Nr. 27/2011 vom 07.07.2011

Treten, spucken, buckeln

Von Pedro Lenz

Dreimal in drei Tagen an drei verschiedenen Orten vernahm ich dieser Tage die gleiche Geschichte. Die erste Person, von der ich sie hörte, sass an einem Gartentisch, und es schien ihr gut zu gehen. Sie sagte: «Eigentlich bin ich blöd, dass ich jeden Tag zur Arbeit gehe. Andere fahren mit dem Mercedes vors Sozialamt und machen die hohle Hand.» Die zweite Person, einen Tag später in einer anderen Stadt, war gefragt worden, ob sie ihr Auto noch habe. «Sicher, das Auto behalte ich! He, solange andere mit dem Mercedes zum Sozialamt fahren, um ihr Geld abzuholen, werde ich doch noch einen Fiat besitzen dürfen.» Und wieder einen Tag später, in der Eisenbahn, unterhielten sich zwei chic gekleidete Frauen, die auf dem Weg zum Flughafen waren. Unvermittelt sagte die eine: «Wir lassen uns in der Schweiz an der Nase rumführen. Sozialhilfeempfänger fahren mit dem Mercedes zum Sozialamt, und wir krüppeln uns blöd.»

Dass alles noch viel schlimmer sein soll, erfuhr ich wiederum einen Tag später von der Titelseite eines Magazins, dessen Name zu nennen mich zu sehr ekeln würde. Dort stand in blauer Blockschrift: «Im Ferrari aufs Sozialamt».

Was ist mit diesem Land passiert, dass offensichtlich immer mehr Leute voller Neid und Hass SozialhilfeempfängerInnen diffamieren? Der Hass auf Mitmenschen, die auf Fürsorgeleistungen angewiesen sind, aus welchen Gründen auch immer, ist ein Hass auf die unterste soziale Schicht. Dieser Hass ist verbreitet und wird von interessierten Parteien und Medien täglich aufs Neue geschürt. Es ist der Hass jener, die noch stehen, auf die, die schon am Boden liegen. Es ist ein Hass, der jede moralische Logik auf den Kopf stellt, ein Hass der Starken auf die Schwachen, ein Hass der Reichen auf die Armen, ein Hass der Mächtigen auf die Ohnmächtigen.

Aufgesetzt und vorgebetet wird dieser Hass von jenen, die Macht und Stimme haben. Nachgeplappert und verbreitet wird dieser Hass von den Ängstlichen. In diesem Land haben viele Leute Angst. Die einen haben Angst, über ihren ständig wachsenden Reichtum Rechenschaft ablegen zu müssen. Andere haben Angst, selber zum Opfer eines Systems zu werden, das die sozialen Unterschiede täglich wachsen lässt.

Dass die, die vom System profitieren, von sich selbst ablenken, indem sie immer und immer und immer wieder neue Geschichten vom vermeintlich grassierenden Sozialhilfemissbrauch verbreiten, darf uns nicht wundern. Und auch dass Menschen mit prekären Arbeitsbedingungen, Menschen in schwierigen finanziellen Verhältnissen, Menschen mit niedrigen Stundenlöhnen ihre Angst und ihren Hass nach unten richten, ist leider kein neues Phänomen.

Neu scheint freilich, dass mittlerweile Leute aus allen sozialen Schichten ihre Aufmerksamkeit auf die Armen richten, aber nicht, um ihnen die Hand zu reichen, sondern um ihnen ins Gesicht zu spucken. Allein im laufenden Jahr wurde ich schon mehrmals zurechtgewiesen, weil ich mich erfrecht hatte, jemandem, der mich um Münz gebeten hatte, tatsächlich ein wenig Kleingeld zu geben. «Geben Sie denen doch kein Geld, sonst hört das nie auf mit dieser Bettelei!», lautet eine häufige Bemerkung von PassantInnen.

Ich weiss nicht, wie viele SozialhilfeempfängerInnen tatsächlich einen Mercedes fahren, sehr viele dürften es kaum sein, aber ich kann den Statistiken entnehmen, dass die Lohnschere in der Schweiz immer weiter auseinandergeht. Das mit dem Mercedes ist ein launiges Skandälchen. Das mit dem Zerfall des sozialen Gefüges ist eine unerträgliche Tatsache. Die Bettelei hört nicht auf, wenn wir den Armen nichts mehr geben, sie fängt damit erst an. Nicht der allerorts behauptete Mercedes ist das Problem, sondern der Umstand, dass unsere Gesellschaft ständig bereit ist, gegen oben zu buckeln und nach unten zu treten.

Und noch ein Detail am Rand: Der Name Mercedes leitet sich vom Wort «merced» ab. Es ist spanisch und bedeutet «Gnade».

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