: 2005 lag die Anzahl von Musikveranstaltungen bei 877, das ergibt einen Zuwachs von über 200 Veranstaltungen oder annähernd 25 Prozent in einem Zeitraum von bloss sechs Jahren. Allein im letzten Jahr zwängten sich 41 neue Veranstaltungen, darunter acht grosse Open Airs, in den Festivalkalender. Der Ticketverkauf kann mit dieser Entwicklung nicht mithalten: 2009 lag die Anzahl knapp unter 2,8 Millionen, ein Jahr später nur knapp drüber. Die GesamtbesucherInnenzahl (inklusive Gäste und Gratisangebote) ging sogar leicht zurück und verharrt auf dem hohen Niveau von 4,5 Millionen. Die Kuchenstücke für die VeranstalterInnen werden zunehmend kleiner. Und es ist nicht ihr einziges Problem.

Ein richtiger «Chrampf»

Jane Wakefield begann ihre «Festival-Karriere» als Teenager am Open Air Gränichen im Kanton Aargau, wo sie Sandwiches strich. Später hat sie die Leitung des Open Airs übernommen, Kulturmanagement in Basel studiert und mehrere Jahre das Petzi geführt, den Schweizer Dachverband der nicht gewinnorientierten Musikclubs. Mittlerweile ist die dreissigjährige Geschäfts- und Programmleiterin der Winterthurer Musikfestwochen. Die zählen neben dem Montreux Jazz Festival, dem Paléo Festival in Nyon und dem Open Air St. Gallen, das am kommenden Wochenende stattfinden wird, zu den traditionsreichsten Musikfestivals der Schweiz. Die diesjährigen Musikfestwochen, die von Mitte bis Ende August dauern, sind bereits die 36. Und noch nie war es für Wakefield schwieriger, das Konzertprogramm zu gestalten.

«Bereits im letzten November habe ich begonnen, das Management diverser Bands anzufragen», sagt Wakefield. Als sie vor drei Jahren ihren Job in Winterthur antrat, gingen die Anfragen im Februar raus. Trotzdem sei es dieses Jahr ein richtiger «Chrampf» gewesen, an Bands zu kommen, die sowohl ins Budget als auch ins Festivalprofil passen. «Dieses Problem hat einerseits mit Geld zu tun und andererseits mit der wachsenden Konkurrenz», bilanziert Wakefield.

Im letzten Jahrzehnt sind die Umsätze der Plattenverkäufe massiv gesunken, wie die Zahlen des Weltverbands der Tonträgerproduzenten (IFPI) eindrücklich zeigen: Gingen um die Jahrtausendwende weltweit 2,4 Milliarden CDs über die Ladentheken, waren es acht Jahre später nur noch 1,3 Milliarden. Das aufkommende Onlinegeschäft konnte diesen Einbruch bisher nicht einmal annähernd ausgleichen. Entsprechend gesunken ist auch der Umsatz der Musikindustrie – allein in der Schweiz innerhalb eines Jahrzehnts von 312 auf zuletzt 121 Millionen Franken. Die MusikerInnen verlagern ihr Augenmerk deshalb zunehmend auf den nach wie vor lukrativen Konzert- und Festivalmarkt, wo die VeranstalterInnen Schlange stehen, um an die grossen Namen zu kommen.

Die erhöhte Nachfrage im überhitzten Markt hat zu stark gestiegenen Gagen geführt – und zwar nicht nur bei den grossen, publikumswirksamen Bands, den Headlinern, sondern auch bei «mittelgrossen und kleinen Bands», wie Sabine Bianchi, Pressesprecherin des Open Air St. Gallen, bestätigt. «Die Schmerzgrenze ist erreicht», sagt sie. Gehe die Entwicklung so weiter, müsse man entweder beim Programm zurückschrauben oder die Ticketpreise nochmals erhöhen, so Bianchi, was aber niemand wirklich wolle. Denn die Preise sind bereits gestiegen: Kosteten Festivaltickets vor sechs Jahren durchschnittlich rund 64 Franken, waren es im vergangenen Jahr bereits 84 Franken.

Eine Möglichkeit, die steigenden Gagen zu kompensieren, ist der verstärkte Einbezug von Sponsoren, wobei der Spielraum laut Sabine Bianchi auch in diesem Bereich zunehmend an Grenzen stösst. Zudem schätzen es die FestivalbesucherInnen nur bedingt, mit Werbung zugemüllt zu werden.

Gefahr: Abnutzungseffekt

Wie man Finanzen, Material und Personal sparen kann, zeigt der deutsche Konzertveranstalter FKP Scorpio. Er organisiert in dieser Festivalsaison nicht weniger als vierzehn Veranstaltungen, darunter die bekannten Open Airs Southside und Hurricane in Deutschland. In der Schweiz ist der Veranstalter seit 2005 mit dem rocklastigen Greenfield Festival in Interlaken präsent. Die derzeit sehr erfolgreiche Rockband Foo Fighters um den ehemaligen Nirvana-Drummer Dave Grohl spielt als Headliner im deutschsprachigen Raum exklusiv an FKP-Scorpio-Festivals. Noch einen Schritt weiter geht der britische Konzertveranstalter Kilimanjaro Live mit Sonisphere: Er schickt ein ganzes Paket an bekannten Metal- und Hardrockbands auf Reisen. Wo das Festival stattfindet, hängt nicht weiter von einem bestimmten Ort ab, sondern allein vom Geld ...

Für Musikbegeisterte ist diese Entwicklung auf den ersten Blick traumhaft – Woche für Woche treten in der Schweiz namhafte und angesagte MusikerInnen auf. Die gestiegene Präsenz von internationalen Bands sorgt aber auch für einen gewissen Abnutzungseffekt und wirft die Frage auf, weshalb die KonzertbesucherInnen immer tiefer in die Tasche greifen sollten, wenn die Exklusivität der Bands schwindet, weil sie im nächsten Jahr ohnehin in die Schweiz zurückkehren.

Atmosphäre und Groove

Jane Wakefield lässt sich von diesen Entwicklungen und den zunehmenden Schwierigkeiten in ihrem Berufsumfeld keineswegs entmutigen. Sie verweist auf die grosse Unterstützung und die breite Verbundenheit, die die Winterthurer Musikfestwochen erhalten: «Ein Heer von 450 ehrenamtlichen Helfern und ein ebenfalls ehrenamtlich arbeitendes dreissigköpfiges OK-Team setzen sich Jahr für Jahr für das Festival ein.» Ohne sie wäre der Anlass finanziell nicht zu stemmen. Auch die Stadt Winterthur unterstützt das Festival, das mit einem Budget von 1,5 Millionen Franken und durchschnittlich 4000 BesucherInnen pro Konzertabend allerdings in einer tieferen Liga spielt als die grossen Open Airs. In St. Gallen beispielsweise beträgt das Budget rund acht Millionen Franken, und pro Tag strömen bis zu 30 000 BesucherInnen aufs Festivalgelände im Sittertobel.

Die Winterthurer Musikfestwochen unterscheiden sich aber auch sonst von den bekannten Open Airs. Die Konzerte – viele davon gratis – finden nicht an einem Wochenende im Grünen, sondern während zwölf Tagen mitten in der Altstadt statt. Kleinkunst und ein Kinoprogramm ergänzen das Musikangebot. «Mit dem einzigartigen Ambiente und unserem vielfältigen Programm mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft der Musikfestwochen», sagt Wakefield. Für sie steht fest, dass die Atmosphäre und der Groove eines Festivals immer wichtiger werden. Vielleicht bald wichtiger als die Musik.

Situation in Europa

«In der Schweiz kann sich niemand beklagen»

Christof Huber ist nicht nur Geschäftsführer des Open Air St. Gallen, sondern auch des europäischen Festivalverbands Yourope. In dieser Funktion hat er einen guten Überblick zur Festivalsituation in Europa. Einen kontinentalen Trend könne er nicht erkennen, sagt Huber. «In Südeuropa sind die Besucherzahlen wegen der Wirtschaftskrise zurzeit rückläufig, während das Geschäft etwa in Britannien oder in Holland sehr gut läuft.» Ihm sei zudem aufgefallen, dass besonders in Ost- und Südeuropa die Open Airs zunehmend als Touristenattraktionen betrachtet werden. «Entsprechend hoch sind dort die Subventionen, die die Veranstalter erhalten. In der Schweiz sind wir noch nicht so weit», so Huber. Ein Trend sei allenfalls, dass sich die meisten Festivals wirklich grosse Bands wie Muse, Coldplay oder die Red Hot Chili Peppers fast nicht mehr leisten könnten und die Bands ohnehin vermehrt auf noch lukrativere Stadiontourneen setzen würden. «Das hängt aber auch damit zusammen, dass die meisten Schweizer Festivals über keine Kapazitäten für mehr als 50 000 Personen verfügen.»

Im internationalen Vergleich stehe die einheimische Festivallandschaft gut da. «Klar, die Angebote im Osten sind teilweise massiv günstiger, aber wenn man nach England oder Skandinavien schaut, wo die Preise bis zu 300 Pfund (400 Franken) oder 250 Euro (300 Franken) hochgehen, kann sich niemand beklagen.» Auch im Bereich der Infrastruktur sei der hiesige Standard sehr gut, so Huber, der als Paradebeispiel das Gurtenfestival auf dem Berner Haushügel nennt. Ausserdem sei man hier noch relativ liberal – in Schweden gebe es Festivals, wo der Bierkonsum nur in speziellen Bereichen gestattet sei. Sein Fazit: «Eine eigene Handschrift bleibt zentral, ja, sie wird immer wichtiger.»

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