Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Der Igel kugelt

Von Stephan Pörtner

Im Vorgarten eines kurzsichtigen Langzeiturlaubers hatte sich ein Igel eingenistet. Die beiden existierten wochenlang unbemerkt nebeneinander. Eines Abends kreuzte der Igel, der unterwegs zu seinem Abendessen war, auf der Terrasse den Urlauber, der seines bereits eingenommen hatte. Eine Weile erstarrten beide und betrachteten sich abwägend. Natürlich hätte man so tun können, als sei gar nichts, aber der Urlauber musste sich natürlich interessiert herunterbeugen und den Igel so zwingen, sich in die obligate Kugel zu rollen. Davon würde der Urlauber noch jahrelang berichten, und ohne dieses Naturspektakel wären die Ferien ein Flop gewesen. Der Igel hingegen kam zu spät zum Znacht.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen.