Nr. 44/2011 vom 03.11.2011

Der Truthahn in der Paartherapie

Nicole Ziegler über wahre Probleme in der Ehe

Es roch unglaublich lecker nach Birnen und Speck und Bohnen und irgendeinem Fleisch aus dem Ofen. Sehen konnte ich allerdings nichts, denn das Tier in der Hitze war schön unter einer Alufolie versteckt, damit es ja nicht trocken werde.

Mein lieber Freund Armin stand am Herd, schwitzte und dirigierte vier dampfende Töpfe wie Roy seinen weissen Tiger, kurz bevor dieser ihm den Hals aufbiss. Armins kleine Tochter hängte sich an meinen rechten Arm und schrie «Tacchino! Tacchino!» zu mir hoch. «Echt?», fragte ich sie ungläubig. Sie nickte und schaute ernst. «Da ist ein Truthahn im Ofen?» Armin wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und bejahte.

Ha! Einen Truthahn aus dem Ofen hatte ich noch nie gegessen, und ich fand es sagenhaft, einen zum Abendessen zu bekommen, dazu mit hundert Beilagen. Zum Dessert standen zwei selbst gebackene Kuchen parat, und ich liess mich bei Armins Frau des Langen und Breiten über diese Sensation aus. «Mein Gott», sagte ich zu ihr mit einem Blick auf den in der Küche hantierenden Armin, «er hat ja stundenlang gekocht dafür!» – «Das haben wir in der Therapie auch besprochen», sagte sie und schaute mich ein wenig verzweifelt an. «Du weisst doch, das mit der gemeinsamen Zeit und die gut nutzen und so. Aber wie wollen wir das denn machen, wenn er einen ganzen freien Tag fürs Kochen hergibt.» Ich zuckte mit den Schultern und fand mich ein wenig unsensibel. «Wir hatten abgemacht, dass es heute Abend nur Gschwellti oder sonst was Einfaches gibt und wir dafür am Nachmittag noch was ‹en famille› machen – aber ja, du siehst ja, Armin wollte das lieber nicht.»

Ich wusste nicht recht, was sagen, und ging drum in die Küche: «Kann ich dir was helfen, Armin?» Ich kümmerte mich dann ein bisschen um die Bohnen und fragte nebenbei was zum Truthahn und der Therapie. «Ach, nein», sagte Armin und rührte das Maizena in die Sauce ein, «das haben wir geklärt, weisst du. Ich kann mich so gut entspannen beim Kochen, dass das durchaus unter ‹Quality time› laufen kann. Meinte auch die Therapeutin.» Ach so, dachte ich. Ach so. Armins Frau kam in die Küche, und Armin drückte und knuddelte sie und fragte: «Freust du dich?» Sie strahlte ihn an. «Ja, sehr!», sagte sie, liess sich nochmals drücken, guckte in meine Richtung und flüsterte: «Er ist halt einfach süss, wenn er so entspannt vor seinen Töpfen steht.» Als der Truthahn aus dem Ofen kam, standen wir alle andächtig davor und gratulierten dem Koch von ganzem Herzen.

PS: Achtung! Wer nun Lust bekommen hat, selbst einen mit allerlei Leckereien gestopften Truthahn in den Ofen zu schieben, darf etwas auf keinen Fall vergessen: den Ofen ausmessen und in der Metzgerei einen dazu passenden Vogel bestellen.

Nicole Ziegler lebt und isst in Bern, lässt sich aber auch an anderen Orten zum Essen einladen.

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