Nr. 22/2022 vom 02.06.2022

Nur noch kalte Küche

Die hohe Inflation und steigende Strompreise treiben weltweit immer mehr Menschen in die Armut. Besonders deutlich zeigt sich das in Grossbritannien. Ein Besuch im Donation Hub im Londoner Stadtteil Lewisham.

Von Peter Stäuber (Text) und Horst Friedrichs (Foto)

Niemand ohne Geld soll sich zwischen Essen und Kleidung entscheiden müssen: Im Lewisham Donation Hub gibt es unter anderem auch Schuhe.

Die Krise, die sich derzeit in Grossbritannien ausbreitet, schlägt nicht mit einem Knall ein. Still macht sie sich im Alltag der Menschen bemerkbar, es ist eine private Krise, die sich vornehmlich in den eigenen vier Wänden abspielt. Aber es gibt Orte, wo das Ausmass des Notstands in aller Öffentlichkeit sichtbar wird. Zum Beispiel am südlichen Ende der geschäftigen Hauptstrasse von Lewisham, einem Stadtteil im Südosten Londons.

Etwa vierzig Leute stehen hier Schlange hinter einem Absperrgitter, das den Eingangsbereich eines ehemaligen Bürogebäudes umgibt. Die Menge ist ein Querschnitt durch die bunte Gesellschaft des Quartiers: Nebst urigen Londoner Akzenten hört man jamaikanisch gefärbtes Englisch, Arabisch, Somali und Spanisch. Es sind Familien mit Kindern hier, ältere Leute am Stock oder im Rollstuhl, Teenager in Trainerhosen. Sie alle sind zum Lewisham Donation Hub gekommen, weil es ihnen an allen Ecken und Enden an Geld fehlt – Geld für Strom, Essen, Windeln oder Abwaschmittel.

Es sind beunruhigende Superlative, die den gegenwärtigen Zustand der britischen Wirtschaft beschreiben. Die Inflation liegt bei neun Prozent, das ist der höchste Stand seit vierzig Jahren. Der Lebensstandard soll im kommenden Jahr um über zwei Prozent fallen – so schnell wie noch nie, seit man vor siebzig Jahren mit entsprechenden Erhebungen begonnen hat. Die Kosten für Strom und Gas sind Anfang April schlagartig um über fünfzig Prozent angestiegen, im Oktober werden sie noch einmal um mehr als 800 Pfund pro Jahr heraufgesetzt, auf durchschnittlich 2800 Pfund – auch das ein Rekord. Die Sozialleistungen hingegen werden in diesem Jahr inflationsbereinigt um fünf Prozent fallen.

Die Konsequenzen dieser Entwicklungen sind dramatisch. Der Thinktank National Institute of Economic and Social Research (NIESR) schätzt, dass bald mehr als 250 000 zusätzliche Haushalte im ganzen Land in extreme Armut stürzen werden. Bereits jetzt zeigt eine neue Erhebung, dass zwei Millionen Erwachsene regelmässig einen ganzen Tag lang nichts essen, weil sie es sich nicht leisten können.

Grosse Hilfsbereitschaft

Pamela Alvarado steht in einer schattigen Ecke neben dem Lewisham Donation Hub und wartet auf ihre Fahrräder. Vor einem halben Jahr kam die 26-Jährige mit ihrer Verlobten und ihrer siebenjährigen Tochter von El Salvador nach Grossbritannien. Die Familie musste vor sexueller Gewalt fliehen, jetzt durchläuft sie das komplexe und perfide britische Asylsystem – und muss mit 105 Pfund in der Woche über die Runden kommen. Das war schon vorher kaum zu schaffen. Jetzt, wo die Preise überall steigen, ist es eine Unmöglichkeit. Alvarados Familie wohnt ausserhalb von Stevenage, eine Zugstunde von London entfernt. Jedes Mal, wenn sie ins Zentrum wollen, um einzukaufen, kostet sie die Busfahrt fünf Pfund pro Kopf. Darum haben sie heute den Weg nach London auf sich genommen: Im Donation Hub in Lewisham hat man ihr drei Fahrräder versprochen – eine einfache Möglichkeit, auf lange Frist Geld zu sparen.

Drinnen im Gebäude geht es hektisch, aber trotzdem geordnet zu und her. Rund 25 freiwillige Mitarbeiter:innen in orangen Warnwesten wuseln durch die Gänge, nehmen hier ein paar Pakete Fleisch aus dem Tiefkühler, dort ein Kinderspielzeug aus dem Gestell oder zeigen den Hilfsbedürftigen, in welcher Ecke die Pullover liegen. «Seit etwa drei bis vier Monaten haben wir hier so viel Betrieb», sagt Laurence Smith, der den Donation Hub vor zwei Jahren aufgebaut hat. Überraschend entspannt führt der 37-jährige Chef durch die Räume, gekleidet in ein buntes Hawaiihemd. «An einem Tag wie diesem kommen rund 220 Leute im Hub vorbei. Wenn wir die Angehörigen hinzuzählen, unterstützen wir täglich etwa 500 Anwohner:innen.»

Der Hub bietet mittlerweile einen Rundumservice. Ein Student wird mit einem Laptop versorgt, eine ältere Frau hat gerade einen Kühlschrank bekommen, den man ihr ins Haus liefern wird. Alles wird gespendet, teilweise von Stiftungen, das meiste jedoch von Einzelpersonen. Und an freiwilligen Mitarbeiter:innen gibt es keinen Mangel: Smith kann auf eine Liste von 250 Leuten zurückgreifen, die sich engagieren wollen. Das ist die andere Seite der Krise: Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist enorm.

Dicke Energieprofite

Aber die Notlagen vertiefen sich ständig. In den vergangenen Wochen hat Smith gemerkt, dass mehr Produkte gefragt sind, für die man keinen Strom benötigt – eben hat er einer Familie einen batteriebetriebenen Mixer ausgehändigt. Der Grund: Die Energie kostet so viel, dass sie es sich nicht leisten können. «Manche Leute sagen von vorneherein: Gib mir kein Essen, das ich aufwärmen muss, das Gas ist zu teuer», sagt Smith. Auch überlegt er sich, mehr Bücher zu organisieren: «Der Fernseher braucht Strom, Bücher lesen ist billiger. Wir sehen hier unglaubliche Armut.»

Grossbritannien ist nicht das einzige Land, das mit hoher Inflation und teurem Strom hadert. Es ist ein globales Phänomen, mitverursacht durch den Krieg gegen die Ukraine und die Tatsache, dass nach dem Abflauen der Covid-Pandemie die Nachfrage nach Energie überall gestiegen ist. Aber mehrere Faktoren sorgen dafür, dass die Folgen in Grossbritannien so dramatisch sind.

Einer davon ist das privatisierte britische Energiesystem. Der maximale Preis, den Energieanbieter ihren Kund:innen für Strom und Gas verrechnen dürfen, wird jeweils halbjährlich von der staatlichen Regulierungsbehörde Ofgem festgelegt. Die jüngste Heraufsetzung dieses Preisdeckels ist also eine politische Entscheidung – und nichts würde die Behörde davon abhalten, den tieferen Preis einfach beizubehalten. In Frankreich hat die Regierung genau das getan: Dort wurde der Preisanstieg in diesem Jahr auf vier Prozent begrenzt.

Freilich würde ein tieferer Preisdeckel manchen kleineren britischen Energieanbietern Probleme schaffen, viele von ihnen dürften eingehen und verstaatlicht werden. Für die grossen Betriebe hingegen wäre die einzige Konsequenz, dass sie weniger Profite schreiben – und die sind derzeit richtig dick: Der Konzern British Gas beispielsweise hat seinen Gewinn 2021 verdoppelt.

Dazu kommt, dass der allgemeine Preisanstieg eine Gesellschaft trifft, die nach Jahren des Sozialabbaus bereits auf dem Zahnfleisch geht. Lohnstopps im öffentlichen Sektor, eine Beschneidung der Sozialleistungen, eine drastische Sparkur für den Gesundheitsdienst und die Kommunen: Die Politik des vergangenen Jahrzehnts hat an der Existenzgrundlage von Millionen Brit:innen gesägt. Die ärmsten Haushalte hätten seit den frühen 2000er Jahren überhaupt keine Erhöhung ihrer Reallöhne erlebt, schreibt der Ökonom Torsten Bell vom Thinktank Resolution Foundation. Diese Leute spüren es bereits, wenn der wöchentliche Einkauf ein paar Pfund mehr kostet – ganz zu schweigen von einer monatlichen Stromrechnung, die plötzlich um fünfzig Prozent höher ist.

Herablassende Regierung

Im Lewisham Donation Hub berichtet Laurence Smith von etlichen Leuten, die zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt Hilfe beanspruchen; sie schämen sich richtig, hier aufzutauchen. «Das sind oft Leute, die sich als Teil der Mittelklasse sehen», sagt Smith, «und jetzt stehen sie auf einmal vor riesigen finanziellen Problemen.» Ende Mai warnte die Chefin des Royal College of Nursing, des Berufsverbands der Pfleger:innen, dass sich ihre Mitglieder in einer «kritischen Situation» befänden: «Wir haben Pfleger:innen, die ihre Miete nicht zahlen können, und andere, die regelmässig in Gassenküchen essen.» Unterdessen hat auch die Londoner Feuerwehr eine Warnung ausgegeben: Man solle bitte nicht im Wohnzimmer Feuer anzünden – ein Mann hatte sein Haus abgebrannt, als er versucht hatte, sich mit einem Holzfeuer warm zu halten. Armutskampagnen haben in den vergangenen Monaten allein in London mindestens hundert solche Fälle gezählt.

Und was macht die Regierung? Sie hat im vergangenen halben Jahr immer wieder darauf bestanden, dass sie eigentlich recht wenig tun könne. Der konservative Abgeordnete Lee Anderson meinte kürzlich im Unterhaus, Lebensmitteltafeln wie jene in Lewisham seien «unnötig» – das Problem bei der Armut sei vielmehr, dass die Leute nicht kochen könnten und auch nicht wüssten, wie man mit Geld umgehe. Unterdessen sagt Premierminister Boris Johnson, dass Arbeit der beste Weg aus der Armut sei. Diese Plattitüde ist in Grossbritannien besonders fehl am Platz, denn in der Mehrheit der armen Haushalte arbeitet mindestens eine Person.

Auch Johnsons Finanzminister gab sich lange Zeit hilflos. «Die kommenden Monate werden hart», sagte Rishi Sunak, der zusammen mit seiner Frau ein Vermögen von 730 Millionen Pfund hat. «Es gibt keine Massnahme, die wir als Regierung treffen können, kein Gesetz, mit dem wir die globalen Kräfte über Nacht zum Verschwinden bringen.»

Nachdem Ökonom:innen, Oppositionsparteien und Sozialkampagnen immer nachdrücklicher dringende Massnahmen gefordert hatten, kam Sunak am vergangenen Donnerstag offensichtlich zum Schluss, dass er doch nicht so machtlos ist, wie er zuvor behauptet hatte. Der Schatzkanzler kündigte ein Hilfspaket im Umfang von fünfzehn Milliarden Pfund an, das vor allem ärmeren Haushalten zugutekommt: Sozialhilfeempfänger:innen beispielsweise werden mit einer einmaligen Zahlung von 650 Pfund unterstützt. Um dies zu finanzieren, hat die Regierung eine Steuer für Energiekonzerne erhoben, die fünf Milliarden Pfund einbringen soll – eine Idee, die sie von der Labour-Partei abgeschaut hat. Das Hilfspaket sei zwar zu begrüssen, sagen Ökonom:innen, aber es reiche nicht, um Millionen von Menschen vor den steigenden Energiepreisen zu schützen.

Pamela Alvarado, ihre Verlobte und ihre Tochter haben mittlerweile ihre drei Velos in Empfang genommen, sie machen sich zur Abreise bereit. Die Zugfahrt war teuer, sie werden also nicht so schnell wieder vorbeikommen können. Aber sie bleiben mit Laurence Smith in Kontakt: «Hier haben wir das Gefühl, dass jemand unsere Probleme ernst nimmt.» Solche Aussagen hört man hier oft – und Smith spürt den Druck. «Wir sind gerade einmal zwei Jahre alt, und wir arbeiten ausschliesslich mit Freiwilligen», sagt er. «Dennoch lasten die Hoffnungen all dieser Menschen auf unseren Schultern. So sollte unsere Gesellschaft nicht funktionieren.»

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