Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

Teures Öl und eine billige Armbanduhr

In fünfzehn Jahren vom lokalen Unternehmen zum weltweit drittgrössten Ölhändler: Das ist der Rohstoffriese Gunvor mit Sitz in Genf. In der russischen Energiebranche ist vieles möglich, wenn man über die richtigen Beziehungen verfügt.

Von Stefan Howald

«Die grossen Mengen gehandelten Öls führten angeblich zu riesigen Profiten für Gunvor und ihre geheimen Besitzer, zu denen laut Gerüchten auch Premierminister Putin gehört.» Das vermeldete der US-Botschafter John Beyrle im September 2008 aus Moskau nach Washington, in einer vertraulichen Depesche, die dieses Jahr von Wikileaks öffentlich gemacht wurde. Und im November doppelte er nach: «Von speziellem Interesse im russischen Ölhandel ist die Schweizer Firma Gunvor. Laut Gerüchten ist sie eine der Quellen für Putins geheimes ­Vermögen.»

Washingtons Interesse war verständlich: Gunvor ist seit der Gründung 1997 zum wichtigsten Vermittler russischen Erdöls und zum drittgrössten Erdölhändler weltweit aufgestiegen. Gerüchte über enge Beziehungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin, über eine direkte Beteiligung an Gunvor oder zumindest politische Patronage durch diesen, begleiteten die Firma von Anfang an.

Seinen Hauptsitz hat das Unternehmen in Genf. Die Muttergesellschaft ist in Amsterdam beheimatet, deren Besitzerin wiederum ist in Zypern registriert. 2008 hat die britische «Financial Times» hinter der zypriotischen Firma eine weitere Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands entdeckt. Das ist eine übliche Konstruktion zur Verschiebung von Gewinnen innerhalb eines Konzerns, um die Steuern zu minimieren, wie die Erklärung von Bern in ihrem Buch «Rohstoff» über die Rohstoffbranche in der Schweiz belegt (vgl. «Dreckige Rohstoffe»). Der milliardenschwere Haupt­aktionär von Gunvor ist allerdings unzweifelhaft in Genf niedergelassen. Zu vorteilhaften Pauschalbesteuerungen, natürlich. Sein Name: Gennadi Timtschenko.

Karrieren im Gleichschritt

Gunvor-Mitgründer und Mitbesitzer Tim­tschenko, 59, hat Elektromechanik studiert. Ab 1984 arbeitete er im sowjetischen Aussenhandelsministerium im damaligen Leningrad (heute St. Petersburg). Zur Zeit der zerfallen­den sowjetischen Planwirtschaft baute er eine private Verkaufsorganisation für eine kleinere Ölraffinerie auf. Ab 1991 ist die Beziehung zum gegenwärtigen russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin aktenkundig: Putin, damals verantwortlich für Aussenhandelsbeziehungen in St. Petersburg, schanzte Tim­tschenkos Verkaufsfirma eine Lizenz für Öl­exporte zu. 1992 waren Timtschenko und Putin bei einer Firma beteiligt, die eine Ölraffinerie aufbauen sollte. Danach wirkte Timtschenko vor allem im baltischen Raum. 1994 siedelte er nach Finnland über und arbeitete mit dem einzigen verbliebenen russischen Staatsbetrieb zusammen. 1997 führte er seine Aktivitäten in Gunvor über, eine Firma, die er zusammen mit dem schwedischen Ölhändler Torbjörn Törn­qvist gegründet hatte.

Ein Jahr später sponserte Timtschenko den Judoklub eines Jugendfreunds von Putin – Putin selbst, Träger des schwarzen Gürtels, wurde Ehrenpräsident des Klubs. Gerüchte, wonach er Putin seit gemeinsamen Zeiten im sowjetischen Geheimdienst kenne, bestreitet Timtschenko vehement. Tatsächlich ist es wenig wahrscheinlich, dass Timtschenko beim KGB war. Die Beziehungen zu Putin sind seit je überwiegend geschäftlich. Im Judoklub traf er sich mit den Geschäftsleuten, die Putin damals um sich versammelt hatte. Die Karrieren der beiden vollzogen sich danach in bemerkenswertem Gleichschritt.
1999 nahm Timtschenko die finnische Staatsbürgerschaft an. Sein Einkommen stieg laut finnischen Steuerinformationen in zwei Jahren auf das Zehnfache. Doch fand er den finnischen Fiskus allzu begehrlich. Glück­licherweise gibt es die Schweiz: 2002 zog Tim­tschenko deshalb nach Genf und kaufte 2003 in Cologny eine Villa für 18 Millionen Franken. Seither zahlt er in der Genfer Gemeinde eine Steuerpauschale.

Die Wahl von Genf war nicht zufällig. Hier sitzen zahlreiche grosse Rohstofffirmen. Mittlerweile werden rund 75 Prozent der russischen Ölexporte über Genf abgewickelt, vom weltweiten Handel sind es 35 Prozent – deutlich mehr als via London. Genf weist eine breite spezialisierte Infrastruktur auf, von Banken über Versicherungen und BeraterInnen bis hin zu den eigentlichen HändlerInnen. Rund 500 Firmen mit geschätzten 10 000 Arbeitsplätzen sind im Rohstoffgeschäft tätig. An der glamourösen Rue du Rhône 81 bis 84 arbeiten 200 der weltweit 500 Angestellten von Gunvor.

Ein neuer Oligarch

Laut Firmensprecher Patrick d’Ancona besitzen Gennadi Timtschenko und Tornbörg Törnqvist «je 45 Prozent der Aktien», während die restlichen zehn Prozent bei einem «Angestelltentrust für höhere Kader» in St. Petersburg liegen. 2008 hatte Törnqvist noch von einem anonym bleibenden dritten Privataktionär in St. Petersburg gesprochen. Der wurde gerüchteweise immer wieder mit Putin identifiziert.

Tatsächlich erfolgte für Gunvor ein Quantensprung, als der damalige Staatspräsident Putin 2003 die Renationalisierung der in den neunziger Jahren privatisierten Energieindus­trie begann. Der Gaskonzern Sibneft und der Erdölkonzern Yukos wurden zerschlagen und Yukos’ schwerreicher Besitzer Michail Chodorkowski ins Gefängnis geworfen. Die Pfründe der neu-alten Staatsbetriebe wurden an eine neue Generation von Oligarchen verschachert. Bislang hatten die Konzerne ihr Öl selber gehandelt. Jetzt begannen Rosneft und Gasprom plötzlich, unabhängige Händler zu benutzen. Darunter an vorderster Stelle Gunvor. Deren Umsatz stieg zwischen 2004 und 2007 von 5 auf 43 Milliarden US-Dollar.

Notorisch volatil

Als Trader besitzt die Firma wegen ihrer Zuverlässigkeit einen guten Ruf. Umstritten sind die Mittel, mit denen diese Zuverlässigkeit zuweilen erreicht wird. Die russische Energie­branche ist von persönlichen Rivalitäten und notorischen Feindschaften durchzogen. Frühere Oligarchen sitzen im Gefängnis oder im Exil. Ehemalige Geschäftspartner verklagen sich in verschiedenen Gerichtshöfen dieser Welt. Gunvor wird immer wieder genannt, wenn es um angebliche bevorzugte Behandlungen geht. 2007 zum Beispiel, als Russland wegen eines Streits mit Estland plötzlich dringende Reparaturarbeiten an der Haupteisenbahnverbindung zwischen den beiden Ländern ankündigte. Während Transporte zweier Rivalen praktisch versiegten, erfolgten die von Gunvor pünktlich wie immer.

Angesichts der fluktuierenden Ölpreise sind die Umsätze in der Branche notorisch volatil. 2008 erzielte Gunvor einen Umsatz von 65 Milliarden US-Dollar. 2009 waren es nur noch 53 Milliarden, obwohl die umgeschlagene Menge um zehn Prozent gesteigert worden war. Für 2010 wird ein Anstieg der umgeschlagenen Güter auf 116 Millionen Tonnen und ein von 53 Milliarden auf erneut 65 Milliarden US-Dollar gesteigerter Umsatz ausgewiesen.

Laut Firmensprecher d’Ancona dürften die Ergebnisse für 2011 «angesichts verschärfter Konkurrenzbedingungen» leicht unter dem Vorjahr liegen. Die Gewinnmargen sind relativ gering, angesichts der Riesenumsätze aber beträchtlich. Zahlen werden von Gunvor allerdings «nicht veröffentlicht». Für 2008 wurden in verschiedenen Berichten mehrere Milliarden herumgeboten; worauf der Konzern in Richtigstellungen von «mehreren hundert Millionen» sprach. Im neusten «Bilanz»-Ranking der Reichsten in der Schweiz figuriert Timtschenko jedenfalls mit vier bis fünf Milliarden Franken, wobei er mit seinem Fonds Volga Resources weitere Beteiligungen hält. Sein Partner Torbjörn Törnqvist muss sich mit zwei bis drei Milliarden begnügen.

Seit einiger Zeit bewegt sich Gunvor vom reinen Handel weg und beteiligt sich an Häfen und Erdölraffinerien, aber auch an Kohleminen in den USA, in Südafrika und Russland. Besonders bedeutsam ist der zu hundert Prozent im Eigenbesitz befindliche neue Ölterminal in Ust-Luga im Golf von Finnland. Da schlägt ein neuer, kapitalistisch gehärteter Nationalismus durch: Handelsmultis wie Vitol und Glencore sollen durch ein vertikal organisiertes russisches Handelsunternehmen verdrängt werden.

Diskret und bildungsbeflissen

Wie seine Firma Gunvor ist ihr Gründer Gennadi Tim­tschenko äusserst diskret. Als Person gibt er sich geradezu bescheiden. In einem Porträt meint ein Nachbar aus Cologny, der Multimilliardär Timtschenko trage sogar eine billige Armbanduhr – man stelle sich das vor.

Cologny: In diesem Dorf am südlichen Ufer entwarf einst, 1816, Mary Wollstonecraft Shelley ihren «Frankenstein oder der moderne Prometheus». Der Prometheus ist längst als Finanzmonster zurückgekehrt. Ein paar Dutzend der rund 5000 EinwohnerInnen besitzen zusammen ein Milliardenvermögen im zweistelligen Bereich.

Timtschenko wohnt beinahe seit zehn Jahre hier. Er war einer der ersten Geschäftsleute aus der ehemaligen Sowjet­union, die sich in der Nähe von Genf niederliessen, und der Kaufpreis von 18 Millionen für sein Haus nimmt sich mittlerweile geradezu bescheiden aus. Übertroffen worden ist er seither etwa von Iljias Krapunow mit einer Villa im Wert von 32 Millionen Franken (siehe WOZ Nr. 49/10). In den letzten Jahren wurden in Cologny ein ­Dutzend Villen für rund 250 Millionen Franken gekauft. 2008 schenkte Tim­tschenko ­seiner Tochter Xenia zu deren 23. Geburtstag eine Villa im Wert von 30 Millionen Franken.

Torbjörn Törnqvist seinerseits besitzt eine Villa vis-à-vis von Timtschenko. Er hat kürzlich mit einem der Spielchen für Superreiche begonnen und will mit seinem Team Artemis Racing beim America’s Cup mitsegeln.

Da gibt sich Timtschenko vornehmer und bildungsbeflissener. Im gleichen Jahr, in dem er seine Tochter so grosszügig beschenkte, gründete er die Stiftung Neva. Diese bemüht sich um kulturelle Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz und fördert neue Techno­logien, «um die Unglücklichsten auf der Erde zu schützen». Bislang unterstützt worden sind etwa die Genfer Oper sowie andere Musik- und Kunstinstitute. Seit September dieses Jahres wird zudem an der Ecole polytechnique de l’Université de Lausanne (EPUL) ein Lehrstuhl finanziert, der sich vor allem der Diabetes­bekämpfung widmen soll. Was Timtschenko und seine Firma dem Staat an Steuern ent­ziehen, kehrt zum Teil als Wohltätigkeit zurück; und schafft durch eine privat finanzierte Wissenschaft zugleich neue Abhängigkeiten.

Dieser Artikel enthält Aussagen, die von der russischen Erdölfirma Gunvor bestritten werden:

Stellungnahme der Gunvor Group Ltd

Die im WOZ-Artikel «Teures Öl und billige Armbanduhr» (WOZ Nr. 49/11 vom 8. Dezember 2011) zitierten Gerüchte, dass der russische Premierminister Wladimir Putin in irgendeiner Form an der Ölhandelsfirma Gunvor beteiligt gewesen sei oder ist, entbehren jeder Grundlage. Weder Premierminister Putin noch eine mit ihm verbundene Person waren oder sind Begünstigte dieses Unternehmens oder seiner Aktivitäten.

Herr Guennadi Timtschenko, einer der Gesellschafter von Gunvor, ist Wladimir Putin erstmals in den frühen neunziger Jahren begegnet, als dieser im Büro des Bürgermeisters von St. Petersburg tätig und Guennadi Timtschenko Mitarbeiter der Handelsgesellschaft Kirishineftechimexport war. Herr Putin hat Herrn Timtschenkos Firma nie Verkaufsquoten gewährt, wie im Artikel behauptet wird.

Die Beziehung zwischen Guennadi Timtschenko und Premierminister Wladimir Putin ist nicht, wie behauptet, «geschäftlich», sondern lässt sich am besten als lose Bekanntschaft bezeichnen.

Auch das Gerücht, dass die Firma Gunvor 2007 eine Sonderbehandlung beim Transport von Erdöl zwischen Russland und Estland genossen habe, trifft nicht zu.

Gunvor ist ein gut geführtes, diversifiziertes Unternehmen, das weltweit mit Öl handelt. Das rasche Wachstum nach 2000 entspricht dem Trend in der Branche, in der ganz ähnliche Wachstumsverläufe auch bei anderen, nicht-russischen Ölhandelsgesellschaften zu beobachten waren. Gunvor ist in der Rohstoffbranche sehr angesehen und bezahlt als bedeutender Arbeitgeber in Genf und der Schweiz ordnungsgemäss Steuern.

Genf, 26.1.2012, Gunvor Group Ltd

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