Nr. 11/2009 vom 12.03.2009

Zurück aus dem Weltall

Der Saxofonist und Bandleader erzählt, wie er mit Sun Ras kosmischem Jazz in Berührung kam und weshalb er mit dem Sun Ra Arkestra seit Jahrzehnten auf der Reise ist.

Von Christoph Wagner

Der Saal des Deaf Institute in Manchester ist zum Bersten voll und das junge Publikum völlig aus dem Häuschen. Auf der Bühne hebt das Sun Ra Arkestra ab. Ein Dutzend afroamerikanischer Musiker in Glitzerkostümen heizt mächtig ein: Swingender Big-Band-Jazz wechselt mit wilden Improvisationen ab. Hymnische Gesänge in stampfendem Rhythmus münden in abstrakten Blues. Am linken Bühnenrand laufen die Fäden bei einem drahtigen kleinen Kerl zusammen, der mit lässigen Handbewegungen die Band durch knifflige Arrangements lotst. Marshall Allen ist der Veteran im Sun Ra Arkestra und seit einiger Zeit der Bandleader. Er bläst sein Altsaxofon mit Wucht und grosser Leichtigkeit, lässt es röhren, heulen und singen, tänzelt zum Rhythmus der Musik über die Bühne und feuert die Bläser zu punktgenauen Einsätzen an.

Raumschiff Erde

«Vor ein paar Monaten war ich zur Untersuchung im Krankenhaus. Die Ärzte konnten es nicht glauben, einen 84-Jährigen vor sich zu haben, an dem sie keinen Fehler finden konnten», schmunzelt Allen und zündet sich noch eine Zigarette an, die dritte in Folge. 1995, zwei Jahre nach dem Tod des kosmischen Jazzpropheten Sun Ra, der mit bürgerlichem Namen Herman Blount hiess, hat Allen die Leitung des Arkestras übernommen, dem er seit über fünfzig Jahren angehört.

Es ist paradox: Seit Sun Ra das Raumschiff Erde verlassen hat, strahlt sein Stern heller denn je. Das Arkestra gilt heute als eine der profiliertesten Jazzbands der Gegenwart und hat inzwischen auch in der alternativen Rockszene viele Fans gewonnen.

Seit Allen den Kurs bestimmt, hat sich einiges verändert. Weniger Mystik, weniger Esoterik, weniger Kult - kein Griff nach den Sternen und ins Weltall mehr. Man trägt zwar noch die glitzernden Astronautenanzüge, man spielt noch kosmischen Jazz, doch sonst ist das Arkestra zu einer ziemlich normalen Jazzband mutiert. Auch die klösterlichen Regeln gelten nicht mehr. Was unter Sun Ras Regime undenkbar gewesen wäre, ist nun eine Selbstverständlichkeit: In der Garderobe wird geraucht und Bier getrunken!

«Wir müssen die verschiedenen Persönlichkeiten unter einen Hut bringen, junge wie alte, und das geht nur, indem man unterschiedliche Haltungen toleriert», rechtfertigt Allen den Laisser-faire-Stil. «Es geht ja vor allem darum, den günstigsten Rahmen zu schaffen, um die Talente der Musiker optimal zur Geltung zu bringen.»

Land des Blues!

Allen ist ein Südstaatengewächs - 1924 in Louisville, Kentucky, geboren. Das ist Hillbilly- und Bluegrass-Terrain, wo Banjos geradezu aus dem Boden schiessen. Und darüber hinaus: Land des Blues! «Auf Bluesmusiker traf man überall. Sie spielten in Tavernen. Oft waren es Pianisten», erinnert sich Allen. «Allerdings war ich damals noch zu jung und durfte nicht hinein. Deshalb trieben wir uns vor den Kneipen herum und hofften, ein paar Takte aufzuschnappen.»

In Allens Kindheit machte gerade ein neues Medium Furore, das die Unterhaltung zu Hause revolutionierte, ein magischer Zauberkasten, der zum Ohr zur Welt wurde. «Um das Radio versammelte sich die ganze Familie. Wir hörten Nachrichten, Comedysendungen oder Boxkampfübertragungen, auch Jazz von Fletcher Henderson und Louis Armstrong», erinnert sich Allen. Als Fletcher Hendersons Band zu einem Auftritt nach Louisville kam, gab es für den Teenager kein Halten mehr. «Die Band machte einen riesigen Eindruck auf mich», sagt er. «Es war die erste Jazzcombo, die ich ‹live› erlebte - wow!»

Das Konzerterlebnis machte aus Allen einen Jazzfan, der im Schulorchester fleissig das Saxofon blies. Zur Armee meldete er sich mit der Absicht, ins Musikkorps zu kommen. «Erst in der Militärkapelle begann ich, mein Instrument ernsthaft zu erlernen», erklärt er. Der Militärdienst brachte ihn nach dem Zweiten Weltkrieg nach Europa, wo er in Paris stationiert war.

Ägypten, die Bibel und die Planeten

Nach der Entlassung liess sich Allen in Chicago nieder. Er war in verschiedenen Combos aktiv. 1958 wurde er auf eine Gruppe aufmerksam, die im schwarzen Vergnügungsviertel der South Side auftrat. «Ich fand heraus, dass sie in einer Bar spielten, und ging hin, um zu fragen, ob ich einsteigen könne», berichtet Allen von seiner ersten Begegnung mit Sun Ra. «Aber so schnell ging das nicht. Sun Ra fing an, über Ägypten und den Weltraum zu reden, über die Bibel und die Planeten. Ich wurde ungeduldig und fragte: ‹Wann kann ich spielen?› Doch er liess sich nicht aus der Ruhe bringen und redete die ganze Nacht auf mich ein. Am nächsten Tag tauchte ich wieder auf, und wieder nur: talk, talk, talk!»

Allen liess nicht locker. Nach Wochen wurde er endlich zum Privatunterricht gebeten. Er bekam Noten, und Sun Ra erklärte ihm, wie die Stücke zu interpretieren seien und wie man darüber improvisiert. Erst nach Jahren erhielt er einen festen Platz in der Band. «Ich war immer da, jeden Tag, und wurde schliesslich aufgenommen.»

Anfang der sechziger Jahre zogen Sun Ra und sein kleiner Kreis von Getreuen nach New York, wo sie in einem Haus zusammenwohnten - der Kosten wegen. Im Underground rumorte es damals gewaltig. Überall waren neue Kunstformen im Entstehen. Im Jazz probten junge Wilde wie Cecil Taylor und Archie Shepp den Aufstand und forderten das Jazzestablishment heraus.

Sun Ra und seine Mannen stiessen zu den Radikalen. Ihre Musik begann immer avantgardistischer zu klingen. Doch damit war kein Geld zu verdienen. War Ebbe in der Kasse, nahmen die Musiker Nebenjobs an, wobei Allen öfter als Maler arbeitete. «Es gab damals auf der Lower East Side von Manhattan ein breites Spektrum von Musik: Jazzgruppen, kubanische Combos, Latinbands. Es kochte! Man konnte als Musiker überall Arbeit finden. Ich spielte zeitweise mit Perez ‹Prez› Prado, dem ‹King of the Mambo›. Auch von westafrikanischen Highlifegruppen wurde ich engagiert, obwohl ich gleichzeitig in der Band von Sun Ra war. Das kam sich nicht in die Quere. Mit dem Arkestra verdienten wir nie viel. Trotzdem blieben wir zusammen. Es kam genügend herein, um zu essen und die Miete zu bezahlen.»

Sun Ra praktizierte ein rigoroses Übungsprogramm. Jeden Tag wurde mehrere Stunden geprobt. Immer brachte der Bandleader neue Stücke mit, die einstudiert wurden. «Er schrieb Musik wie andere Leute Briefe», erzählt Allen. «Es war ein Fulltime-Job, all diese Musik zu lernen. Das war über Jahre unsere tägliche Arbeit.»

Platten von Saturn

Gleichzeitig nahm man die geschäftliche Seite in die eigenen Hände. Das Schallplattenlabel Saturn wurde aus der Taufe gehoben. Hier erschienen von nun an die Aufnahmen der Gruppe, oft mit handgemalten Schallplattenhüllen, die heute gesuchte Sammlerstücke sind. «Sun Ra legte Wert darauf, unabhängig zu sein», sagt Allen. «Das Arkestra war eine umfassende Organisation. Sun Ra komponierte die Stücke, wir spielten sie und nahmen sie auf, pressten unsere eigenen Platten, gestalteten die Cover und verkauften sie bei Konzerten. So lief das!»

In den siebziger Jahren siedelte die Gruppe nach Philadelphia um, wo sich heute noch ihr Hauptquartier befindet, ein Haus, das ihnen Sun Ra vererbte. Inzwischen wird nicht mehr so rigide geprobt, obwohl man sich immer noch zwei bis drei Mal die Woche trifft, um in Form zu bleiben und neue Stücke einzuüben. «Ich schreibe frisches Material, und wir spielen Titel aus dem Kompositionsbuch von Sun Ra, die wir neu interpretieren und neu arrangieren», sagt Allen. «Junge Musiker kommen hinzu. Wir unterrichten sie, bringen ihnen die Musik bei, damit sie eines Tages die Band weiterführen können.»

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