Nr. 27/2011 vom 07.07.2011

Der Zufall als Fremdenführer

Von Florian Vetsch

Endlich wieder ein neuer Ploog! Das schmale quadratische Heft ist ästhetisch auf der Höhe der grauen Eminenz des deutschen Untergrunds, dem 1935 geborenen Jürgen Ploog.

Grosszügig bietet es, jeweils auf der rechten Seite, nicht nur Ploogs neue Geschichte im faksimilierten Typoskript, sondern auch seine Schwarz-Weiss-Zeichnungen, links ganzseitig, rechts den Text flankierend. Die Hauptfigur auf den Zeichnungen ist Ploogs Version der Santa Muerte, jener magischen Heiligen, die in Mexiko verehrt wird. Ihren in heidnische Zeiten zurückreichenden Kult versucht die Kirche vergeblich zu unterbinden – zu beliebt ist sie im Volk, das sie anbetet als Erfüllerin geheimer Wünsche erotischer, spiritueller oder ökonomischer Natur.

Ploog stellt Santa Muerte als glatzköpfige junge Frau dar, halb- oder ganz nackt, sinnlich verspielt, verführerisch. In der Geschichte taucht sie als Anima des abgehalfterten Piloten Max auf, der schwer «on the road» ist: «Wenn Max der Druck zu gross wurde, setzte er sich in den Wagen & fuhr los. Dem Moloch des Stillstands & der Bedrohung konnte er nur entgehen, wenn er in Bewegung blieb. Reisen. Unterwegssein. Mit sich allein & frei von Beziehungen, die sich wie Spinnweben um ihn legten, immer enger umschlossen & ihn dem brüllenden Unrecht von Vorgängen aussetzten, mit denen er nichts zu schaffen hatte & die gewöhnlich mit Bestrafung & Zwängen endeten.»

Max öffnet sich für Neues, für die Verzweiflungen der Einsamkeit, Gefahren und Genüsse, Horizonte der Trostlosigkeit, aber auch für den Spielraum, in den ihn Santa Muerte lockt – sei dies an der Ostsee, in der Sahara oder auf einer tropischen Insel. In immer neuer Gestalt zieht ihn das Mädchen in den Bannkreis der anderen Welt. Eingetreten in diese, erscheint das Leben als flüchtige Fata Morgana. Santa Muerte ist die Mittlerin zwischen dem semantisch festgeschriebenen Raum dieser und der semantisch befreiten anderen Welt.

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