Nr. 39/2011 vom 29.09.2011

Wenn die Weltbank zu Besuch kommt

Der Masoala-Nationalpark in Madagaskar stösst bei vielen ansässigen BäuerInnen auf Ablehnung. Doch sie wehren sich kaum. Eine Ethnologin schildert, warum das so ist.

Von Eva Keller, Ambanizana

Das lokale Radio meldete, die Weissen hätten den Androka gekauft, das Wasser des Bergbachs, der sich bei Ambanizana ins Meer ergiesst. Der Androka, in dessen Mündung sich die Kinder spielend von der Hitze abkühlen, wo die Bauern nach getaner Arbeit ihre Feldfrüchte und sich selbst waschen, wo sich die Frauen des Dorfes beim Kleiderschrubben treffen und dessen sauberes Wasser weitum bekannt ist. Die Vazaha, die «Weissen», hätten den Bach gekauft, für mindestens dreissig Jahre. Wer genau und zu welchem Zweck blieb ungesagt: Es ging um Kanada.

Ambanizana, ein Dorf mit etwa 1200 EinwohnerInnen, liegt an der Westküste der Masoala-Halbinsel in Madagaskar, wenige Kilometer von der Grenze des gleichnamigen Nationalparks entfernt. Seit der Gründung des Parks, der vom Zürcher Zoo mitfinanziert wird, haben sich die Lebensbedingungen für die DorfbewohnerInnen verschlechtert: Sehr viel bewaldetes Land, das die Existenz zukünftiger Generationen hätte sichern sollen, wurde zum Naturschutzgebiet erklärt und ist damit für die landwirtschaftliche Nutzung kompensationslos verloren. Die DorfbewohnerInnen besitzen keine rechtskräftigen Urkunden, die ihren Anspruch auf das Land bescheinigen. Auf den bereits bepflanzten Flächen des ans Dorf angrenzenden Hügellandes dürfen die BäuerInnen nur noch tun, was ihnen die Parkbehörde erlaubt. Die Dorfbevölkerung sieht ihre Existenz bedroht, fühlt sich fremdbestimmt und hegt grosses Misstrauen gegenüber allen, die mit dem Park zu tun haben. Der angekündigte Verkauf des Androka-Wassers stellt für die Menschen im Dorf einen weiteren Akt der Entrechtung dar. Die üblichen Methoden internationaler Organisationen, die soziale Verträglichkeit von Naturschutzprojekten in Ländern wie Madagaskar aufgrund von kurzen Besuchen zu bewerten, ermöglichen es den Betroffenen jedoch nicht, ihre Sorgen zu artikulieren. Zwar werden bei solchen Evaluationen ausgewählte Personen eines Ortes befragt, doch diese halten sich oft mit Kritik zurück – aus guten Gründen, wie folgendes Beispiel zeigt.

Hoher Besuch

Drei Wochen nach der Radiosendung über den Verkauf des Androka kommen zwei der im Dorf permanent stationierten Angestellten des Parks beim Dorfpräsidenten* vorbei, um für den darauffolgenden Tag den Besuch einer hochkarätigen Delegation anzukündigen. Die Delegation wolle sich den Androka ansehen und müsse von den Repräsentanten des Dorfes empfangen werden, um acht Uhr morgens werde das Boot mit den hohen Gästen erwartet. Sofort trifft der Dorfpräsident die nötigen Vorbereitungen.

Am nächsten Morgen kommen mit dreistündiger Verspätung zwei Schnellboote an. Zwei Dutzend Personen steigen aus und waten durch die letzten Meter Meer zum Strand. Unter den Gästen befinden sich neben dem Direktor des Masoala-Nationalparks hochrangige VertreterInnen der madagassischen Nationalparkbehörde und der Weltbank, darunter Idah Pswarayi, die Hauptverantwortliche für die Weltbankprogramme für Umwelt und nachhaltige Entwicklung in 48 afrikanischen Ländern. Zur Delegation, die die Gäste am Strand in Empfang nimmt, gehören die offiziellen Vertreter des Dorfes und der Gemeinde, die zwei erwähnten Parkangestellten sowie eine Handvoll weiterer Personen, die sich dem Trupp spontan angeschlossen haben. Die direkte Begegnung zwischen EntscheidungsträgerInnen einer Organisation wie der Weltbank und Bauern in einem Dorf am Rande des Regenwaldes ist ein seltener Vorfall; in Ambanizana zumindest hat es ein solches Ereignis noch nie gegeben.

Die beiden Delegationen stehen im Kreis auf dem heissen Sand. Der Parkdirektor stellt die Anwesenden einander vor, auf Französisch in die eine Richtung, auf Madagassisch in die andere. Angeregt durch die Fragen von Pswarayi entwickelt sich schnell ein Gespräch. Die Leute vom Dorf erhoffen sich vor allem verlässliche Informationen zum Verkauf des Wassers. Sie seien besorgt und bitten die Gäste, die Dorfbevölkerung zu konsultieren, bevor definitive Entscheide bezüglich ihres Flusses gefällt würden. Um Missverständnisse zu vermeiden, betont Pswarayi, dass die Weltbank mit dem Verkauf des Androka nichts zu tun habe; sie seien gekommen, um allfällige Auswirkungen eines solchen Wasserprivatisierungsprojektes auf die Integrität des Masoala-Nationalparks abzuschätzen, denn die Quelle des Baches liegt innerhalb des Parks. Die Weltbank ist an diversen Naturschutzprojekten in Madagaskar beteiligt.

Dann will Pswarayi wissen, welchen Gewinn die lokale Bevölkerung vom Park habe. Mit solchen Fragen hatte die Dorfdelegation nicht gerechnet. Die Männer tauschen unsichere Blicke aus und beraten flüsternd, wer am besten sprechen solle. Schliesslich gibt der Vizepräsident des Dorfes ein Beispiel für die Art Antwort, die in Ambanizana leicht zynisch zum Genre der «récitation» gezählt wird: Das Dorf habe dank des Parks eine Schule bekommen (in Wahrheit hat die Nationalparkbehörde den Zementboden eines der beiden Schulgebäude bezahlt), ebenso Wasserpumpen (tatsächlich von der Hilfsorganisation Medair bezahlt und installiert) sowie eine Bewässerungsanlage für einige Reisfelder. Es fällt kein kritisches Wort. Gründe, stumm zu bleiben, gibt es zu viele.

Beschönigung aus Angst

Idah Pswarayi merkt allerdings genau, was da vor sich geht. Sie hakt nach und will wissen, ob die Dorfbevölkerung in irgendeiner Weise an der Etablierung des Parks beteiligt gewesen sei. Die Antwort ist ausweichend.

«Wie hätten wir ehrlich sein können, im Beisein des Parkdirektors, der unsere Worte übersetzte?», werden die Männer später sagen. «Wir werden weiterhin in diesem Dorf leben und werden beobachtet. Ausserdem würde es jeden anständigen Menschen beschämen, eine Respektsperson wie den Parkdirektor öffentlich vor den Kopf zu stossen.»

Nach dieser ersten Gesprächsrunde machen sich alle gemeinsam auf den Weg Richtung Quelle des Androka, hüpfen über Steine, schlängeln sich den schmalen Pfad bachaufwärts entlang, durchwaten diverse Rinnsale. Schliesslich erreichen sie eine pittoreske Stelle, wo das Wasser des Androka ein kleines Schwimmbecken geformt hat. Hier findet der zweite Teil der Diskussion statt. Nochmals fragt Pswarayi die Männer des Dorfes, welchen Gewinn die Leute vom Park hätten, worauf ein Sprecher die Vorzüge des Walds vorträgt: Er kühle die Temperaturen, schütze vor Wirbelstürmen und ohne Wald gäbe es kein Wasser. Sie unternimmt weitere Versuche, mehr zu erfahren, aber alle enden in höflicher Récitation. Irgendwann gibt sie auf.

Aus Sicht der Bauern repräsentiert die heutige Delegation die Regierung, und vor dieser haben die Menschen in Madagaskar tendenziell Angst. Sobald sich in Ambanizana ein Besuch von StaatsvertreterInnen aus der Stadt ankündigt und die Leute des Dorfes zu einer Rede gerufen werden, gibt es mit Sicherheit dringende Arbeiten auf den Feldern zu erledigen, sodass sich jeweils nur wenige einfinden. In Masoala wird die allgemein weitverbreitete Furcht vor dem Staat durch die konkreten, negativen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Park zusätzlich verstärkt.

Nach zweistündigem Zusammensein verabschieden sich die Gäste und brausen mit ihren Schnellbooten wieder fort. Betreffend das Projekt, den Androka an «die Weissen» zu verkaufen, ist die Dorfbevölkerung um nichts schlauer geworden.

Diplomatische Antwort

Später finde ich im Internet folgende Informationen: Im Februar 2010 unterzeichneten das madagassische Wasserministerium und die kanadische Firma Global Resource Investments ein Memorandum. Das Abkommen sollte das Unternehmen vorerst für dreissig Jahre berechtigen, Milliarden von Litern Wasser des Androka zu exportieren. Die Destination des nassen Guts bleibt unklar. Der Plan wurde jedoch von der nationalen Umweltkommission, deren Vorsitzende die grüne Parteipräsidentin Saraha Georget Rabearisoa ist, entdeckt und gestoppt. Bis auf weiteres zumindest. Mehr ist zurzeit nicht bekannt.

Nach meiner Rückkehr in die Schweiz kontaktierte ich Idah Pswarayi wie beim Abschied in Ambanizana vereinbart und legte ihr – im expliziten Auftrag der Dorfvertreter – die ungeschminkte Version der Dinge dar: die Verschlechterung der Lebensbedingungen, die der Park für viele Familien verursacht hat, deren Angst um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel und die Bitte, man möge den BäuerInnen ihr Land, von dem ihre Existenz abhängt, nicht wegnehmen. Pswarayis Antwort war prompt, freundlich, diplomatisch: Sie bedanke sich für die Informationen, welche die Parkbehörde und die Weltbank in ihren Bestrebungen nach guten Lösungen für alle Beteiligten gerne berücksichtigen würden. Mein Versuch, mit den WeltbankvertreterInnen in der madagassischen Hauptstadt Kontakt aufzunehmen, blieb erfolglos.

Der Masoala-Nationalpark

Fragwürdige Nachhaltigkeit

Seit Mitte der achtziger Jahre ist die aussergewöhnliche Biodiversität Madagaskars ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt. Entwicklungsprojekte werden seither meist an ökologische Auflagen gekoppelt. 1997 wurde die Hälfte Masoalas – eine von dichtem Regenwald bewachsene Halbinsel im Nordosten des Landes – zu einem streng geschützten Nationalpark erklärt. Die Bevölkerung hat dadurch den Zutritt zu Land verloren, das ihr nach traditionellem Recht gehört. In der Schweiz wurde das Gebiet durch das gleichnamige Gewächshaus im Zürcher Zoo bekannt, der einen grossen Teil der Parkkosten finanziert.

2003 kündete der damalige Staatspräsident Marc Ravalomanana, der mit Unterstützung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds eine ultraliberale Wirtschaftspolitik betrieb, an, die Fläche der geschützten Gebiete Madagaskars innerhalb weniger Jahre zu verdreifachen. Seither wurden diverse neue Schutzgebiete geschaffen; über deren Wirksamkeit und Nachhaltigkeit, auch in ökologischer Hinsicht, sind die Meinungen jedoch geteilt.

Seit Ravalomanana im Frühjahr 2009 nach wochenlangen Protesten der Bevölkerung mithilfe des Militärs vom Oppositionspolitiker Andry Rajoelina aus dem Amt geputscht wurde, grassiert im Land der illegale Tropenholzexport – insbesondere auch auf Masoala. Das Holz geht vor allem nach China.

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