Nr. 25/2012 vom 21.06.2012

Kopfsteinpflasterrinnen

Nicole Ziegler über den «Pinkel dich frei»-Event in Bern.

Von Nicole Ziegler

Ich stand an einer Strassenbiegung in Bern, es war kurz vor Mitternacht, die Strassen hallten voller Musik und waren vollgestopft mit Menschen, die sich freuten und gegen enge Platzverhältnisse und biedere Nachtlebengesetze in der Hauptstadt antanzten, anstiessen und anküssten. Ich merkte gerade, dass ich eigentlich dringend pinkeln müsste, als meine Freundin Eva-Maria mich zum fünfzehnjährigen Sohn irgendeiner Bekannten von ihr zerrte, den sie soeben in der Menge entdeckt hatte. Er war oben ohne, trug ein Stirnband und trank ein Bier.

Eva-Maria drückte und herzte ihn, stellte mich vor und redete dann auf ihn ein. Irgendwann legte er Eva-Maria die Hand auf die Schulter und sagte: «Hey, cool, bist du auch da, meine Mum wäre nie gekommen – jetzt muss ich aber mal weiter, tschühüss, gell.» Er verschwand in der Menge, und Eva-Maria winkte ihm nach.

«So ein herziger junger Mann», sagte sie zu mir. «Ich muss superdringend pinkeln», erwiderte ich. Aber da, wo wir jetzt standen, gab es gerade kein Durchkommen. Im ersten Stock des Hauses, vor dem wir standen, tanzte der Sohn der Bekannten im Fenster, und Hunderte von jungen Menschen kreischten und pfiffen in seine Richtung. Er musste an der Dachrinne hochgeklettert sein, und seine Bewegungen schienen zwar geschmeidig, aber das Fenstersims wirkte nicht allzu breit und vertrauenserweckend.

Eva-Maria klammerte sich an meinem Arm fest. «Jesses, spinnts dem?» – «Lass uns eine Toilette suchen, bitte.» Aber Eva-Maria war nicht vom Fleck zu kriegen. Der Sohn ihrer Bekannten kletterte gerade auf fünf Metern Höhe vom ersten zum zweiten Fenster hinüber. «Ich kann gar nicht hinsehen!», sagte Eva-Maria und starrte wie gebannt auf die Szene. Die Menge rückte zwei Meter vor, der Sohn der Bekannten hatte jetzt gerade zum dritten Fenster gewechselt, und Eva-Maria schrie auf. Neben mir pinkelte ein junger Mann auf den Boden, ein paar Urinspritzer trafen meine nackten Beine.

«Soll ich seine Mutter anrufen?» Eva-Maria schaute mich an. Ich zuckte nur mit den Schultern, ich hatte wirklich andere, drängendere Probleme. Dann schaute sie wieder zum Sohn der Bekannten hoch, der gerade auf einem Bein stand, weil er einen seiner Schuhe verloren hatte. Die Menge kreischte, Eva-Maria auch. Neben mir ging eine junge Frau in die Hocke, zog ihre Unterhose unter dem Rock bis zu den Knien herunter und pinkelte. «Recht geschiehts denen, was tun sie auch so knausrig mit dem Nachtleben!», dachte ich, grinste die junge Frau an und schaute ihrem Urin nach, der sich seinen Weg durch die Rinnen des altehrwürdigen Berner Kopfsteinpflasters suchte.

Nicole Ziegler lebt in Bern und pinkelt 
in ausserordentlichen Notsituationen auch 
mal im McDonald’s.

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