Nr. 48/2011 vom 01.12.2011

Ein Unbequemer

Der Autor und Komponist Georg Kreisler ist zeitlebens heimatlos geblieben. Nun ist der bissige Gesellschaftskritiker mit 89 Jahren in Salzburg verstorben.

Von Sara Winter Sayilir

«Sei nicht so laut, wir sind Juden», sagte die Mutter zum sechsjährigen Georg Kreisler. Das war 1928, und die Kreislers, eine bürgerliche Familie aus Wien, spürten bereits die Vorboten der drohenden Katastrophe. Zehn Jahre später, nach dem «Anschluss» Österreichs an Nazideutschland, flohen sie nach Amerika.

In Hollywood arbeitete der junge Kreisler als Komponist und Klavierspieler unter anderem für Charlie Chaplin, später als Nachtclubsänger in New York. Zuvor, im Jahr 1943, war er zum Kriegsdienst eingezogen worden und hatte später in Deutschland als US-amerikanischer Soldat an den Verhören von Julius Streicher, Hermann Göring und Ernst Kaltenbrunner teilgenommen. Ekel habe er empfunden und keine Einwände gegen die Todesurteile gehabt.

Nach Kriegsende kehrte Kreisler in die USA zurück, wo sich der junge Künstler mit dem auch dort weitverbreiteten Antisemitismus und der bürgerlich-konservativen Atmosphäre der McCarthy-Ära herumplagen musste. Seine bissig-satirischen Lieder kamen nicht an. Die Platte «Please Shoot Your Husband» verstaubte im Regal.

So ging er Mitte der fünfziger Jahre zurück nach Wien, zog später nach München, nach Berlin, Basel und schliesslich nach Salzburg. «Ich bin immer dann weggegangen, wenn ich etwas nicht wollte und das Gefühl hatte, nicht dazuzugehören», sagte er kürzlich in einem Interview mit der Schweizer Onlineplattform Xecutives.net. Die Geschichte habe ihn zu einem Heimatlosen gemacht.

Ein künstlerisches Multitalent

Während Kreisler vor allem für seine bitterbösen und oft humorvollen Lieder bekannt ist («Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen»), sah er sich selbst eher als ernsthafter Künstler, der Opern und Theaterstücke, Romane und Gedichte schreibt. Seelenverwandt sah er sich mit Joachim Ringelnatz und Christian Morgenstern. Seine Einmannoper «Adam Schaf hat Angst» wurde 2002 vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem Chansonnier Tim Fischer berühmt. Der mal als Frau, mal als Mann auftretende Fischer interpretierte auch Kreislers Lieder neu und ungewöhnlich sensibel. Und obwohl es teilweise Liebeslieder waren, flocht Kreisler auch hier Gesellschaftskritik mit ein:
«In der Zeitung stand / die Krise ist gebannt / die Konjunktur ist unserem Land geblieben. 
Leider hat am Strand / irgendein Intrigant das Wort ‹Verlassen› / in den Sand geschrieben», heisst es im Stück «Irgendwo am Strand».

Kreisler verstand sich als politischer Mensch. «Alles, was ich tue, hat damit zu tun, dass wir in einer Welt voll Ungerechtigkeit leben. In einer Welt, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer grösser wird und wir von ein paar Hundert regiert werden», sagte er im Juli in einem Interview mit der «Zeit» – «und das bringt mich auf.»

Gegen die «Blumengiesser»

So war er auch der beschaulichen Schweiz irgendwann überdrüssig, wohin er 1992 mit seiner vierten Ehefrau Barbara Peters gezogen war. Ihm sei mit der Zeit bewusst geworden, «dass die Schweizer eigentlich sehr dazu tendieren, sich in ihren eigenen ‹Teig› zurückzuziehen, und Ausländer Ausländer sein lassen.» Die Schweizer seien einfach nicht ausländerfreundlich. 2007 zog das Paar zurück nach Österreich.

Einige markante Lieder des produktiven Multitalents Kreisler handeln von seiner Geburtsstadt Wien. Sie heissen nicht zufällig «Der Tod, das muss ein Wiener sein» und «Wie schön wäre Wien ohne Wiener». Kreisler nahm den ÖsterreicherInnen übel, dass sie sich nicht ausreichend mit ihrer Nazivergangenheit auseinandergesetzt hatten. Dem Nachkriegswien attestierte er eine spiessige Gemütlichkeit, eine «Blumengiesser»-Mentalität, mit der über die Vergangenheit hinweggetäuscht werden sollte.

Dementsprechend hatte Kreisler es in Wien – wie auch an anderen Orten – schwer, künstlerisch Fuss zu fassen. Leichte Unterhaltung war gefragt, und nicht etwa die Stücke eines Unbequemen. Das Fernsehen und die Theater straften ihn mit Ignoranz oder sogar mit Zensur. «Wer gegen den Mainstream schreibt, wird abserviert», war der Anarchismussympathisant überzeugt. Nur sein Publikum dankte ihm seine Ausdauer – und machte ihn über Mundpropaganda bekannt.

Erst in hohem Alter erfuhr Kreisler auch von offizieller Seite her Wertschätzung. Da war es aber schon zu spät. Er wollte sie nicht mehr. Und auch wenn Österreich heute gerne stolz auf den Wiener Aussenseiter wäre, so verpasste man zu Kreislers Lebzeiten die Chance, sich mit ihm auszusöhnen.

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