Nr. 38/2011 vom 22.09.2011

Mit Gesten auf dem Weg in die Selbstbestimmung

Bis vor kurzem war die Gebärdensprache an Gehörlosenschulen geächtet. Heute lernen auch Hörende diese eigenständige, hoch entwickelte Sprache. Denn das Dolmetschen in Gebärdensprache ist ein attraktiver Beruf.

Von Esther Banz

Während vorne ein Film zum Thema Pilze über die Leinwand flimmert, sitzt Karin Huwyler zwischen den anderen KursteilnehmerInnen, schaut kurz auf die Projektion, dann wieder zu Gisela Riegert, die Huwyler hierhin begleitet hat. Karin Huwyler ist ausgebildete Gebärdensprachdolmetscherin, eine von derzeit 52, die die Deutschschweizer Gebärdensprache – kurz DSGS – übersetzen. Riegert ist infolge einer Gehirnhautentzündung im frühen Teenageralter ertaubt, ein Implantat ermöglicht ihr die Kommunikation mit Hörenden. Man merkt kaum, dass sie Mühe hat, gesprochene Sprache zu verstehen, denn sie selbst spricht klar, ja, selbst Rhythmus und Melodie der Sätze klingen perfekt. Aber das Verstehen übers Ohr funktioniert bei ihr nur, wenn sie sich auf ihr Gegenüber konzentrieren kann und nicht mehrere Stimmen aufs Mal zu hören sind, denn auch Mimik und Lippenbewegungen sind wichtige Hilfen. Das ging am ersten Kursabend im Bildungshaus Fontana Passugg einigermassen gut, doch für den darauffolgenden Tag hatte Riegert schon weit im Voraus die Dolmetscherin Huwyler bestellt, wohl wissend, dass ein ganzer Tag Weiterbildung unter Hörenden allzu anstrengend ist, um alles verstehen und verarbeiten zu können.

Nicht für alle Pilze gibts Gebärden

Im Film wird das Wesen der Pilze erklärt, etliche Fachbegriffe und exotische Namen dringen in die Ohren der Hörenden – Karin Huwyler übersetzt sie alle, durch Gebärden und Mimik. Gisela Riegert versteht. Sie verzieht das Gesicht, als es um die Stinkmorchel geht, und nickt, als Huwyler die Warnung übersetzt, dass falsch gelagerte Speisepilze gefährlicher sein können als Giftpilze. Nicht für alle Pilznamen gibt es Gebärden; wo der Dolmetscherin keine Übersetzung bekannt ist, bleibt ihr noch das Fingeralphabet als Hilfsmittel. Auch dass Riegert die Lautsprache aus ihren jungen Jahren vertraut ist, hilft beim Übersetzen. Was gehörlos Geborene betrifft, so können sich Hörende nur schwer vorstellen, wie die Betroffenen Informationen aufnehmen – respektive eben nicht. Riegert: «Wissen wird ja gänzlich über Kommunikation vermittelt, gesprochene oder geschriebene. Deshalb haben Gehörlose schon als Kinder ein grosses Wissensdefizit, wenn man mit ihnen nicht gebärdet.» Aber lange glaubte man, die Gebärdensprache sei primitiv und verhindere die Integration in die Gesellschaft. Die Sprache wurde verächtlich als wildes Gestikulieren abgetan. Sie wurde deshalb 1880 an einem Kongress von Gehörlosenpädagogen – alles Hörende – geächtet.

Das Ende der Bevormundung

Statt in der Gebärdensprache unterrichtete man die Kinder in Europa seither bis in die jüngste Vergangenheit nur in Lautsprache. Tatsächlich ist es möglich, dass selbst gehörlos Geborene lernen, Lautsprache von den Lippen abzusehen, sie selbst zu artikulieren und diese Sprache auch zu lesen und zu schreiben. «Bis in die sechziger Jahre war die Mehrzahl der Fachleute der Auffassung, dass das Ziel einer mehr oder weniger hohen Lautsprachkompetenz Voraussetzung sei für eine höhere geistige Entwicklung eines Gehörlosen und für seine soziale und wirtschaftliche Integration in die Gesellschaft», erklärt Gottfried Ringli, der lange die Gehörlosenschule in Zürich leitete. Er und seine Kollegen gehörten dann aber zu den Ersten in der Schweiz, die sich für die Gebärdensprache starkmachten. Sie begannen 1983 damit, im Unterricht die lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) einzusetzen. Die Schule benötigte dazu die Bewilligung des Erziehungsrats. Rückblickend fasst Gottfried Ringli zusammen: «Die Anerkennung der Gebärdensprache in Schulung und Kommunikation der Gehörlosen innerhalb kurzer Zeit führte zu einer Befreiung der Gehörlosen aus einer zwar gut gemeinten, aber letztlich hemmenden Bevormundung durch die hörenden Fachleute und die hörende Gesellschaft.»

Knapp dreissig Jahre sind seit Beginn dieser Emanzipationsbewegung ins Land gezogen – und in dieser Zeit ist viel passiert. Der Schweizerische Nationalfonds hat ein Projekt zur Erforschung und Erfassung der schweizerischen Gebärdensprache mit ihren regionalen Dialekten mitfinanziert, der Schweizerische Gehörlosenbund führte Kurse in Gebärdensprache ein, und seit 1985 gibt es für Hörende eine DolmetscherInnenausbildung in Deutschschweizer Gebärdensprache. Sie ist heute bei der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich angesiedelt. Seit 2006 wird diese Ausbildung auf Bachelor-Stufe angeboten, bis anhin als vierjähriger Teilzeitstudiengang, demnächst auch als dreijährige Vollzeitausbildung. Alle drei Jahre beginnt ein neuer Studiengang, der nächste 2012.

Die Anforderungen an die Interessierten sind hoch: Sie müssen einen Teil der Kurse des Gehörlosenbundes absolviert haben, die Sprache also beherrschen, ferner wird gutes Allgemeinwissen verlangt, die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterbildung und, nebst vielem anderen, dass die angehenden GebärdensprachdolmetscherInnen an der Kultur der Gehörlosen interessiert sind und daran teilnehmen, also beispielsweise entsprechende Veranstaltungen besuchen. Der hörende Tobias Haug, der zusammen mit der gehörlosen Patty Shores den DolmetscherInnenstudiengang an der HfH leitet, sagt dazu: «Man dolmetscht ja nicht nur von Sprache A nach Sprache B, sondern immer auch eine Kultur, die vermittle ich stets mit.» Das Kennen beider Kulturen, sagt auch Karin Huwyler, die seit sieben Jahren dolmetscht, sei zentral: «Ohne die Kultur der Gehörlosen zu verstehen, ist Dolmetschen schwierig.» Auch entwickle sich die Sprache laufend, es kommen fast täglich neue Gebärden hinzu – für «Gaddafi» brauchte es ebenso eine wie für «Taliban» oder «Wikileaks».

Lexikon mit allen Dialekten

Auf der Website des Schweizerischen Gehörlosenbundes finden Interessierte das multimediale Gebärdenlexikon für die Schweizer Gebärdensprache inklusive der verschiedenen Dialekte, es wird fortlaufend ergänzt. Entwickelt und definiert werden die Gebärden von Gehörlosen selbst, es gibt einen regen Austausch, auch die DolmetscherInnen sind involviert. Eine wichtige Rolle spielt die «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens. Seit diese in die Gebärdensprache übersetzt wird, müssen teilweise innert Stunden neue Gebärden definiert werden, da in der Sendung immer wieder neue Namen auftauchen. Das passiert oft, indem via Internet, Skype und E-Mail die Community miteinbezogen wird.

Noch zu wenig DolmetscherInnen

Rund 10 000 Gehörlose gibt es in der Schweiz. 52 DolmetscherInnen arbeiten in der Deutschschweiz für sie, 29 in der Romandie und 9 im Tessin. Vermittelt werden sie von der Procom, der Stiftung Kommunikationshilfen für Hörgeschädigte. Die Zahl der Dolmetscheinsätze, die die Procom vermittelt, nimmt (ausser im Tessin) von Jahr zu Jahr zu, 2010 waren es in der Deutschschweiz 9262, in der Romandie 6595.

Das klingt durchaus nach viel, aber der Bedarf wäre noch grösser, sagt Isabella Thuner, die den DolmetscherInnendienst leitet: «Es hat noch immer viel zu wenig Dolmetscher.» Die hörenden ÜbersetzerInnen braucht es im Beruf, in der Ausbildung und auch im Privatleben. Arztbesuche, Termine bei Behörden, Sitzungen am Arbeitsplatz, Weiterbildungen und Kurse, Elternabende oder auch ganze Schultage im Gymnasium – die Einsatzorte sind vielfältig. Und manche Einsätze sehr anspruchsvoll. Thuner: «Speziell, wo Wissen vermittelt wird, sind die Anforderungen sehr hoch, zum einen an die Konzentration, aber auch wegen des Stoffs: Man kann nur übersetzen, was man selbst versteht.» 

Eine vollwertige Sprache

Unterschätzt wird von den Hörenden auch die Komplexität der Gebärdensprache selbst. Sie ist eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik, die sich von derjenigen der Lautsprache unterscheidet. Auch ist die Gebärdensprache nicht so international einheitlich, wie oft angenommen wird. Allein im deutschsprachigen Raum gibt es die deutsche Gebärdensprache, die österreichische und die deutschschweizerische – und in diesen wiederum verschiedene Dialekte.

Die Gebärdensprache sei in etwa so schwierig respektive einfach zu erlernen wie eine andere Fremdsprache, sagen die ExpertInnen. So einfach wie Englisch oder so schwierig wie Chinesisch? «Irgendwo dazwischen», lacht Karin Huwyler. Die Dolmetscherin arbeitete zuvor als Primarlehrerin. Am zweiten Tag nach Beginn eines Schuljahres kam einer ihrer neuen Schüler und sagte: «Für den Elternabend müssen Sie dann übrigens einen Dolmetscher organisieren. Meine Eltern sind gehörlos.» Es dauerte dann nicht lange, bis sie selbst den ersten Kurs in Gebärdensprache besuchte.

Mit jeder Hörenden, die diese Sprache lernt und sogar übersetzt, steht es ein bisschen besser um die Gleichstellung der Gehörlosen in der Gesellschaft.

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