Nr. 48/2011 vom 01.12.2011

Lang wird Pakistan nicht böse sein

Ein Nato-Angriff auf zwei pakistanische Grenzposten am Samstag hat in der Hauptstadt Islamabad Zorn ausgelöst. Letztlich könnte Pakistan aber von der Krise profitieren.

Beim Angriff eines Nato-Hubschraubers im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan wurden am letzten Samstag 24 pakistanische Soldaten getötet und 13 weitere verletzt. Noch ist unklar, was genau geschah. Doch handelt es sich bei dem Angriff um den schwersten Zwischenfall seit Ende 2001, als die USA und Pakistan ihre Allianz gegen den Terrorismus schmiedeten. Islamabad reagierte postwendend: Es schloss die beiden Nato-Nachschubrouten nach Afghanistan und befahl den USA, einen Luftwaffenstützpunkt in der südwestlichen Provinz Belutschistan zu räumen. Zudem kündigte Pakistan an, seine Partnerschaft mit den USA zu überdenken und die Bonner Afghanistan-Konferenz von nächster Woche zu boykottieren.

Es werde keine Rückkehr zur Normalität geben, sagte Premierminister Yusuf Raza Gilani gegenüber dem US-Fernsehsender CNN. Die USA und die Nato sind ihrerseits um Schadensbegrenzung bemüht: Die Nato hat sich für die Opfer entschuldigt und eine umgehende Untersuchung angekündigt. US-Präsident Barack Obama nannte den Vorfall eine Tragödie.

Pakistan wird für den blutigen Zwischenfall von den USA Zugeständnisse fordern: Islamabad will stärker in die Suche nach einer politischen Lösung im Afghanistan-Konflikt einbezogen werden. Geheime Gesprächsversuche mit Afghanistans Taliban fanden bisher ohne Pakistan statt. Denn die USA werfen den pakistanischen Sicherheitsbehörden vor, nicht entschieden gegen die Aufständischen vorzugehen, die sich in den Stammesgebieten im Nordwesten Pakistans verstecken.

Die Stammesregion Mohmand, in der sich der jüngste Nato-Angriff ereignete, liegt auch im Nordwesten und ist eine der unruhigsten Regionen Pakistans. Die pakistanische Armee geht dort regelmässig gegen Taliban vor. Mohmand grenzt an die afghanische Provinz Nuristan, die fast vollständig von den Taliban kontrolliert ist und auch als Rückzugsgebiet für jene Aufständischen gilt, die gegen den pakistanischen Staat kämpfen. Die schlecht gesicherte Grenze in der unzugänglichen Bergregion gilt als Transitroute für verschiedene Talibangruppierungen in der Region.

Pakistan fordert schon seit einiger Zeit Zugang zu US-Geheimdienstinformationen über das umstrittene Drohnenprogramm in den Stammesgebieten. Die USA nehmen dort seit 2004 hochrangige Terroristen mit den unbemannten Flugzeugen ins Visier, Obama hat die Angriffe gar intensiviert. Dabei kommen immer wieder Zivilpersonen ums Leben, was die pakistanische Bevölkerung aufwühlt und so auch Pakistans Militärführung unter Druck bringt.

Islamabad protestiert immer wieder öffentlich gegen die Drohnenangriffe, doch im Stillen werden sie geduldet. Hinter verschlossenen Türen fordert Pakistan von den USA eine Mitsprache in der Auswahl der Ziele solcher Attacken. Denn die Drohnen richten sich vor allem gegen Terroristen, die in Afghanistan westliche Truppen angreifen und sich dann wieder in Pakistans Stammesgebiete zurückziehen, wie etwa jene des Haqqani-Clans. Gegen diesen vorzugehen, ist nicht im Interesse Pakistans, da er nur in Afghanistan Terroranschläge verübt.

Die jetzige Krise bietet Pakistan auch die Gelegenheit, auf die regelmässige Überweisung der US-Militärhilfe zu drängen, die in jüngerer Zeit nur unregelmässig geschah – und zeitweise gar suspendiert wurde.

Der Nato-Angriff ist der jüngste Vorfall in einer Serie von Ereignissen, die zwischen den USA und Pakistan für eine zunehmend angespannte Stimmung sorgen. Im Januar dieses Jahres wurde ein CIA-Mitarbeiter wegen der Erschiessung zweier Pakistaner in Lahore verhaftet, was zu einer diplomatischen Krise führte. Anfang Mai drang ein US-Spezialkommando in Pakistan ein und tötete Al-Kaida-Chef Osama bin Laden, was Pakistans Militärführung schwer beschämte und erschütterte. Und vor zwei Monaten erzürnte dann der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte Mike Mullen Islamabads Machthaber mit dem Vorwurf, der pakistanische Geheimdienst unterstütze das Haqqani-Netzwerk bei Angriffen auf US-Einrichtungen in Afghanistan.

Doch Washington und Islamabad haben sich bisher nach jeder Krise wieder zusammengerauft. Und das wird auch dieses Mal der Fall sein. Denn sie sind aufeinander angewiesen. Die USA brauchen Pakistan im Kampf gegen Terrorismus; und mit dem geplanten Truppenrückzug aus Afghanistan kommt Pakistan eine umso grössere Rolle in der Region zu. Pakistan kann seinerseits nicht auf die milliardenschwere US-Militärhilfe und die zivilen Hilfsprogramme verzichten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch