Nr. 44/2011 vom 03.11.2011

GA-Freuden

Esther Banz über den Bünzli in ihr

Kürzlich las ich was über Bünzlis. Ich fühlte mich sehr angesprochen. Fragt man mich, was meine Lieblingshobbys sind, sage ich: wandern, jassen, Bahn fahren. Seit ich das SBB-Generalabonnement habe, lasse ich mich in freien Minuten mit RentnerInnen quer durchs Land kutschieren, mache «Ah!» am Bodensee und «Oh!» im Engadin. Gerade eben war ich im Lavaux, zum ersten Mal überhaupt. Und ich verstehe jetzt, weshalb all die internationalen Promis genau da leben wollen. Dieser Weitblick, diese Kulisse, und bestimmt hats ganz in der Nähe einen versteckten Flughafen für Privatflugzeuge, meint meine Kollegin. So wie in Samedan und Gstaad, da bin ich kürzlich auch vorbeigekommen.

Ausserdem spazierte ich von Zug aus auf den Hügel ob der Stadt und wieder runter, direkt in die Altstadt, über eine Wiese mit Schafen und einem Stall, an dem eine richtig grosse Schweizer Fahne hängt. Etwas gar gross ist sie ja, aber dass dieser Hügel noch immer eine Weide ist, mit Schafen und Tränke und einem schmalen Pfad, und nicht längst überbaut wie die Parzellen links und rechts davon, berührte mich sehr.

In den letzten Wochen, als noch Wahlkampf war, fuhr ich auch öfter in den Kanton Schwyz. Sehr nobel. Viele Beton- und Glasvillen. Sehr viele SVP-Plakate auch. Selbst an die Zürcher Goldküste hat es mich verschlagen. Weniger Beton, weniger Glas, mehr hohe Hecken. Auch sehr viele SVP-Plakate, aber wer schaute die noch an? Es kann auch zu viel sein, dachte ich noch vor den Wahlen, wer gibt seine Stimme schon einer Partei, die einen erdrückt mit ihrer permamenten Aufdringlichkeit? Okay, ganz viele habens dann doch getan, aber die Partei, die meint, sie sei das Schweizer Volk, wurde an eine ganz wichtige, ganz bünzlige Schweizer Tugend erinnert: Bescheidenheit, stupid!

Schweizer Bünzlis wie ich denken Sätze wie: «Das GA und Zeit haben – welch grösseren Luxus gibt es?» Oder: «Wenn schon ein eigenes Haus haben, dann doch wenigstens eines mit richtigem Garten.» Es fällt ja auf, dass die neuen Villen, die an diesen Hängen kleben, fast alle so dunkelgrüne, wachsartige Pflanzen auf den Terrassen stehen haben, wie Plastik sehen sie aus, aber sie sind natürlich echt, ein Landschaftsgärtner kommt zweimal die Woche, um zu giessen und zu stutzen. Wie es wohl den Menschen hinter diesen Terrassen geht? Ob der Blick vom Wohnzimmer auf das sterile Grünzeugs sie glücklich macht?

Mit ziemlicher Sicherheit haben diese Menschen schon mal irgendwo gelesen oder gehört, dass Leute wie ich neidisch seien auf Leute wie sie. Und dass wir, diese GA-Bünzlis, uns allein deswegen über Boni ärgern und gegen Pauschalsteuern stimmen.

Als ich im Lavaux übernachtete, in einem Hotel, das um die vorletzte Jahrhundertwende gebaut worden war, und von meinem Balkon aus die Sicht auf den ruhig daliegenden See, die mächtigen Berge, die nun gelb und rot leuchtenden Reben bestaunte, fühlte ich mich wie eine von denen, den Reichen. Es war wunderschön.

Am nächsten Tag begegnete ich unterwegs vom einen Dorf zum andern einer auffällig gekleideten Dame, die am Ende einer straffen Hundeleine darauf konzentriert war, Schritt zu halten, ihren hohen Absätzen und den Pflastersteinen zum Trotz. Als der Hund kackte, kramte sie einen Robidogsack hervor, beugte sich über das Geschäft am Boden, hob es sachte auf und liess sich schliesslich weiterziehen.

In der bünzligen Schweiz gibt es hinsichtlich Kotaufnahmepflicht keine Klassenunterschiede – solange das gilt, halten sich meine Sorgen in Grenzen.

Esther Banz ist freie Journalistin in Zürich.

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