Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Klänge wie Hefeteig

Vom Zikadenzirpen bis zum Metallgeschabe: Der Komponist und Klangkünstler Fritz Hauser erschliesst dem Schlagzeug neue Dimensionen, zu hören auf dem Album «Different Beat».

Von Christoph Wagner

Schreibkrisen können auch Komponisten befallen. Fritz Hauser plagte vor ein paar Jahren das Problem. Der Basler war auf Korsika in Urlaub und hatte noch ein Auftragswerk auszuführen. «Ich dachte, ich würde sicher ein paar ruhige Stunden finden, aber es war so unerträglich heiss, dass mir nichts einfiel», erinnert er sich. Die Deadline rückte näher, das Stresslevel stieg. Erst als eines Abends das Zirpen der Grillen einsetzte, kam Hauser die zündende Idee: den Gesang der Zikaden in ein Perkussionsstück verwandeln! Jetzt war alles nur noch eine Frage des Handwerks, plus Fleiss. Er machte sich an die Arbeit, sammelte, sortierte und verwarf Einfälle, fertigte Skizzen und schrieb endlos Noten, um am Schluss eine Komposition für vier Woodblocks in den Computer zu tippen.

Im Dezember 2014 stand in der Salle de Musique in La Chaux-de-Fonds die Aufzeichnung des Zikadenstücks an. «Ein satanisch schwieriges Stück», warnte der Komponist die Mitglieder der Perkussionsgruppe We Spoke. Doch das versierte Ensemble um Serge Vuille liess sich davon nicht bange machen: Nach ein paar Durchgängen war die Aufnahme im Kasten. Für ein weiteres Stück mit dem Titel «Schraffur» nahmen die vier jungen Musiker je einen kleinen Gong in die Hand. Mit chinesischen Essstäbchen wurde das schroffe Metall geschabt – rhythmisch-synchron, rauf und runter, ohne Unterlass. Der Effekt war verblüffend: Nach einer Weile entstand durch das Scharren und Schraffieren eine Obertonwolke, die sich mehr und mehr verdichtete und im Raum zu flirren begann. Offenbar funktioniert monochrome Klangmusik wie monochrome Malerei: Erst mit der Zeit entfaltet sich ihre Wirkung. «Die Klänge gehen auf wie Hefeteig», sagt Hauser. «Man staunt, wundert sich und denkt: Wo kommt das alles her?»

Versteckte Sounds freilegen

«Different Beat» hat Hauser das Album betitelt, das zu Beginn dieses Jahres erschienen ist. Der Name steht programmatisch für seine Arbeit: Hauser spürt versteckten Sounds nach, die im Material gebräuchlicher Perkussionsinstrumente verborgen liegen – ob in Gongs, Trommeln oder Metallbecken. «Da gibt es noch einiges zu entdecken.» Indem er die Klangkörper gegen den Strich bürstet, gelingt es ihm, akustische Phänomene zum Vorschein zu bringen, von deren Existenz vorher niemand wusste. Fündig geworden, versenkt sich Hauser intensiv in die Klänge – so tief, dass ihm das Gefühl für Raum und Zeit abhandenkommt. «Wenn man sich öffnet und in den Klang eintaucht, ist man völlig verloren», sagt er. Auf solche elementare Hörerfahrungen ist der Basler Hypertrommler aus.

Hauser ist ein «drumaholic», schlagzeugsüchtig. Jede freie Minute verbringt er im Probekeller: «Es macht mir immer noch ungeheuren Spass zu üben, zu recherchieren und zu experimentieren. Oft übe ich dieselben Rudiments wie schon vor vierzig Jahren, nur geht es mir inzwischen weniger ums Tempo als um Klangfarben, Koloraturen, Akzente und Dynamik.»

Fritz Hausers Karriere begann in der Jazzrockgruppe Circus in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Später spielte er länger mit dem Saxofonisten Urs Leimgruber. Mit ihm hob er das Quartet Noir aus der Taufe – ein Freejazzensemble von internationalem Format. Der grossen Egos überdrüssig, wandte sich Hauser anschliessend vermehrt eigenen Vorhaben zu. Für den Basler Zoo entwarf er ein Hörspiel aus Tierlauten. 1992 machte sein «Solodrumming»-Projekt Furore. John Cage, der Urvater der Avantgarde, widmete ihm eine seiner letzten Kompositionen. Später entwarf Hauser für Peter Zumthors Therme in Vals ein «Klangbad».

Dabei ist Hauser ein Einzelgänger geblieben. Einer bestimmten Szene fühlte er sich nie zugehörig. Jazzklubs sind nicht unbedingt seine Welt, vielmehr wählt er ganz spezielle Orte für seine Vorhaben, wobei der Raum Teil der Musik wird.

Ein paar Tische decken

Ob Malerei, Literatur, Architektur, Theater, Tanz oder Filme, Hauser holt sich Inspiration nicht nur aus dem Reich der Musik. Seine Sensoren hat er spartenübergreifend auf Empfang geschaltet. Vermehrt bezog er in den letzten Jahren optische Elemente in seine Arbeit ein, auch Bewegung, Theater und Tanz. Mit dem Architekten Boa Baumann entwarf er ein Wohnhaus, das streng nach Trommelrhythmen konstruiert war. Die neuste Klangsuche führt Hauser an die Universität Zürich. In der Installation «Sounds of Science» im Rahmen der Kunstbiennale Manifesta untersucht er in Laboren, an Arbeitsplätzen und Begegnungsorten, wie die Wissenschaft klingt.

Nach musikalischen Einflüssen gefragt, verweist Hauser auf archaische Stile, auf Ritualmusiken aus unterschiedlichen Teilen der Welt. «Ethnische Musik hat eine Direktheit und Kraft, die künstlich gar nicht herzustellen ist», sagt der Komponist. Auch Umweltgeräusche wie das Flügelschlagen von Vögeln oder das Abbrechen von Eisschollen faszinieren ihn. Generell bevorzugt er Konzerte gegenüber Musik aus der Konserve. «Wenn ich vor den Lautsprechern sitze, glaube ich nicht, dass sie stattfindet.»

Sorgfalt, Präzision, unablässige Zuwendung und hohe Konzentrationsfähigkeit sind die Eigenschaften, die Fritz Hauser auszeichnen. «Ich verstehe mich als kleines Spezialitätenrestaurant», meint er. «Ich koche für eine kleine Kundschaft – für ein paar Tische am Abend. Dafür wende ich mein ganzes Können auf, verwende die besten Zutaten, die sich auftreiben lassen. Qualität ist mir wesentlich.»

«Sounds of Science» ist am Samstag, 25. Juni 2016, um 17 und 18 Uhr im Lichthof der Universität Zürich zu hören (Anmeldung erforderlich).

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