Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

«Man würde mich nicht gleich erschiessen»

Geht es nach der staatspolitischen Kommission des Ständerats, sind Desertion und Wehrdienstverweigerung keine Asylgründe mehr. Das Beispiel des eritreischen Flüchtlings Tirah Fisehaye zeigt, was diese unmenschliche Praxis bedeuten würde.

Von Patrik Maillard

«Wenn ich jetzt nach Eritrea zurückmüsste, wäre ich in drei, vier Jahren ein toter Mann», sagt Tirag Fisehaye beim Gespräch in einem St. Galler Café. Fisehaye ist dreissig Jahre alt und lebt seit fünf Jahren als vorläufig aufgenommener Ausländer in der Schweiz. Der schlanke, gross gewachsene Eritreer mit feinen Gesichtszügen spricht fliessend Deutsch. Er arbeitet Teilzeit als Dolmetscher und auch als Mediator für die Aidshilfe. In der Freizeit spielt er Basketball und unterrichtet eritreische Kinder in Tigrinya, einer der neun Landessprachen von Eritrea. Er ist politisch nicht aktiv, wenn er sich aber mit Landsleuten trifft oder mit Schweizer BehördenvertreterInnen spricht, erzählt er offen seine Geschichte und seine Einschätzung der politischen Situation in Eritrea.

Militärdienst in alle Ewigkeit

Tirag Fisehaye studierte vier Jahre an der Universität von Asmara Soziologie und Anthropologie. Danach begann er ein Praktikum in einem Ministerium. Im Jahr 2001 sollte er plötzlich unentgeltlich arbeiten. Gemeinsam mit anderen betroffenen PraktikantInnen weigerte er sich. Doch niemand kritisiere in Eritrea ungestraft den Staat, erklärt Fisehaye. Alle beteiligten PraktikantInnen seien sofort inhaftiert und ins Gefängnis von Wia in der südlichen Wüste von Eritrea gebracht worden. Zwei Monate seien sie dort gewesen, zwei Studienkollegen überlebten die Haft wegen der glühenden Hitze nicht. «Danach mussten wir das Praktikum fortsetzen und wurden nach einem Jahr allesamt auf Geheiss der Regierung in die Armee geschickt.» Dies, obwohl AkademikerInnen in der Regel vom Staat nur in zivilen Funktionen eingesetzt würden.

Was es bedeute, ins Militär zu müssen, hat Tirag Fisehaye bereits zuvor in seiner Familie hautnah mitbekommen. «Einer meiner Brüder ist mittlerweile seit fünfzehn Jahren in der Armee, hat kaum Urlaub und bekommt keinen Lohn. Die Dauer des Militärdienstes ist in Eritrea unbegrenzt.» Der junge Tirag Fisehaye musste in die Kaserne, um dort SoldatInnen in Englisch und Geschichte zu unterrichten.

Fast zwei Jahre habe er in dieser riesigen Kaserne verbracht, berichtet Tirag Fisehaye, bis er eines Tages nicht mehr von seinem Urlaub zurückgekehrt sei. «Ich hatte Glück, fand Arbeit bei einer NGO und lebte ein Jahr lang unerkannt im Land. Doch dann wurde ich während eines Besuchs im Elternhaus verhaftet.» Er wurde zurück in dieselbe Kaserne verfrachtet, in der er zuvor Dienst geleistet hatte. «Ein Uniformierter in einem Büro beschuldigte mich der Desertion. Eine Anhörung gab es nicht, geschweige denn einen Verteidiger. Wie lange die Strafe dauern würde, konnte mir der Mann nicht sagen.»

Fisehaye wurde in eine kleine Zelle gesperrt, zusammen mit rund zwanzig anderen Männern. «Drinnen war es sehr heiss, so etwas wie Hofgang gab es nicht. Nach draussen konnten wir nur, um schwere körperliche Arbeit zu verrichten.» Zu essen habe es einmal täglich Linsen gegeben, die beiden anderen Mahlzeiten hätten aus Brot und Tee bestanden.

«Fast jeden Tag dachte ich an Flucht», sagt Fisehaye. Vierzehn Monate war er im Kerker, dann gelang es ihm dank der Hilfe eines befreundeten Soldaten, aus der schwer bewachten Kaserne zu fliehen. «Nach vier Tagen Fussmarsch war ich im Sudan. Der Sudan lieferte damals keine Eritreer aus, weil die Beziehungen zwischen beiden Ländern angespannt waren.» Nach einigen Monaten seien aber wieder Flüchtlinge zurückgeschafft worden. Fisehaye durchquerte Libyen und wagte die lebensgefährliche Überfahrt in einem kleinen Boot nach Sizilien. «Von dort aus bin ich in die Schweiz eingereist. Nach sechs Jahren als Papierloser konnte ich mich, nachdem ich einen Antrag auf Asyl gestellt hatte, endlich ohne Angst in Kreuzlingen bewegen.»

Vorläufig aufgenommen

Tirag Fisehaye hat in der Schweiz den Status eines «vorläufig aufgenommenen Ausländers». Wenn sich die Situation in seinem Heimatland so weit verbessert habe, dass er sich frei bewegen könne und keine Repressalien zu befürchten habe, wolle er zurückkehren. Natürlich gehe es Eritrea wirtschaftlich schlecht, aber das sei eine Folge des totalitären Regimes, das jede Entwicklung verhindere. «Kaum jemand flüchtet aus finanziellen Gründen aus Eritrea. Es findet seit Jahren ein grosser Exodus in die Nachbarländer statt, wo es die Flüchtlinge materiell wesentlich schlechter haben als zu Hause.» Die Menschen, die in Massen das Land verliessen, würden sich nach nichts mehr sehnen als nach der Freiheit.

Warum ist Fisehaye überzeugt, dass er in Eritrea nicht überleben würde? «Man würde mich nicht gleich erschiessen, sie würden mich in ein Gefängnis stecken unter Bedingungen, die kein Mensch auf Dauer überleben kann. Ich habe mich darauf eingestellt, meine Familie für lange Zeit nicht mehr zu sehen.»

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