Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Trommelpoet des Alltags

Ob mit dem «Beat Diary» oder mit seinem «Morphblog»: Der Berner Schlagzeuger Julian Sartorius sorgt mit originellen Projekten für Aufsehen. Die Instrumente für seine solistische Trommelmusik findet er auf dem Flohmarkt oder am Wegrand.

Von Christoph Wagner

Reiben, schlagen, kratzen, schaben: Perkussionist Julian Sartorius ist ein vielseitiger Klangmacher.

Immer am letzten Sonntag im Monat ist Julian Sartorius früher als sonst auf den Beinen. Dann durchkämmt er in Bern den Flohmarkt rund um die Dampfzentrale. Er sucht nichts Bestimmtes, doch alles, was klingen könnte, nimmt er in Augenschein. Letztes Mal hat er eine Zither erworben («Ein Riesending für nur dreissig Stutz»), davor eine Metallschale, die summt, wenn man sie reibt.

Eigentlich ist der junge Mann mit den ungezähmten Haaren Schlagzeuger, doch sein Horizont reicht weit über den Rand seiner Basstrommel hinaus. Sartorius ist Klangforscher, Geräuscheerkunder, ein Detektiv, der immer hinter Tönen und Rhythmen her ist. Als Trommelpoet des Alltags würde er am liebsten die ganze Welt in ein riesiges Perkussionsinstrument verwandeln.

Experimente mit Vibratoren

Die Utensilien vom Flohmarkt, oft auch aus der Eisenwarenhandlung (lange Schrauben), vom Baumarkt (Gewindestäbe) oder vom diskreten Onlineversand (Vibratoren), schafft er in sein Studio in der Dampfzentrale, wo sich Berge von Instrumenten, Schlagzeugteilen und Alltagsgegenständen stapeln. «Zatter» heisst das im Berner Dialekt: Unordnung! Doch aus dem Durcheinander zieht Sartorius Inspiration. Intensiv setzt er sich mit den Fundsachen auseinander, reibt, schlägt, kratzt und schabt sie, um herauszufinden, welche Töne, Klänge und Geräusche in ihnen stecken. «Ich schaue, was das Material hergibt, und lasse mich davon anregen», beschreibt er den kreativen Prozess. So mancher Fund entpuppt sich als Niete, da ihm beim besten Willen keine interessanten Sounds zu entlocken sind. Andere offenbaren dagegen verborgene akustische Qualitäten. Manchmal hilft auch der Zufall. «Ich experimentierte mit Vibratoren, um Wirbel auf Metallbecken zu erzeugen. Aus Versehen legte ich einen auf eine Trommel, die mit einem Tuch bedeckt war, und ein tiefer Brummton ertönte wie von einem Synthesizer», erinnert sich Sartorius. «Aus diesem Sound habe ich ein Stück entwickelt.»

Eine halbe Wagenladung solcher Klangerzeuger kommt auf seinem aktuellen Soloalbum zum Einsatz, das eben «Zatter» heisst. Die Bandbreite reicht von konventionellen Gongs und Cymbals zu eher unorthodoxen Röhren, Metallteilen und Gummibällen. Sartorius schafft damit eine subtile Musik, live eingespielt, die so unterhaltsam wie sinnlich, so verblüffend wie raffiniert klingt. Der US-Produzent Shahzad Ismaily (Sam Amidon, John Zorn) kam eigens von Brooklyn nach Bern, um an den Aufnahmen mitzuwirken.

Sartorius’ perkussionistische Alleingänge haben mit dem klassischen Schlagzeugsolo, wie man es aus Jazz und Rock kennt, nichts zu tun. Seine Stücke gleichen eher den Trommelfantasien, wie sie von Schlagzeugern des modernen Jazz wie Pierre Favre oder Gerry Hemingway in den siebziger und achtziger Jahren entworfen wurden: komplexe Gebilde, die die konventionelle Klangwelt des Schlagzeugs aus den Angeln heben. Vierzehn Stücke sind auf dem Album enthalten, jedes besitzt einen eigenständigen Charakter. Sartorius arbeitet jeweils eine spezielle Klangfarbe heraus: «Bei einem Stück legte ich Klangschalen auf die Snare Drum, die den Schnarrteppich in Schwingung versetzten», erklärt er eine der Spieltechniken.

Sartorius ist schon früher mit originellen Ideen aufgefallen. 2011 nahm er über ein Jahr lang ein sogenanntes «Beat Diary» auf, ein Tagebuch aus Trommelminiaturen, die er täglich einspielte und die seine Aktivitäten an dem jeweiligen Tag reflektierten. «Ich hatte immer und überall ein paar Schlagzeugstöcke und ein digitales Aufnahmegerät dabei und bespielte alle möglichen Materialien, ob im Wald oder im Zug», erzählt er. Einmal verwandelte er die Stahlverschränkungen eines Überlandleitungsmasts in ein riesiges Metallophon, ein andermal spielte er auf dem Draht eines Zauns in Hackbrettmanier. Schon beim Hören von nur ein paar der 365 Clips, die als Zwölf-LP-Box in einer limitierten Auflage von 365 Exemplaren erschienen sind, beginnt man die Welt um sich herum mit anderen Ohren wahrzunehmen. «Brillant» fand das auch der britische Dancefloor-Avantgardist Matthew Herbert.

In modifizierter Form führt Sartorius das Projekt nun mit seinem «Morphblog» im Internet fort. Beibehalten hat er die tägliche Routine, neu sind die künstlerischen Mittel: Jeden Tag entwickelt er ein kleines visuelles Kunstwerk weiter, das er mit einem Soundloop von acht Sekunden unterlegt. Irgendwann sollen diese Musikbilder zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefasst werden.

Sartorius ist ein vielseitiger Geist, der sich ebenso selbstverständlich im Pop wie in der Clubmusik bewegt. Er war in Sophie Hungers Band, als die Songwriterin zum grossen Karrieresprung ansetzte – er stieg an dem Punkt aus, weil ihm zu wenig Zeit für die eigenen Projekte blieb –, und er hat mit dem Elektroniker Dimlite den Dancefloor bespielt. Danach startete er mit dem englischen Vokalisten Merz ein gemeinsames Projekt. Die Songs von Merz wurden von Sartorius und drei weiteren Schlagzeugern untermalt – nur Stimme und Trommeln: die Urbesetzung aller Musik! Näher am Jazz segelt er mit dem Colin Vallon Trio. Die Gruppe, die beim Label ECM unter Vertrag ist, geht mit der Jazztradition auf experimentelle Weise um. Sartorius sitzt am Schlagzeug und lässt es da auch mal mächtig swingen. Die avantgardistischen Abenteuer haben ihm offenbar nicht die Freude am konventionellen Schlagzeugspiel genommen.

Sehnsucht nach Melodien

Dennoch haben Sartorius’ Entgrenzungsträume auch mit den Beschränkungen des Schlagzeugs zu tun: Melodien sind auf dem Rhythmusinstrument kaum spielbar. Daran stört sich der Musiker: «Ich will über das konventionelle Trommelspiel hinaus und mit Langtönen arbeiten, die man übereinanderschichten kann. Darum beneide ich Bläser. Sie können Töne lange halten und formen.» Um der Frustration entgegenzuwirken, greift er weiter aus: Unlängst hat er sich einen Synthesizer gekauft, dazu mit dem Banjospielen begonnen.

Nur eine Frage der Zeit, bis auch die Zither vom Flohmarkt zum Einsatz kommt. Auf welche Weise, ist allerdings nicht abzusehen.

Solo-Konzertdaten: Samstag, 11.10.14, Zürich, Galerie Visarte, Sihlquai 55; Samstag, 8.11.14, Winterthur, Internationale Kurzfilmtage; Samstag, 29.11.14, Zürich, Unerhört!-Festival. Konzertdaten Merz feat. Sartorius Drum Ensemble: Freitag, 14.11.14, Uster, Drum Pam Festival; Sonntag, 16.11.14, Bern, Bee-Flat.

www.morphblog.com

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