Nr. 07/2021 vom 18.02.2021

Paranoia am Herd

Wie ist es, für einen Massenmörder zu kochen? Was haben Diktatoren wie Pol Pot, Idi Amin oder Enver Hoxha gern gegessen? Der polnische Journalist Witold Szablowski hat ihre einstigen Köche befragt.

Von Karin Cerny

Das verrückte Monster: Der ugandische Diktator Idi Amin beisst 1978 in einen Pouletschenkel. Foto: Zuma, Imago

Saddam Hussein war ein schlechter Koch. Aus Propagandagründen zeigte sich der irakische Diktator zwar gerne an der Front, um für seine Soldaten persönlich simple Gerichte zuzubereiten. Aber er war viel zu eitel, um sich auf das Kochen zu konzentrieren. Hussein posierte ausgiebig für Fotos – und verbrannte dabei den Reis. Oder schüttete ein Kilo Salz in den Topf.

Aber wer sagt einem Staatschef, der für seinen Sadismus bekannt ist, dass sein Essen grauenhaft schmeckt? Die Soldaten hätten begeistert ihre Teller geleert, erzählt Abu Ali, der damalige Chefkoch des 2006 hingerichteten Tyrannen, im Buch «How to Feed a Dictator». Der polnische Journalist Witold Szablowski hat vier Jahre lang gebraucht für seine Recherche über die Köche der Diktatoren. Einige haben noch immer mit der Angst zu kämpfen, jederzeit ermordet zu werden – und wollten nicht reden. Andere sind nach wie vor loyal, wie Yong Moeun, die Köchin des Despoten Pol Pot, der in Kambodscha einen Genozid mit gegen zwei Millionen Toten organisierte.

Zeit für ein Dessert

Der ehemalige Koch von Enver Hoxha, dem paranoiden Herrscher der Sozialistischen Volksrepublik Albanien, der in ständiger Furcht lebte, vergiftet zu werden, wollte anonym bleiben. Er erzählt, dass er rund um die Uhr von zwei Geheimpolizisten überwacht wurde, die von zwei weiteren bespitzelt wurden. Was die Laune des Diktators wohl nicht verbessert hat: Er war ständig hungrig; wegen seiner Diabetes-Erkrankung wurde er auf eine strenge Diät von 1500 Kalorien pro Tag gesetzt. Wenn Hoxha aufgrund von Zuckermangel abwesend und wortlos durch die Gänge schlurfte, wusste sein Koch: Es ist Zeit für ein Dessert. Danach war der Diktator wieder bester Laune. «Wer weiss, wie viele Leben ich dadurch gerettet habe», sagt der Koch, der wusste, wie er selber unbeschadet davonkommt: «Wenn ich seine Mutter ersetze, dann werde ich nicht getötet.» Hoxha liebte die Küche seines Heimatdorfs.

Szablowski gelingt in seinem Buch eine faszinierende Balance: Er lässt die Köche in Ich-Form erzählen, beschreibt als politischer Journalist aber auch, wie es sich anfühlt, im zerbombten Irak zu recherchieren. Und er interessiert sich tatsächlich für Kulinarik und kocht gemeinsam mit den Köchen: von Saddam Husseins «Thieves’ Fish Soup» bis zu Pol Pots Papayasalat.

Eines der spannendsten Kapitel beschäftigt sich mit Idi Amin, dem brutalen, durchgeknallten Herrscher von Uganda, der eine seiner Ehefrauen töten und in Stücke zerlegen liess. Von den zahlreichen Morden erfuhr auch sein Leibkoch Otonde Odera. «Er war besessen von Frauen», erzählt er. «Es war unmöglich, ihn abzulehnen.» Die Ehemänner der begehrten Frauen wurden kurzerhand aus dem Weg geräumt. Jeder im Palast wusste, dass sie für ein verrücktes Monster arbeiteten. Nur ein hartnäckiges Gerücht schafft der Koch aus der Welt: dass Idi Amin einen Hang zum Kannibalismus gehabt haben soll. «Ich habe im Kühlschrank nie Fleisch gesehen, dessen Ursprung ich nicht gekannt habe», beteuert er.

Cevapcici für die Queen

Wie waren die gefürchtetsten politischen Massenmörder des 20. Jahrhunderts privat? Eine heikle Frage, die Szablowski da über deren Köche erforschen möchte. Diese sind aber insofern interessante Gesprächspartner, als sie ständig präsent waren und doch im Schatten standen. Jedenfalls ist Szablowski nicht der Erste. Bereits der Journalist Juan Moreno porträtierte in seinem Buch «Teufelsköche. An den heissesten Herden der Welt» (2011) Idi Amins Küchenchef. Spannend ist das 2018 erschienene Werk «Dictators’ Dinners. A Bad Taste Guide to Entertaining Tyrants» von Victoria Clark und Melissa Scott, weil es zahlreiche historische Fotos versammelt. Nachzulesen sind darin auch Rezepte für Kamelfleisch und Couscous, die der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi mochte, oder Erich Honeckers Kassler mit Sauerkraut.

«Tito’s Cookbook» (2005) von Anja Drulovic dokumentiert nicht nur die Gerichte, sondern auch die illustren Staatsgäste des einstigen Partisanenführers Josip Broz Tito. Das Buch zeigt, was aufgetischt wurde, als Queen Elizabeth II. zu Gast war (Cevapcici aus Leskovac) oder als Hollywoodstars wie Elizabeth Taylor und Richard Burton in Titos Villa auf Brioni tafelten (Beefsteak Tatar). Josephine Baker bekam mit Kaviar gefüllte Eier. Schauspielerin Sophia Loren hingegen kehrte die Rollen um: Sie bereitete für Tito und seine Frau Jovanka hausgemachte Pasta zu.

Zurück zu «How to Feed a Dictator». Es war einer dieser Tage, als Saddam Hussein auf seiner Jacht für seine Freunde kochen wollte: Hacktätschli, ein Gericht, bei dem man wenig falsch machen kann, dachte sein Koch. Wenig später kam ein Gruss in die Küche: Köfte für den Koch. «Ich fühlte mich, als würde ich in Flammen aufgehen», erinnert sich Abu Ali: «Es war meine erste Begegnung mit Tabasco-Sauce.» Hussein hatte die Sauce geschenkt bekommen und beschlossen, seinen Gästen und seinem Personal einen Streich zu spielen. Er schüttete die ganze Flasche auf das Grillgut. Und wollte dann wissen, wie es geschmeckt habe.

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