Nr. 50/2011 vom 15.12.2011

Den Klangraum gliedern Leintücher

Erhellende Licht-Klang-Räume: Das hat der Basler Perkussionist Fritz Hauser zusammen mit dem Architekten Boa Baumann und der Lichtgestalterin Brigitte Dubach im Kunsthaus Zug geschaffen.

Von Thomas Meyer

In der einen Ecke des Raums ist eine einzelne Trommel ausgestellt; auf der Seite schräg gegenüber liegen schön aufgereiht weit über hundert Schlägel, Bürsten, Bögen, Beselchen et cetera, mit denen man eine solche Trommel, aber auch ein Becken oder einen kleinen Gong bespielen könnte. Das Verhältnis erscheint hier just umgekehrt, als man ihm sonst im Konzertsaal begegnet. Statt einer grossen, imposanten Batterie von Schlaginstrumenten wird hier nur ein einzelnes Instrument mit den unterschiedlichsten Materialien in Schwingung versetzt. Gewiss: Fritz Hauser kennt das ganze Instrumentarium à fond, und er setzt es auch gelegentlich auf üppigere Weise ein. Aber es kann gut sein, dass er sich mit einem einzigen Instrument begnügt und dessen Klanglichkeiten auf alle erdenklichen Arten aushorcht. Less is more. In der Reduktion steckt der Reichtum.

Musik, Raum und Licht miteinander

Auf diese Weise fokussiert der 1953 geborene Basler Perkussionist in den Klang hinein und lässt ihn im Raum erstehen. Tatsächlich wird es erst durch solche Konzentration möglich, den Raum mitzuerleben. Kein Wunder, arbeitet Hauser häufig für seine Projekte in und mit Architekturen, so etwa in der Therme von Vals.

Mit dem Berner Architekten Boa Baumann verbindet ihn eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Dabei ist auch wichtig, wie das Licht hineinspielt – und deshalb kommt als Dritte in diesem Projekt die in Basel lebende Lichtgestalterin Brigitte Dubach hinzu. Wie diese Ebenen zusammenwirken, ist nun im Kunsthaus Zug zu erleben, das zum «Klanghaus Zug» umgestaltet und umbenannt wurde. Es ist quasi eine Trioausstellung – einzelne Räume verdeutlichen diesen Aspekt des Zurückblickens, indem sie Gegenstände, Entwürfe und Programme aus den früheren Arbeiten versammeln.

Aber eigentlich möchte Hauser diese Installation lieber als «Retroperspektive» verstanden wissen, «weil sie Vergangenes zusammenfasst und gleichzeitig ein Sprungbrett für weitere Arbeiten bietet». Denn die Arbeit soll ja in die Zukunft hineinführen. In dieser Kooperation sind alle Ebenen gleichwertig. Hier wird nicht erst zuletzt, wenn Raum und Licht schon fertig sind, noch ein bisschen Klang installiert; hier wird auch nicht zu fertigen musikalischen Abläufen nur noch die optimale Raumdisposition gesucht. Die drei Ebenen Raum, Licht und Musik wachsen vielmehr miteinander; die vorhandenen Puzzleteile werden exakt ineinandergefügt, Neues wird gemeinsam entworfen. «Es geht um die Grundkonzeption», sagt Hauser, «um die Grundstimmung, die Materialität. Und da sind wir alle drei gleich: Wir reagieren auf den Ort, auf den Zeitraum, auf das Budget, ganz pragmatisch – was am Schluss dann aber immer zu einer Stimmigkeit führt.»

Die Verbindung der drei Ebenen ist in Zug wunderbar gelungen: Man hat alle Räume des Kunsthauses geleert, hat die schönen Kokoschkas und Klimts für einige Zeit in den Keller gestellt, die Storen hochgezogen und Licht hereingelassen und so ganz andere Wahrnehmungsräume geschaffen. Das Klanghaus bietet damit nicht nur den erwähnten Rückblick, sondern als Herzstücke auch drei sehr unterschiedlich gestaltete Räume.

Da ist zum einen ein garagengrosser Raum, in dem verschiedene Kuben stehen. Aus ihnen hört man Schab-, Schraffier-, Reib- und Schleifgeräusche, mal feiner, mal penetranter. So entsteht eine «werkstättische» Klangwelt, real und doch irreal. Ganz anders der Estrichraum, hell, lichtdurchflutet, fein zwischen Rosa und Hellblau changierend, gegliedert durch weisse Leintücher, die den Klangraum unterteilen. Geräusche von aussen dringen herein. Aus Lautsprechern, die Pendellampen gleichen, erklingen einzelne Töne und Geräusche, sehr lokal, und lassen einen diskontinuierlichen Klangraum entstehen, in dem man sich frei bewegen kann.

Zwischen feuchter Wäsche

Für Hauser ist darin auch die Erinnerung verwoben, dass er als Jugendlicher auf dem Estrich üben musste und dort, zwischen der aufgehängten feuchten Wäsche, auch die akustische Welt draussen mit vernahm. Er wurde nicht, wie angehende Schlagzeuger sonst oft, in den Keller verbannt. Aber diesen Kellerraum gibt es im Klanghaus Zug auch: mit seinen weichen Sitzen, die im Dunkeln stehen, lädt er ein, sich niederzulassen und sich nun in einen an- und abschwellenden, ständig weiter sich entwickelnden Klangstrom zu versenken. Wie hier der Raum im Kontinuum aufgelöst wird, ist ungemein faszinierend, man sollte sich freilich schon ein bisschen Zeit dafür nehmen.

«Das ist wie eine Welt für sich da unten», sagt Hauser: «Oben hingegen wollen wir das Licht und den Klang von draussen haben, die Kirchenglocken und Autogeräusche. Dadurch erhält das Ganze auch eine Lebendigkeit. Wenn man solche Mitstreiter hat, die einem helfen, einen Klangraum in diese Form, diese Farbe und dieses Licht zu bringen, ist das für mich die ideale Form einer multimedialen Arbeit.»

Fritz Hauser «Klanghaus Zug» im Kunsthaus Zug. Diverse Veranstaltungen. Di–Fr, 12–18 Uhr; Sa/So, 
10–17 Uhr. Bis 4. März. www.kunsthauszug.ch

Parallel zur Ausstellung erscheint 
das Buch «Architektur Musik. 
Boa Baumann. Fritz Hauser». Hrsg. Hubertus Adam. 120 Seiten, mit CD. Niggli-Verlag. Sulgen 2011. 
58 Franken.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch