Nr. 46/2016 vom 17.11.2016

«Nichts ist dort unberührt»

Zwischen Gotthard und Splügen, Disentis und Bellinzona soll ein riesiger neuer Nationalpark entstehen. Alibiübung oder Zukunftsprojekt? Nicht einmal Bauern und Hirtinnen sind sich einig.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

«Wir müssen aufhören, Ängste zu schüren und die andere Seite als schlecht darzustellen. Das Schlimmste wäre, wenn der Park die Bevölkerung spalten würde.» Gion Caminada redet den Menschen von Vrin ins Gewissen. Fast alle im Saal kennen ihn, den Architekten, er ist hier aufgewachsen und engagiert sich seit Jahren für Vrin, das hinterste Dorf im Bündner Oberländer Seitental Lugnez. Er hat hier Häuser entworfen, die die alte Holzbauweise mit moderner Architektur verbinden; Wohnhäuser, Ställe, eine Metzgerei, sogar eine Telefonkabine. Und die «stiva da morts» beim Friedhof, ein faszinierendes, bleiches Häuschen, in dem die Toten aufgebahrt werden.

Am 27. November wird Caminadas Heimatdorf abstimmen, zusammen mit sechzehn anderen Bündner und Tessiner Gemeinden. Sie müssen entscheiden, ob sie einen neuen Nationalpark wollen. Seit Monaten wird in Leserbriefen, auf Facebook und Podien über den Parc Adula gestritten. Es wird knapp.

«Sie können Ihre Fragen stellen – räumen Sie Ihre letzten Zweifel aus – bekräftigen Sie Ihre Unterstützung.» So lädt die Parkträgerschaft zum letzten Infoabend vor der Abstimmung ein. Doch in Vrin scheinen die Meinungen gemacht. Zwar sind über hundert Leute in den Gemeindesaal gekommen, aber nur wenige Einheimische melden sich zu Wort, und ihre Zweifel sind ganz und gar nicht ausgeräumt. «Wir haben heute schon Probleme mit WWF und Pro Natura», sagt ein älterer Mann. «Gegen alles machen sie Einsprachen. Wenn der Park kommt, haben wir gar nichts mehr zu sagen.» Auch sein Kollege ist misstrauisch: «Am Anfang hiess es, Kristalle suchen sei in der Kernzone verboten, jetzt ist es doch erlaubt. Aber in zwei, drei Jahren wird Pro Natura sagen, die Strahler richten zu viel Schaden an, und wir stehen mit abgesägten Hosen da.»

Nicht mehr nach Zürich mit dem Fleisch

Parc Adula (grosse Ansicht der Karte)Karte: WOZ, Quelle: Parcadula

Seit 102 Jahren hat die Schweiz einen Nationalpark im Unterengadin. Wohlhabende Naturwissenschaftler aus dem Unterland hatten 1909 den Schweizerischen Bund für Naturschutz gegründet, die heutige Pro Natura, um das Geld für die Pacht des Schutzgebiets aufzutreiben. Wenig später übernahm der Bund die Finanzierung. Der Nationalpark ist ein streng geschütztes Gebiet ohne jede landwirtschaftliche Nutzung, im Winter gesperrt. Zu den Schutzbestimmungen hatten die Einheimischen nichts zu sagen.

Der Parc Adula soll anders werden: demokratisch abgesegnet, getragen von einem Verein aus GemeindevertreterInnen der Region. Zwar hat auch er eine streng geschützte Kernzone. Aber sie beträgt nur 11 Prozent des Parkgebiets: die Greina und das fast weglose Bergland um das 3400 Meter hohe Rheinwaldhorn, italienisch Adula, und zwei Exklaven im Calancatal. Die anderen 89 Prozent des Parks gehören zur Umgebungszone, in der Menschen leben und wirtschaften. Ein riesiges Gebiet: Vrin und Vals, das Rheinwald um Splügen, das obere Misox, das Calanca- und das Bleniotal, der Lukmanierpass und die obere Surselva zwischen Disentis und Trun. Und in der Mitte ein weisses Loch: der Panzerschiessplatz Hinterrhein.

In der Umgebungszone habe die «nachhaltige Nutzung der Ressourcen» oberste Priorität, die lokale Wirtschaft solle gestärkt werden. So steht es in der Charta des neuen Parks. Ähnliche Ziele also wie in regionalen Naturparks und Biosphärenreservaten. An der Veranstaltung in Vrin erzählt Reto Lamprecht, Biobauer aus dem Münstertal, von seinen Erfahrungen mit der Biosfera Val Müstair. «Früher mussten wir fast alles Fleisch nach Zürich oder Bern verkaufen. Heute nehmen es uns vier Hotels im Tal zu guten Preisen ab.» Die Biosfera unterstützt die Familie, die auch Ferien auf dem Bauernhof anbietet, beim Marketing und beim Organisieren von Freiwilligeneinsätzen in der Landschaftspflege. «Als Nächstes planen wir mithilfe der Biosfera eine regionale Metzgerei, damit die Wertschöpfung im Tal bleibt. Wir sind gut damit gefahren.»

Doch die VrinerInnen wirken nicht überzeugt.

Eine der SkeptikerInnen ist Pia Solèr, eine Vrinerin, die selten im Dorf ist: Von Juni bis September hütet sie auf der wilden Alp Scharboda fast tausend Schafe. Im Winter lebt die 45-Jährige in Cons am Weg zur Greina und arbeitet im Wald an der Seilbahn, die die Baumstämme die steilen Hänge herunterholt. Im Frühling und Herbst wohnt sie dazwischen, auf dem Maiensäss Vanescha. Fast zwei Stunden dauert es zu Fuss dort hinauf, vorbei an steilen Wiesen, auf denen nasse Schafe mit winzigen Herbstlämmern weiden, an Wasserfällen und glänzenden Schieferfelsen. Pia Solèr wusste schon früh, dass sie so leben will, nomadisch, mit den Tieren. Seit 24 Jahren geht sie z Alp; ihr Hirtinnenleben hat sie im Buch «Die Weite fühlen» beschrieben. Sie strahlt eine Ruhe aus, die mit diesen Bergen zu tun hat.

«Wenn der Park kommt, verkaufen wir die Seele der Landschaft», sagt Solèr. Sie hat Angst um die Ruhe in diesen versteckten Tälern. Vor zu vielen TouristInnen. «Die Greina ist ja schon voll.» Die meisten, sagt sie, die «mit der Natur leben» – Bäuerinnen, Jäger, Strahler –, seien dagegen. «Wir kommen uns vor wie Indianer, die man bekehren muss.»

Das Seitental von Vanescha würde samt Alp zur Umgebungszone gehören, es gäbe also keine neuen Schutzvorschriften. «Das sagen sie.» Pia Solèr grinst vielsagend. Wie viele VrinerInnen fürchtet sie, dass später, wenn der Park einmal beschlossen ist, die Regeln verschärft werden. Dass die Parkträgerschaft auf viele Bedenken eingegangen ist, macht sie nur misstrauischer. «Sie versuchen, es allen recht zu machen.»

Tatsächlich versucht die Parkträgerschaft, den Einheimischen so weit entgegenzukommen, wie es rechtlich möglich ist. Für die Kernzone sind die Regeln allerdings klar. Sie stehen in der Schweizer Pärkeverordnung von 2007: In der Kernzone darf man sich nur auf Wanderwegen und vorgegebenen Bergsteigerrouten bewegen, keine Hunde mitnehmen, nicht Mountainbike fahren, nicht bauern – mit Ausnahme von «traditionellen Weidenutzungen auf klar begrenzten Flächen». Und eigentlich auch keine Kristalle suchen. Aber weil das Strahlen eine traditionelle, in der Bevölkerung stark verankerte Nutzung sei, hat der Parc Adula dazu eine Sonderregelung eingeführt.

Es gebe keinen Streit in Vrin, sagt Pia Solèr, man rede immer noch miteinander. Doch nach der Infoveranstaltung fällt auf, wie sich die Anwesenden aufteilen: Die einen stehen bei den kalten Platten, die anderen an der Wand, wo der Wein ausgeschenkt wird. «Die Parkgegner boykottieren das Fleisch, weil es von der Vriner Metzgerei stammt, die vom Parc Adula Geld bekommen hat», sagt eine Befürworterin. «‹Nein danke, ich bin Vegetarier›, hat ein Gegner zu mir gesagt. So ein Witz!»

Richtig heftig sei es in der Vorwoche in Sumvitg zugegangen. Dort hätten die GegnerInnen die BefürworterInnen am Reden gehindert. Führender Kopf der GegnerInnen: der Schriftsteller Leo Tuor.

Ein Pakt mit dem Teufel

Tuor lebt mit seiner Familie im winzigen Weiler Val am Eingang des Val Sumvitg, das direkt zur Greina hinaufführt. Vierzehn Jahre lang war er dort oben Schafhirt, die Greina hat ihn zu seinem Roman «Giacumbert Nau» inspiriert, und auch in seinen späteren Büchern spielen die Berge der Surselva eine wichtige Rolle. Sie sind Protagonisten wie die Onkel und Grossmütter, die Jäger, Steinböcke und Schafe, die seine Texte bevölkern. Jäger ist Tuor auch selbst; im Hausgang hängt ein Foto, das ihn mit zwei erlegten Gämsen zeigt. Und er ist Hausmann, gerade hat er seinen jüngsten Sohn in der Schule abgeholt. Der Regen trommelt auf das Dach.

«Wenn der Park kommt, gehe ich nie mehr auf die Greina», sagt Leo Tuor.

In den achtziger Jahren wehrte er sich gegen das Stauseeprojekt, das die Hochebene unter Wasser setzen sollte – viele Einheimische hätten es begrüsst. Anders als andere ParkgegnerInnen argumentiert er auch heute ökologisch. «Wir müssen endlich lernen, dass die Ressourcen der Erde nicht unendlich sind», sagt der 57-Jährige. Der Park helfe nicht dabei. «Er ist eine Alibiübung, die den Unterländern das Gefühl gibt: So, jetzt haben wir da oben etwas für die Natur gemacht, und bei uns unten können wir weitermachen wie bisher. Als Bundesrätin Leuthard im Frühling in Chur über den Park diskutierte, kam sie mit dem Helikopter!» Der Park diene gar nicht dem Naturschutz; die Greina sei ja schon doppelt geschützt: als Landschaft von nationaler Bedeutung und als Jagdbanngebiet. «Es geht bloss ums Marketing.»

In der Schweiz Wildnis fördern zu wollen, findet er absurd. «Unberührte Landschaft – das ist eine Männerfantasie. Nichts ist unberührt dort oben.» Und Wildnis in einem Park sei ein Widerspruch in sich: «Wildnis ist das, was man nicht kontrollieren kann. Wie die Jagd: Man macht am Abend Pläne, geht am Morgen aus dem Haus, und alles kommt ganz anders. Oder wie das Schreiben – das kommt auch immer anders heraus, als ich plane.»

Der Schriftsteller plädiert für Kultur- statt Wildnistourismus: Aus dem leer stehenden Kurhotel Tenigerbad in der Nähe könnte man etwas machen. Oder die Passionsspiele von Sumvitg wiederbeleben. Das wäre doch auch im Park möglich? «Ja. Aber es geht auch ohne. Zu viele Subventionen machen die Leute bloss bequem.»

Manchmal klingt Leo Tuor sehr populistisch, etwa wenn er beklagt, «die Politik» wolle der Region die Identität wegnehmen: «zuerst mit dem Rumantsch Grischun, jetzt mit dem Park». Aber er relativiert gleich wieder: «Das Geschwätz von Freiheit ist Quatsch. Niemand ist frei mit einem Smartphone im Sack.» Viele ParkgegnerInnen sind da weniger differenziert. Ja, für den Kampf gegen den Park wäre er sogar einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, sagt Tuor. Er wollte auch Christoph Blocher an eine Veranstaltung einladen. Aber der hatte keine Zeit. «Pech für ihn. Wir schaffens auch selber.»

Und was geschah in Sumvitg? Wurden wirklich Leute am Reden gehindert? Tuor verteidigt die Gemeindeversammlung: Der Gemeindepräsident habe eigenmächtig sechs Parkbefürworter und -mitarbeiter eingeladen, ohne die Gemeinde zu informieren. «Das war nicht traktandiert. Einer aus dem Dorf hat zu Recht gesagt: ‹Wir sind nicht hier, um uns orientieren zu lassen, sondern um unter uns zu diskutieren.›» Dass die Stimmung aggressiv gewesen sei, bestreitet Tuor nicht: «Ja, sie ist geladen. Seit sechzehn Jahren arbeiten die, haben elf Millionen verbraucht und sagen immer nur die halbe Wahrheit.»

Das sprichwörtliche Misstrauen der BerglerInnen? Nicht nur. Die öffentliche Debatte des letzten Jahrs hat tatsächlich oft nicht zur Klarheit beigetragen. Der grosse Streitpunkt war die Umgebungszone, jene 89 Prozent des Parks, wo Menschen leben. Dort gebe es keinerlei neue Einschränkungen, verspricht die Parkträgerschaft. Remo Fehr, der Vorsteher des Amts für Natur und Umwelt Graubünden, sagte an der Veranstaltung in Vrin sogar: «In der Umgebungszone gibt es keinen Nutzen für Umweltschützer.»

Pro Natura sah das anders. Im Januar griff die Umweltorganisation die Parkträgerschaft direkt an: Die Charta sei «halbherzig, wenn nicht gar ängstlich», und es stimme nicht, dass die Schaffung der Umgebungszone keine rechtlichen Auswirkungen habe. «Gründen wir den Nationalpark, arbeiten wir an den Stärken und merzen die Schwächen aus», sagte Urs Tester von der Pro-Natura-Geschäftsleitung – vielen GegnerInnen gilt dieser Satz bis heute als Beweis, dass ihre Angst vor nachträglichen Verschärfungen gerechtfertigt ist. Im Frühling meldeten sich dann auch noch die Bundesämter für Umwelt und für Raumentwicklung mit ähnlichen Bedenken. Schliesslich trafen sich VertreterInnen des Parks und der beiden Kantone mit Bundesrätin Doris Leuthard – und konnten sich einigen: keine neuen Einschränkungen in der Umgebungszone.

Angst vor toten Dörfern

Die Versammlung in Sumvitg hat Wellen geschlagen. Auch Silvio Pfister hat davon gehört. «Ja, die Sumvitger gelten nicht als die Sanftesten», sagt er. « Aber laut werden kann jeder. Das bringt uns nicht weiter.» Pfister ist Bauer in Schlans in der Surselva, am äussersten Rand der Umgebungszone. Ein kompaktes Dorf am Hang, 300 Meter über dem Rhein, TouristikerInnen würden es «Sonnenterrasse» nennen. Der Vierzigjährige mit dem blonden Pferdeschwanz befürwortet den Parc Adula. Angst vor neuen Vorschriften hat er keine. «Mir wird jetzt schon vorgeschrieben, wann ich mähen muss! Willkommen im Klub! Mit dem Park können wir endlich einmal etwas mitgestalten.» Von der Parkträgerschaft fühlt er sich ernst genommen. «Wir können sogar in zehn Jahren noch einmal abstimmen. Besser gehts nicht!»

Silvio Pfister fährt hinauf zum Maiensäss und pfeift. Nach wenigen Sekunden galoppiert ein Dutzend Pferde heran, kräftige Freiberger und grazile Araber. Pfister will die Leitstute und ihre Tochter hinunter ins Dorf bringen. Nach kurzem Zureden akzeptiert die Mutter das Halfter. Aber der Anhänger gefällt ihr gar nicht. Sie reisst sich los und rennt davon, die Tochter und die Herde auf der anderen Seite des Zaunes hinterher. Zwei Pferde brechen aus und rasen in wildem Galopp zur Leitstute. Erst beim dritten Versuch klappt es mit dem Einladen, aber Pfister verliert nie die Geduld. «Der vorherige Besitzer brauchte dreieinhalb Stunden und musste sie am Schluss betäuben, damit er sie in den Anhänger brachte!»

Da musste einer nicht fortgehen, um seine Träume auszuleben. Silvio Pfister führt die Familientradition weiter, hat aber etwas ganz Eigenes daraus gemacht. Er züchtet und verkauft Pferde, bietet Indianerlager für Kinder an. Seine Freundin, «Hair and Make-up Artist» Najat Zinbi, inszeniert auch mal ein Fotoshooting mit der Pferdeherde. Kühe hält er keine mehr, dafür die seltenen Bündner Oberländer Schafe und Ziegen der Rasse Capra Grigia. Vor dem Haus wühlen drei fette Schweine im Morast. Wenn er schlachtet, hilft die ganze Familie, sechs Brüder und Schwestern mit ihren Kindern. «Das zelebrieren wir wie ein Fest.»

Für den eigenen Hof würde der Parc Adula nicht viel ändern: «Wir sind schon sehr gut unterwegs, haben Kundschaft in der ganzen Schweiz.» Aber Pfister glaubt, dass der Park eine Plattform für andere Höfe, für das Gewerbe und den Tourismus sein könnte. Die Abwanderung macht ihm Sorgen: Im ganzen Tal würden Restaurants und Läden geschlossen. «Früher lebten 150 bis 200 Leute in Schlans, heute noch 70.» Viele Häuser würden als Ferienwohnungen oder Alterssitze verkauft – «richtig lebendig wird das Dorf so nicht». Pfister hofft auf Synergien mit dem Tessin, Arbeit für Schreinereien, Metzgereien, Bäckereien. Dass man in der Umgebungszone ökologisch wirtschaften müsse, findet er selbstverständlich. Auch wenn es manchmal eine Gratwanderung sei, das Gleichgewicht zwischen der Erhaltung der natürlichen Ressourcen und dem wirtschaftlichen Überleben zu finden.

Die Kernzone ist in Schlans allerdings auch weit weg – würde Pfister anders denken, wenn sie vor seiner Haustür begänne? Nein, sagt er. «Ich habe Schafe gehütet dort drüben, auf der Alp Lavaz. Als Hirt war ich ganz froh, wenn die Leute auf den Wegen blieben und nicht die Tiere überall herumscheuchten. Schon heute bleiben fast alle Wanderer auf dem Weg – und für die wenigen anderen muss man auch in Zukunft nicht die Polizei schicken.» Dass sich BergsteigerInnen in der Kernzone an feste Routen halten müssen, findet er ganz gut: «Auch die müssen nicht überall sein. Sonst haben die Wildtiere nirgends mehr Ruhe.» Er ist überzeugt, dass viele GegnerInnen noch gar nie in der Kernzone waren.

Die Doktorandin will zurück

Alte Handelsbeziehungen verbinden die Surselva mit dem Bleniotal auf der anderen Seite der Greina. Im Süden sei die Bevölkerung dem Park gegenüber offener, hiess es am Rand der Veranstaltung in Vrin. Tatsächlich wird das Frühstück in Olivone auf Parc-Adula-Tischsets serviert, Nein-Plakate sieht man im Dorf keine. Aber der Gemeindevorstand der grossen Gemeinde Blenio ist gespalten, drei dafür, zwei dagegen. Blenio ist entscheidend: Wenn man hier Nein sagt, ist der Parc Adula gestorben – die Kernzone wäre zu klein.

Im unteren Bleniotal wachsen Palmen in den Gärten, Reben an den Hängen. Dahinter geht es steil in die Höhe: Laubwald, gelbe Lärchen, dann nur noch Fels. Der Gipfel des Rheinwaldhorns liegt nur sieben Kilometer Luftlinie vom Talboden entfernt, aber fast 3000 Meter höher – dramatische Topografie ist immer eine gute Voraussetzung für vielfältiges Pflanzen- und Tierleben. Auch die Kultur ist eindrücklich: romanische Kirchen, alte Villen, das Archiv des Fotografen Roberto Donetta, ein neues Kulturzentrum in der alten Schokoladefabrik von Dangio-Torre. Ein reiches Erbe, aber der Tourismus darbt. Die WanderInnen steigen von der Greina oder dem Bleniotal-Höhenweg herunter und fahren nach Hause. «Die Berghütten laufen gut», sagt Gianpietro Canepa, der liberale Vizegemeindepräsident von Blenio. «Aber Hotels im Tal haben kaum eine Chance.» Auch bei Post und Kanton gebe es immer weniger Arbeit. Darum hofft Canepa auf den Nationalpark. Er könnte die LandwirtInnen bei der Landschaftspflege unterstützen – «sonst wächst der Wald bald bis ins Dorf». Als Forstunternehmer ist er heute in einer ähnlichen Situation wie ein Bauer: Er lebt von Subventionen, vor allem für den Schutzwald. Denn der Holzpreis ist im Keller.

Und die Jugendlichen des Bleniotals haben offensichtlich kein Vertrauen ins lokale Gewerbe. Sie lernen so fleissig wie niemand sonst in der Schweiz: 64,5 Prozent machen die Matura. Nur im Maggiatal ist die Quote gleich hoch, alle anderen Regionen liegen weit dahinter. «Die meisten kommen nach der Matura nicht zurück», sagt Canepa.

Eine, die zurückkommen will, ist Eva Bianchi. Sie ist zuhinterst im Tal aufgewachsen, in Campo Blenio, wo ein kleines Skigebiet mit Schneekanonen gegen den Klimawandel kämpft. In ihrer Doktorarbeit an der ETH Zürich untersucht die 25-jährige Umweltwissenschaftlerin, wie und warum im Bergwald Bäume sterben – auch in ihrer Heimat.

Bianchi würde gern im Tal leben und arbeiten, wenn sie einen qualifizierten Job bekäme. In einem der geplanten Nationalparkzentren zum Beispiel. Sie engagiert sich in der Gruppe «Junge für den Parc Adula», die zwei Tessiner Jungpolitiker gegründet haben. Neben der Onlinevernetzung setzt die Gruppe auf persönliche Kontakte: «Wir sprechen gezielt Bekannte an, die den Park ablehnen oder noch unentschlossen sind.» Sie sei überrascht, wie einfach sich viele überzeugen liessen. «Oft sind sie einfach schlecht informiert, wissen nicht einmal, wo die Kernzone ist.» Im Gespräch werde ihnen klar, dass der Park keine Bedrohung sei. «Meine Familie hat sogar ein Rustico in der Kernzone. Das dürfen wir weiter nutzen wie bisher.»

Ende Oktober spricht Urs Tester von Pro Natura am Radio über den Parc Adula. Er klingt auffällig versöhnlich, von der harten Kritik vom Frühling ist nichts mehr zu hören – obwohl sich die Parkträgerschaft mit ihrer «halbherzigen» Charta durchgesetzt hat. Es habe keinen Sinn, jetzt nach Haaren in der Suppe zu suchen, sagt Tester auf Anfrage der WOZ.

«Wer einen Nationalpark besucht, erwartet eine Region, in der verantwortungsvoll mit der Natur umgegangen wird – auf der ganzen Fläche», sagt Tester. Da komme es gar nicht so darauf an, ob es in der Umgebungszone neue gesetzliche Regelungen gebe oder nicht. «Mit einem Nationalpark gibt man sich eine gewisse Entwicklungsausrichtung. Und es gibt Dinge, die da schlecht reinpassen. Harter Massentourismus zum Beispiel.» Die Angst, dass Pro Natura über die Umgebungszone wache und jede Entwicklung behindere, sei unbegründet: «Wir prüfen, ob Projekte Natur und Umwelt wesentlich belasten. Wenn dies der Fall ist und ein Verstoss gegen Umweltrecht vorliegt, erheben wir Einsprache. Das machen wir in der ganzen Schweiz – egal ob da ein Nationalpark ist oder nicht.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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