Nr. 50/2011 vom 15.12.2011

Die reinigende Kraft des Geheuls

Mit dem Saxofonisten Albert Ayler (1936–1970) hätte ich es nicht lange in einem Raum ausgehalten. Sein spirituell-christliches Gerede würde mich ratlos oder aggressiv machen. So erging es mir auch irgendwann mit dem immer öfter trunkenen Geschwätz meines Jugendfreundes Lutz. Als Lutz und ich um die zwanzig waren, entdeckten wir gemeinsam den Free Jazz. Wenn man in den achtziger Jahren im Ruhrgebiet aufwuchs, konnte man leicht ein Bedürfnis nach Katharsis entwickeln. Bei dieser Musik schien es darum zu gehen, den Schmerz angesichts der Welt in einen existenziellen Schrei münden zu lassen – in Form der Pianocluster eines Cecil Taylor, der heiseren Wut eines Archie Shepp oder des Herumreitens auf gequälten Tönen, wie es der späte John Coltrane pflegte.

Aber niemand liess uns so in Ekstase geraten wie Albert Ayler, der direkt mit unserer Seele zu kommunizieren schien – wir waren für Pathos empfänglich.

Da war Aylers Ton: Ungeheuer laut – und mit einem wahnsinnigen Vibrato. Die Stücke begannen oft mit Melodien aus dem kollektiven Gedächtnis – Militärmärsche, Kinderlieder: zum Weinen schön, hart an der Grenze zum Kitsch. Doch das waren nur Präludien zu den darauf losbrechenden Splitter- und Spaltklängen, dem apokalyptischen Schlagzeugdonner und dem lebensbejahenden Geheul. Und wenn im Stück keine Steigerung mehr möglich war, kehrten die unschuldigen Liedchen zurück – und wir sassen erschöpft auf dem Teppich: ideale Begräbnismusik, fanden wir. Lutz wünschte sich für den Tag seines Todes «Truth Is Marching In».

Lutz wurde Alkoholiker, und niemand konnte ihm helfen. Ich hatte meine eigenen Probleme, zog in die Schweiz und liess alles zurück. Vor fünfzehn Jahren hörte ich, der Arzt gebe Lutz noch ein Jahr. Dann hörte ich nichts mehr und wollte mich auch nirgends erkundigen.

Ayler hat mich nie verlassen, noch immer muss ich ab und an gereinigt werden. Vor zehn Tagen erstand ich dann die HatHut-CD mit bis anhin unveröffentlichten Konzerten und tauchte wieder ein: Nein, es gibt keine Musik, die ist wie diese, und es wird niemals mehr eine solche geben. Aber «Truth Is Marching In» werde ich so bald nicht mehr hören können: Am letzten Donnerstag ist Lutz gestorben.

Armin Büttner

Albert Ayler: «Stockholm, Berlin 1966», HatHut.

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